Nationalmannschaft

Von Euphorie bis Agonie - das Länderspieljahr des DFB im Rückblick

Zum Wegsehen: Jachim Löw, Hansi Flick und Andreas Köpke durchleiden die 0:2-Niederlage im EM-Halbfinale gegen Italien.

Foto: Getty

Zum Wegsehen: Jachim Löw, Hansi Flick und Andreas Köpke durchleiden die 0:2-Niederlage im EM-Halbfinale gegen Italien. Foto: Getty

Essen.  Die deutsche Nationalmannschaft ging mit vielen Vorschusslorbeeren ins Jahr 2012, nicht wenige erwarteten den Sieg bei der Europameisterschaft. Doch es kam alles anders und um Team und Trainer gibt es nun so viele Debatten wie lange nicht. Ein Rückblick.

Zu Beginn des Länderspieljahres ist die Stimmung in Fußballdeutschland euphorisch - kein Wunder, hinter der Nationalmannschaft liegt ein erfolgreiches Jahr 2011: Mit zehn Siegen in zehn Spielen und einer Tordifferenz von 34:7 ist die Mannschaft durch die EM-Qualifikation gestürmt, zum Abschluss wurde die niederländische Nationalelf mit 3:0 geradezu zerlegt. Doch das Jahr 2012 beginnt mit zwei Niederlagen.

Deutschland - Frankreich 1:2

Im ersten Länderspiel des Jahres feiert ein gewisser Marco Reus von Borussia Mönchengladbach sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft. Man möchte sagen: endlich. Aber auch er kann nicht verhindern, dass das Spiel trotz zahlreicher guter Chancen mit 1:2 verloren geht. Noch tut dies der Euphorie in Fußball-Deutschland keinen großen Abbruch.

Schweiz - Deutschland 5:3

Die EM-Vorbereitung beginnt mit einem Rückschlag und beschert der Öffentlichkeit gleich zwei Diskussionsthemen. Zunächst die deutsche Defensive, in der sich vor allem BVB-Spieler Marcel Schmelzer auf der linken Abwehrseite überfordert zeigt - aber auch die restliche Abwehrkette mit Benedikt Höwedes, Per Mertesacker und Mats Hummels enttäuscht. Torhüter Marc-Andre ter Stegen patzt gleich mehrfach und verspielt damit wohl endgültig sein EM-Ticket.

Und dann wären da noch die Münchner Bayern, die in der Champions League ihr "Finale dahoam" so unglücklich verloren haben. Und so wird lustvoll diskutiert über die Verfassung der Münchner Bayern, über einen rechten Pfosten in der Allianz-Arena und über die Psyche von Bastian Schweinsteiger, dessen Elfmeter an eben jenem Pfosten gelandet war. Worte, die in dieser Debatte keinesfalls fehlen dürfen: Wettkampfhärte, Führungsspieler, aggressive Leader.

Deutschland - Israel 2:0

Das letzte Testspiel vor der EM bringt ein glanzloses 2:0 und außerdem die Erkenntnis, dass die Offensive noch lange nicht so flüssig läuft wie im Vorjahr. Und auch ein neues Debattenthema ist gefunden: Weil in der Startaufstellung kein einziger BVB-Spieler zu finden ist, debattiert nun vor allem Fußball-Dortmund über die Startelf und die vermeintliche Abneigung von Joachim Löw gegen die Spieler des deutschen Meisters. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke äußert sich in diversen Medien empört, Löw kontert mit dem Hinweis, dass die Niederlande und Portugal eben andere Kaliber seien als Nürnberg und Hoffenheim. Bastian Schweinsteiger ist derweil verletzt: Ein Bluterguss macht dem Mittelfeldspieler zu schaffen. Dennoch ist die Erwartungshaltung groß und auch die Spieler geben den Titel als Ziel aus.

Deutschland - Portugal 1:0

Zum Auftakt der Europameisterschaft steht überraschend doch BVB-Spieler Mats Hummels in der Mannschaft - und ebenso überraschend stürmt Mario Gomez für Miroslav Klose. Der Rest ist schnell erzählt: Ein zähes Spiel; in der 45. Minute trifft Portugals Pepe nur die Latte; in der 72. Minute landet eine abgefälschte Flanke von Sami Khedira auf dem Kopf von Mario Gomez und von dort im Tor.

Während sich die Debatte um die fehlenden Borussen in der Startelf nach dem Spiel gelegt hat, flammt nun die Sturm-Diskussion auf - entzündet unter anderem von ARD-Experte Mehmet Scholl, der Gomez' Laufbereitschaft mit den Worten " Ich hatte Angst, dass er sich wundliegt" kritisiert.

Niederlande - Deutschland 1:2

Eben jener Mario Gomez schießt beide deutschen Tore, ein gewisser Bastian Schweinsteiger bereitet beide Tore vor und ein gewisser Mats Hummels spielt nach wie vor in der Abwehr und macht das so gut, dass er sich ersten Vergleichen mit Franz Beckenbauer stellen muss - die Zeit der Debatten scheint nach einer starken Mannschaftsleistung erst einmal vorbei.

Deutschland - Dänemark 2:1

Die Debatten sind wieder da, denn die deutsche Mannschaft zeigt ein Spiel, über das sich vor allem Kardiologen freuen dürften. Eine Niederlage würde das Ausscheiden bedeuten, lange steht es 1:1, Dänemark wird ein Elfmeter verweigert - und am Ende beendet Lars Bender mit seinem 2:1-Treffer nach 80-Meter-Sprint das Zittern. Aktuelles Diskussions-Thema: Ist Bastian Schweinsteiger fit genug für die Startelf?

