schöner bauen aus müll

Ein junges Architekten-Paar hat in Rotterdam aus Abfall ein Haus gebaut

Es duckt sich unauffällig in die Lücke, als hätte es immer schon dorthin gehört. Das Haus in der Gouvernestraat 93 in Rotterdam wird von den Architekten selbst bewohnt und als Büro genutzt.

Foto: Ossip van Duivenbode

Es duckt sich unauffällig in die Lücke, als hätte es immer schon dorthin gehört. Das Haus in der Gouvernestraat 93 in Rotterdam wird von den Architekten selbst bewohnt und als Büro genutzt. Foto: Ossip van Duivenbode

Rotterdam.   In Rotterdam hat ein junges Architektenpaar ein Haus aus Recycling-Material gebaut. Ihre vier Wände aus gebrauchten Mauerziegeln sollten moderne Häuslebauer inspirieren.

Welches ist denn nun das neue Haus? Nummer 93. Schon dran vorbei gelaufen? Nina Aalbers öffnet die Tür und lacht. Hier ist der Eingang, willkommen im Abfallhaus. Die junge Architektin zeigt ihren Neubau oft fremden Besuchern, dafür wird kein großes Aufhebens gemacht. Dann steht halt Ferrys Rennrad und der Rucksack im Weg zur Küche. „Kaffee oder Tee?“

Klare Linien, nackte Wände, ein großer Holztisch, wandhohe Fenster. Das hier ist kein Showroom, kein Statussymbol, sondern ein sehr praktisches Privathaus. Erstmal auf die Fensterbank setzen und plaudern. Natürlich haben Nina und ihr Mann Ferry in‘t Veld schon lange über das Bauen nachgedacht, schließlich sind sie Architekten und da will man ja nicht nur beruflich planen.

Eins vorweg: Mit Abfall bauen ist nicht billiger. Ganz im Gegenteil, neue Wege beschreiten, die noch keiner vorher gegangen ist, das ist immer ein Risiko. Auch finanziell. Geld spielt eine Rolle! Nicht dass die Endzwanziger zuviel davon hatten, als sie mit den Entwürfen anfingen. Sie planten ein schlichtes, kleines Häuschen für ihre persönlichen Bedürfnisse. Viel Eigenleistung, kein Schnickschnack.

Berge von Bauschutt

Baumaterial wiederverwerten? In Deutschland denkt man da an Trümmerfrauen, die nach dem zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau persönlich vorantrieben und alles verwendeten, was ihnen unter die Finger kam. Aber in den 70 Jahren danach ist viel hässliches Zeug gebaut worden, immer so als wäre es für die Ewigkeit. Keiner hat sich Gedanken darüber gemacht, wer den Bungalow wieder abreißen soll, wie man Asbest saniert, alte Flachdächer dicht kriegt. Und auch Müll, der nicht giftig ist, kann ein Riesenproblem sein. Das gilt nicht nur für Berge von Coffee-to-go Pappbechern, die wir gedankenlos verursachen. „40 Prozent des holländischen Abfalls ist Bauschutt!“ sagt Nina Aalbers.

Die Baubranche ist extrem konservativ. Nach uns die Müllhalde. Dachziegel, Sanitärkeramik, alte Fenster, Glasbausteine… viele Baumaterialien lassen sich gut und einfach recyceln. Wenn man nun noch bedenkt, wie viel Material schon in der Produktion zu Bruch geht, wie viele Steine zu viel gekauft werden, das sind enorme Mengen, die wieder verwertet werden sollten. Den Gedanken hatte auch Tom van Soest, der gerade sein Design-Studium mit einem großen Abschlussprojekt krönte. Recycelte Steine. Mauerziegel! Gerade das traditionellste Baumaterial Backstein radikal modernisieren. Heute wohnen und arbeiten Nina und Ferry im eigenen Haus, Tom ist Gründer eines Startup-Unternehmens für Müll-Steine geworden. Er baut auch Bartheken aus wiederverwerteten Gin-Flaschen. Schön sollen die umweltverträglichen Projekt sein, finden auch Nina und Ferry. Die drei sind längst Freunde geworden.

Mut zur Lücke

Rotterdam ist die Spielwiese aller modernen Architekten. Kühne Entwürfe, gigantische Wolkenkratzer, eine gigantische Markthalle, ein Wald aus Würfeln. Viele haben sich hier mit Bauwerken selbst ein Denkmal gesetzt.

Als Ferry 1985 in Rotterdam zur Welt kam, waren die verrückten Kubushäuser von Piet Blom schon ein Jahr alt. Was bleibt einer jungen Generation von Architekten heute noch, wenn ihre Väter und Großväter schon so schrilles Zeug erprobt haben? Der Weg in die Unauffälligkeit. Auf dem Fahrrad kurvten Ferry und Nina durch die Stadt, fragten sich, welche Qualitäten ein Viertel lebenswert machen. Mitten in der City soll es sein, in einem gewachsenen Viertel. Mit Kultur, Kino, rasantem Tempo, kein Ghetto für Neureiche, sondern zwischen Sozialwohnungen und Rentnern, Junkies und jungen Eltern eine Brücke schlagen, sich unauffällig einschmiegen. In eine winzige Baulücke! So klein, dass die meisten sie übersehen hätten.

Was ist das verbindende Element in der Gouvernestraat? Die sichtbaren Mauerziegel. Da, wo vorher eine dunkle Ecke für Drogengeschäfte war, steht jetzt das kleine Stadthaus, das so viele zunächst übersehen. Weil es genau so aussieht, als hätte es immer dort gestanden. Jeder Ziegelstein in der Fassade ist vorher von Nina gezeichnet worden, acht verschiedene Sorten. Bei genauem Hinsehen erkennt man Farbunterschiede und Muster. Sie hat ihre frisch gebackenen Recycling-Ziegel höchstpersönlich mit dem Frachtschiff in Limburg abgeholt und nachgezählt. Schnell bauen ist günstig. In vier Monaten waren sie fertig! Selbstverständlich ist das Haus energieneutral, perfekt klimatisiert und weil die Nachbarn sich an den Durchgang als Abkürzung gewöhnt haben, blieb auch noch Platz für einen kleinen Fußweg.

Dunkle Geschäfte werden da nicht mehr gemacht, denn riesige Fenster zur Küche schrecken ab. Stattdessen gibt es sogar einen Mini-Garten mit Wohlfühl-Faktor. Und eine Dachterrasse, das ist alles an Luxus. Küche, Büro, Wohnzimmer und Schlafzimmer – vier Räume, vier Etagen. Nur ein Bad, kaum Schränke, jeder Zentimeter Staufläche genutzt.

Wenn das Haus eines Tages abgerissen wird, ist es wieder komplett recycelbar. Ferry und Nina sind nicht die Neuzugezogenen, ihr Viertel hat durch sie gewonnen, die gute Nachbarschaft ist gestärkt worden. Das sind die neuen Werte beim Bauen. Und die fördert die Stadt Rotterdam. Und was würden die beiden Abfallbauer beim nächsten Projekt anders machen? „Ohne Mörtel mauern!“ antwortet Nina Aalbers, der Mörtel ist schwer von Steinen zu trennen. Umweltfreundlicher wäre ein Klick-System, so wie ein Legohaus in echt. Daran arbeiten sie jetzt gerade...

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