UN Klima-Gipfel

Glauben Sie, dass die Welt auf Sie hört, Frau Braam?

Anna Braam

Foto: NRZ

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Paris/Niederrhein.   Anna Braam nimmt als Jugend-Delegierte am UN Klimagipfel in Paris teil. Ihr Thema: Generationengerechtigkeit.

Anna Braam ist 27 Jahre jung und verschafft sich zurzeit schlaflose Nächte in Paris: die Halderner Politikwissenschaftlerin ist Jugenddelegierte beim Klimagipfel in Paris. Ihr Schwerpunkt-Thema: Generationengerechtigkeit, Bildung und Dekarbonisierung – der Ausstieg aus den fossilen Energien. Wir haben sie mal angerufen, in Paris.

Hallo Frau Braam. Alles fit?

Ja, danke. Ein bisschen müde bin ich. Aber es ist auch alles sehr sehr aufregend.

Wie wird man denn UN-Jugenddelegierte? Wie wird man UN-Jugend-Delegierte?Wie wird man UN-Jugend-Delegierte?

Die meisten, mit denen ich im Netzwerk Jugendbündnis Zukunftsenergie zusammen arbeite, sind schon länger im Umweltbereich aktiv, haben z.B. erste Erfahrungen in Verbänden und Organisationen wie BUNDjugend und NAJU (Jugendorganisation des NABU) gesammelt und haben durch ihr Engagement einen der Akkreditierungsplätze bekommen, die die Umweltorganisationen bei den UN-Klimaverhandlungen haben.

Ich bin eher über den akademischen Weg UN-Jugenddelegierte geworden: Ich habe während des Studiums zum Thema „Generationengerechtigkeit“ gearbeitet. In der Zeit, als ich noch an der Masterarbeit geschrieben habe, habe ich Martin Speer und Wolfgang Gründinger von der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (SRzG) kennengelernt. Und dann beim Generationengerechtigkeitspreis einen Sonderpreis erhalten. Im Juni kam der lang ersehnte Anruf, mit der Frage, ob ich als Botschafterin für Generationengerechtigkeit für die SRzG ehrenamtlich arbeiten möchte.

Haben Sie sofort Ja gesagt?

Natürlich. Ehrenamtlich habe ich mich aber schon früh engagiert. Etwa beim SV Haldern als Fußballtrainerin einer Mädchenmannschaft (beim HSV habe ich selbst 18 Jahre gespielt) und bei den Jusos im Kreis Kleve. Den Grundstein für mein Klima-Engagement habe ich an der Universität Bremen gelegt, da ich mich dort zum ersten Mal mit Generationengerechtigkeit auseinander setzt habe.

Warum engagieren Sie sich im Bereich Klimapoltik?

Ich bin davon überzeugt, dass wir die Rechte der jungen und der zukünftigen Generationen stärken müssen. Gerade auch in Ländern des globalen Südens. Das Pariser Abkommen hat das Potential die Klimapolitik dieses Jahrhunderts maßgeblich zu bestimmen – in diesen Tagen werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Wir haben diese Welt von unseren Kindern und Enkeln nur geborgt. Wir sollten sie in einem guten Zustand an sie übergeben.

Was verstehen Sie unter Generationengerechtigkeit?

Zukünftige Generationen haben die gleichen Rechte wie die heute Lebenden. Sie haben ein Recht auf die unterschiedlichsten Kapitalformen – beispielsweise auf künstliches Kapital in Form von Infrastruktur und Institutionen, auf soziales Kapital in Form gefestigter Normen und Werte in der Gesellschaft und sie haben einen Anspruch auf ökologisches Kapital. Dieses ökologische Erbe, das die heutige Generation den zukünftigen Generationen schuldet, zieht neben dem Erhalt der Artenvielfalt den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Lösung der atomaren Endlagerungsproblematik sowie eine Reduzierung der Treibhausgase mit ein. Mit einer risikoreichen Politik kann also bereits heute das Recht zukünftiger Generationen auf eine intakte Umwelt verletzt werden. Wird die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts um mehr als 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter steigen, kann der Meeresspiegel um bis zu einem Meter steigen – weltweit. Wenn das passiert, könnten bis zu 12 Inselstaaten mehr als die Hälfte ihrer Landmasse verlieren. Am stärksten von der Bedrohung des steigenden Meeresspiegels betroffen ist Kiribati.

Deshalb ist es wichtig, dass in Paris ein rechtlich verbindliches, ambitioniertes Klimaabkommen verabschiedet wird. Es bedarf klarer Finanzierungszusagen der Industrieländer an die Entwicklungsländer, die den Klimawandel nicht verursacht haben, aber zum großen Teil darunter leiden müssen.