Deutschland - Griechenland 4:2

Joachim Löw baut die Offensive kräftig um: Marco Reus, Andre Schürrle und Miroslav Klose kommen für Thomas Müller, Lukas Podolski und Mario Gomez in die Mannschaft - und mit ihnen endlich Spielfreude und gelungene Offensiv-Aktionen. Mit dem 15. Pflichtspielsieg in Folge gelingt der Nationalmannschaft zudem ein Rekord. Zwei Siege fehlen noch zum Titel. Ach ja: Über Bastian Schweinsteiger und seine Fitness wird weiterhin diskutiert. Die Rufe nach Toni Kroos werden lauter. Und weil die Aufstellung schon Stunden vor dem Spiel durchsickerte, muss sich der Bundestrainer auf einmal auch Gedanken über einen Maulwurf in den eigenen Reihen machen.

Deutschland - Italien 1:2

Wieder baut Joachim Löw kräftig um - doch dieses Mal geht sein Plan nicht auf. Toni Kroos kommt tatsächlich in die Mannschaft, Reus, Schürrle und Klose müssen wieder auf die Bank - und Bastian Schweinsteiger bleibt auf dem Feld. So sollen die Kreise von Italiens Spielmacher Andrea Pirlo eingeengt werden. Das funktioniert 20 Minuten lang, dann schlägt Pirlo einen langen Pass auf die linke Seite, wo Antonio Cassono Jerome Boateng und Mats Hummels schwindlig spielt und eine Flanke schlägt, die Mario Balotelli weitgehend unbedrängt einköpft. Wenig später macht eben jener Balotelli das 2:0 und zeigt eine Jubelpose, die die Zuschauer vor Rätsel stellt und für Spaß bei Photoshop-Bastlern in aller Welt sorgt. Bastian Schweinsteiger enttäuscht auf ganzer Linie.

Nach dem Spiel entzündet sich eine heftige Diskussion um Bundestrainer Joachim Löw und Nationalspieler, die bei der Hymne nicht mitsingen - angeblich ein Zeichen mangelnder Entschlossenheit und Identifikation. Das Finale gewinnen wieder einmal die Spanier, ganz ohne vorher die Hymne zu singen - denn die hat gar keinen Text.

Zielers Novum und ein Einbruch gegen Schweden - die DFB-Spiele nach der EM 

Deutschland - Argentinien 1:3

Ron-Robert Zieler sorgt für ein Novum: Erstmals kassiert ein DFB-Torhüter einen Platzverweis. So gerät das eigentlich als Befreiungsschlag gedachte Testspiel zum Muster ohne Wert. Immerhin: Marc-Andre ter Stegen darf erstmals seit seiner Ausmusterung vor der EM wieder aufs Feld und hält gleich den Elfmeter von Lionel Messi.

Deutschland - Färöer 3:0

Der Gegner sind die Färöer. Was soll man mehr sagen? Torwart Gunnar Nielsen ist erwartungsgemäß bester Spiele der Gäste und die deutsche Mannschaft zeigt phasenweise das aggressive Offensivpressing, das Trainer Löw vermehrt sehen will.

Österreich - Deutschland 1:2

Erneut ist phasenweise ein hervorragendes Offensivpressing zu sehen - allerdings nur vonseiten der Österreicher. Dank der größeren Effektivität und eines Marko Arnautovic, der aus drei Metern kläglich vergibt, steht ein glücklicher deutscher Sieg zu Buche. Die Diskussionen um Löw reißen aber nicht ab.

Irland - Deutschland 1:6

Erstmals nach der EM liefert die deutsche Mannschaft eine überzeugende Offensivleistung gegen völlig überforderte Iren ab. Das Wort "Befreiungsschlag" macht die Runde, über das Gegentor kurz vor Schluss wird ebenso wie über die mäßige erste Hälfte gnädig hinweggesehen.

Deutschland - Schweden 4:4

Rund eine Stunde lang liefert die DFB-Elf die beste Leistung des Jahres ab. Schnelle Kurzpass-Stafetten, Dribblings, Hackentricks und vier wunderschön herausgespielte Tore: Der Offensivabteilung gelingt scheinbar alles. Dazu steht die Abwehr bombenfest - bis zur 62. Minute. Da darf Kim Källström frei flanken, Zlatan Ibrahimovic ebenso frei köpfen und es steht nur noch 4:1. Praktisch im nächsten Spielzug treffen die Schweden erneut und nun die Nationalmannschaft schließt an die beste nahtlos die schlechteste Leistung des Jahres an. Sämtliche Spieler präsentieren sich derart verunsichert, dass man aufs Feld laufen und sie beruhigend in den Arm nehmen möchte. Weil das aber niemand tut, endet das Spiel 4:4-Unentschieden - und sämtliche Debatten kehren mit voller Wucht zurück.

Niederlande - Deutschland 0:0

Wie im Vorjahr sind die Niederlande der letzte Gegner des Länderspieljahres. Statt eines berauschenden 3:0 gibt es ein müdes 0:0 in einem Spiel, das aufgrund der vielen namhaften Absagen nur wenig Aussagekraft hat. Das Jahr 2012 ist vorbei - die Diskussionen um Trainer, Abwehr oder Führungsspieler werden aber weitergehen.

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