Aktionsangebot

Glück auf, die Steiger kommen

Josefine Walter und Finn Tiedemann probieren das Grubenfahrrad aus. Den Besuch im Trainingsbergwerk der RAG fanden die Neuntklässler der Gesamtschule Holsterhausen in Essen spannend und lehrreich.

Foto: Kai Kitschenberg

Josefine Walter und Finn Tiedemann probieren das Grubenfahrrad aus. Den Besuch im Trainingsbergwerk der RAG fanden die Neuntklässler der Gesamtschule Holsterhausen in Essen spannend und lehrreich. Foto: Kai Kitschenberg

Recklinghausen.   Essener Gesamtschüler besuchen das Trainingsbergwerk der RAG.

Bergmann Uwe Reichelt holt aus und lässt den Schlägel auf die Pannschüppe fallen, die er doch tatsächlich gerade „Weiberarsch“ genannt hat. Über dieses Wort für die auffällig geformte Schaufel zu Kichern würde jedoch keinem Schüler der Klasse 9A der Gesamtschule Holsterhausen einfallen, denn die Pannschüppe hält der Steiger vor das Gesäß ihres Lehrers Klaus Lehmkuhl.

Der Pauker hat gerade seinen Hauerschlag erhalten, zumindest dem Brauchtum nach ist er jetzt ein Bergmann. Wie echte Bergleute sehen auch die 22 Mädchen und Jungen aus, die an diesem regnerischen Dezembermorgen das Trainingsbergwerk Recklinghausen besuchen dürfen. Weiße Baumwollkittel tragen sie und Sicherheitshelme. Die Kittel haben laut Schildchen die Konfektionsgrößen 48, 50 oder 52. „Werden halt bei 110 Grad gewaschen,“ informiert der Steiger knapp. Macht nix – auf Schönheit kommt es unter Tage nicht an.

Viele Schüler wissen, dass Familienmitglieder früher unter Tage gearbeitet haben

Die RAG, die Betreiberfirma der letzten Steinkohlebergwerke in Deutschland und auch des Trainingsbergwerks, hatte eine Schulklasse über den Mediacampus eingeladen, sich einen Tag auf die Spuren des Ruhrbergbaus zu begeben. Lehrer Lehmkuhl und sein Kollege Bernhard Haußmann bewarben ihre Neuner und bekamen den Zuschlag.

Den Bezug zur Kohle und zur Arbeit unter Tage haben einige Schüler: Dilara Merdivan zum Beispiel. Ihr Großvater war Bergmann, hat unter Tage gearbeitet. Erkennt sie etwas von Opas Erzählungen bei der Tour von Steiger Uwe Reichelt wieder? „Irgendwie nicht. Opa hat viel körperlich gearbeitet und hier sind so viele riesige Maschinen,“ stellt die 14-Jährige fest.

Ein komisches Gefühl

Kein Wunder, denn die Arbeit der Bergleute hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder gewandelt. So beginnt die Führung mit einer Maschine aus den 80er Jahren, die in einer Minute über acht Meter Kohle abtragen kann. Früher, so der Fachmann, haben die Arbeiter für dieselbe Strecke vier bis fünf Tage gebracht, heute wäre der Abbau der gleichen Menge innerhalb von Sekunden kaum der Rede wert.

Ein Signalton schrillt durch den mit hydraulischen Stahlträgern abgestützten Stollen. „Ha! Lukas hält sich schon die Ohren zu,“ witzelt ein Schüler gerade noch. Kurz darauf tut er es seinem Klassenkameraden gleich, denn kreischend und polternd setzt sich ein Förderband in Bewegung - ohrenbetäubender Lärm erfüllt den Gang, in dem die meisten Schüler nur gebückt stehen können, als sich eine Maschine durch das Bergwerk frisst.