Generationengerechtigkeit meint den fairen Ausgleich von Interessen und Ressourcen zwischen den Generationen – im ökologischen Kontext vor allem den Ausgleich zwischen der heutigen Generation und den zukünftigen Generationen. Generationengerechtigkeit ist dann verwirklicht, wenn die Chancen zukünftiger Generationen auf Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse mindestens so groß sind wie die der heutigen Generation. Dabei meint der Begriff „heutige Generation“ alle Menschen, die zu diesem Zeitpunkt den Planeten bewohnen. Zu den „zukünftigen Generationen“ zählen alle Personen, die in der Zukunft geboren werden – ganz gleich, ob morgen, in 10 Tagen oder in 100 Jahren.

Sitzungen, Verhandlungen, Meetings. Ist das nicht schrecklich zäh und langweilig?

Langweilig ist es eigentlich nie, dafür ist es mir viel zu wichtig, was hier passiert. Mein Arbeitstag hat im Schnitt 15 Stunden, ich schlafe wenig und vergesse allzu oft zu essen. Am Dienstag saß ich von 19 bis 22:30 Uhr in einer Verhandlungsrunde bzgl. des Artikels 2 und der Präambel des Abkommens – das sind die Stellen, in denen ich den Begriff „Intergenerational Equity“ (Generationengerechtigkeit) unterbekommen möchte.

Glauben Sie, dass Sie Ihr Ziel erreichen werden? Hört man in New York oder Berlin auf junge Leute?

Mein Ziel ist die Verankerung von Generationengerechtigkeit im Pariser Klimaabkommen. Die Frage, ob ich das erreiche, würde ich wohl jeden Tag anders beantworten. Der Prozess ist gerade sehr dynamisch, fast jeden Tag wird ein neuer Vertragsentwurf präsentiert, der sich aus den jeweiligen Verhandlungen ergeben hat.

Ich würde schon sagen, dass man in Berlin auf uns als Jugend hört. Ich arbeite neben meiner Vorstandsfunktion in der SRzG im Jugendbündnis Zukunftsenergie (JBZE). Allein in den letzten vier Monaten haben wir uns viermal mit VertreterInnen der deutschen Delegation zum Austausch getroffen. Damit wir in Paris und New York gehört werden, halten wir Pressekonferenzen ab, sprechen Delegierte anderer Länder an und informieren auf Veranstaltungen über Hintergründe zum Thema Generationengerechtigkeit.

Was konkret wollen Sie erreichen?

Zusammen mit der Arbeitsgruppe „Inteq“ (Kurzform für Intergenerational Equity) arbeite ich daran, Generationengerechtigkeit im Pariser Klimaabkommen zu verankern. Konkret soll der Passus „Intergenerational Equity“ Eingang in die Präambel sowie in Art. 2 des neuen Klimavertrags finden. Wenn das gelingt, so hoffe ich, kann sich die Gerechtigkeit zwischen den Generationen als Leitprinzip der internationalen Klimapolitik etablieren. Warum das so wichtig ist? Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geborgt. Wir sollten sie in einem guten Zustand an sie weitergeben; genauso gut wie der, den wir selbst vorgefunden haben. usammen mit der Arbeitsgruppe „Inteq“ (Kurzform für Intergenerational Equity) arbeite ich daran, Generationengerechtigkeit im Pariser Klimaabkommen zu verankern. Konkret soll der Passus „Intergenerational Equity“ Eingang in die Präambel sowie in Art. 2 des neuen Klimavertrags finden. Wenn das gelingt, hoffe ich, kann sich die Gerechtigkeit zwischen den Generationen als Leitprinzip der internationalen Klimapolitik etablieren. Warum das so wichtig ist? Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geborgt. Wir sollten sie in einem guten Zustand an sie weitergeben; genauso gut wie der, den wir selbst vorgefunden haben.

Die heutige Generation kann bereits heute für ihre Rechte einstehen und ihre Forderungen an die Politik richten. Die zukünftige Generation kann das nicht – da sie noch nicht geboren sind, haben sie keine Stimme, um ihre Interessen zu artikulieren. Die zukünftigen Generationen werden kommen, sei es morgen, in 10 Tagen oder in 100 Jahren und es liegt an den heute Lebenden, ihnen einen lebenswerten Planeten, eine Zukunft, zu hinterlassen. Darum braucht es eine Lobby für die zukünftig Geborenen.

Was hat nun Generationengerechtigkeit mit dem Klimawandel zu tun?

Zukünftige Generationen haben die gleichen Rechte wie die heute Lebenden. Sie haben ein Recht auf die unterschiedlichsten Kapitalformen – beispielsweise auf künstliches Kapital in Form von Infrastruktur und Institutionen, auf soziales Kapital in Form gefestigter Normen und Werte in der Gesellschaft und sie haben einen Anspruch auf ökologisches Kapital. Dieses ökologische Erbe, das die heutige Generation den zukünftigen Generationen schuldet, zieht neben dem Erhalt der Artenvielfalt den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Lösung der atomaren Endlagerungsproblematik sowie eine Reduzierung der Treibhausgase mit ein. Mit einer risikoreichen Politik kann also bereits heute das Recht zukünftiger Generationen auf eine intakte Umwelt verletzt werden. Wird die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts um mehr als 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter steigen, kann der Meeresspiegel um bis zu einem Meter steigen – weltweit. Wenn das passiert, könnten bis zu 12 Inselstaaten mehr als die Hälfte ihrer Landmasse verlieren. Am stärksten von der Bedrohung des steigenden Meeresspiegels betroffen ist Kiribati.

Deshalb ist es wichtig, dass in Paris ein rechtlich verbindliches, ambitioniertes Klimaabkommen verabschiedet wird. Es bedarf klarer Finanzierungszusagen der Industrieländer an die Entwicklungsländer, die den Klimawandel nicht verursacht haben, aber zum großen Teil darunter leiden müssen.

Was treibt Sie an?

Meine Familie: Ich habe zwei Geschwister, einen 26-jährigen Bruder, Benedikt, und eine 14-jährige Schwester, Amélie. Ich sehe bereits, dass Amélie anders aufwächst als Benedikt und ich: 14 der 15 wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen liegen in diesem noch jungen Jahrtausend und 2015 wird aller Wahrscheinlichkeit nach die vorangegangenen Hitzerekorde knacken. Amélie hat in ihrer Kindheit schon eine andere Welt erlebt als ich und auch ich habe die Welt nicht so erleben können wie das noch meine Eltern getan haben. Der Druck zu handeln wird immer größer.

Wie fühlt sich Paris in diesen Tagen an?

Man merkt, dass die Stimmung in der Stadt leicht angespannt ist und diejenigen, die für die Sicherheit zuständig sind, sehr vorsichtig agieren. Die Polizeipräsenz ist vor allem an den Bahnhöfen und Metro-Stationen stark, auf dem Konferenzgelände befinden sich knapp 3000 Polizisten.

Als ich Anfang der Woche auf dem Rückweg vom Konferenzgelände zum Apartment war (da war es auch schon Mitternacht) und in der Metro saß, musste ich vorzeitig aussteigen, da ein „verdächtiges Gepäckstück“ am Bahnhof Charles de Gaulle gefunden wurde. Die Großdemo, die am Ende der Klimakonferenz stattfinden sollte, wurde abgesagt. Und der Global Climate March, bei dem in über 2300 Städten in 175 Ländern Menschen für den Klimaschutz auf die Straße gehen wollte, fand ja auch nicht statt. Aber die Klimaaktivisten haben improvisiert: Auf dem Place de la République wurden tausende Schuhe aufgestellt – als Symbol für die Demonstranten, die nicht ihre Kundgebung durchführen konnten. Darunter waren auch die Schuhe von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Papst Franziskus. Außerdem fassten sich entlang der ursprünglichen Demonstrationsroute am Boulevard Voltaire nach Angaben der Veranstalter 10.000 Menschen an den Händen und bildeten eine Menschenkette. Vor der Konzerthalle Bataclan, wo bei den Anschlägen am 13. November 90 Menschen getötet wurden, ließen die Demonstranten eine Lücke.

Wie lange bleiben Sie noch dort?

Ich bin noch bis Freitag in Paris. Offiziell endet dann die Konferenz, aber es ist gut möglich, dass noch Verhandlungstage angehängt werden.

Und was machen Sie danach?

Am Samstag geht’s erstmal zur Weihnachtsfeier meiner Bremischen Fußballmannschaft, den 2. Damen des ATS Buntentor. Am 18. bin ich dann wieder im Klimakontext unterwegs, dann gehts zum Debriefing der deutschen Delegation nach Berlin. Auf einer Veranstaltung des Bremer Presseclubs werde ich von meinen Einblicken als UN-Jugenddelegierte berichten. Auf Weihnachten am Niederrhein in Haldern im Kreis der Familie freue ich mich besonders.

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