„Alles super sicher,“ versichert der erfahrene Bergmann. Dennoch: „Hast du Angst?“ raunt ein Schüler dem anderen zu. „Eher ein komisches Gefühl,“ antwortet dieser. Kein Wunder, 45 Megapascal Druck liegen auf den Gebirgssteinen. Die Zahl hat Sven sich genau gemerkt. Auch wenn der Bergmann heute mit vielen unvollstellbar hohen Zahlen jongliert und sich niemand die Wucht der Gesteinsmassen genau vorstellen kann – das ist schon ganz schön viel. Merklich atmen die Kinder deshalb auf, als sie wieder aufrecht stehen können und direkt vor ihnen ein Fahrrad steht.

Selfies auf der Fahrraddraisine

Nunja, genau genommen eine Fahrraddraisine. Das Schienenfahrzeug kann zwei der Nachwuchsknappen transportieren und begeistert rasen die Schüler nach der drückenden Enge und dem dröhnenden Maschinenlärm im Gang über die Schienen. Festhalten! Nein, doch nicht! Wer vorne sitzt, zückt sein Smartphone um ein Selfie von diesem Moment aufzunehmen. Nachdem alle gefahren sind, läuft das Trüppchen weiter.

„Glückauf“ rufen sie mit fester Stimme im Chor, kommt ihnen ein Arbeiter entgegen. Am Morgen ging der Gruß der Bergleute den Schülern noch schwerer über die Lippen. Während die hochmodernen Maschinen computergesteuert werden und die vielen unterschiedlichen Knöpfe so Ehrfurcht einflößend sind, dass nur der Fachmann sie drückt, dürfen Presslufthammer und Bohrer auch von den Kindern einmal ausprobiert werden. Mit beiden Händen greifen sie die Geräte, unterstützen den Halt mit einem Fuß, doch sobald Steiger Reichelt einschaltet werden sie durchgeschüttelt. „Das kloppt einen ganz schön weg,“ bemerkt ein Mädchen beeindruckt.

Das Erlebte aufschreiben

So viele Informationen, so viel Neues! Doch Finn Tiedemann lässt sich nichts erzählen. Wie ein Journalist auf einer Pressekonferenz sitzt er nach einem kurzen Film in der ersten Sitzreihe, legt die Stirn unter den blonden, langen Haaren in Falten und hakt nach: „Sie haben doch gerade gesagt, dass der Kohlebau 2018 endet.

Warum wird dann hier noch ausgebildet?“ Die Antworten notiert er sich fleißig auf einen Block. Das Thema ist spannend! Auch dass sich die Investition in eine Maschine, die 25 Millionen Euro kostet, sich wirklich lohnen soll, hinterfragt er im Interview, während seine Klassenkameraden sich schon zum Aufbruch sammeln.

Die Ratten zum quieken bringen

Dilara will mit ihrem Opa über ihren Tag und seine Vergangenheit unter Tage sprechen. Hat auch er „die Ratten zum quieken gebracht?“ Angeblich haben die Bergleute das getan, um einen frühen Feierabend zu erwirken, denn verfallen die Nager in Panik, ist das ein Zeichen für Erdbewegungen und schlimmstenfalls einen bald einstürzenden Stollen. Augenzwinkernd hatte der Steiger berichtet, dass die Tierchen nicht nur angesichts eines Grubenunglücks Alarm schlagen, sondern auch wenn die Kumpel die Ratten geärgert hatten. Zunächst wird Dilara aber ein paar Vokabeln auf Türkisch übersetzen müssen, denn Opa Merdivan spricht nicht so perfekt Deutsch wie seine Enkelin Dilara.

Zwei andere Mädchen möchten recherchieren, was der Steiger bei der Begrüßung meinte, als er davon sprach, dass es nur bei katholischen Priestern und unter Tage keine Frauen gebe.

Lange nachdem sie die Kittel und Helme wieder abgegeben und ihre Schuhe und Hände gereinigt haben, diskutieren sie noch über das Erlebte und viele fassen den Entschluss eine Geschichte darüber zu Papier zu bringen. Schließlich geht es hier um Heimatgeschichte, so hat Lehrer Lehmkuhl das erklärt: „Die Geschichte der Kohle ist die Geschichte des Ruhrgebiets.“

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik