Therapie

Sich beim Therapeutischen Reiten entspannt tragen lassen

Gemeinsam geht es über die Wiese, immer ganz behutsam: Saskia Hülser führt das Pony Joey, Therapeutin Marion Hülser hält die Hand von Niklas, Mutter Martina Kropp unterstützt ihren Sohn.

Foto: Heiko Kempken

Gemeinsam geht es über die Wiese, immer ganz behutsam: Saskia Hülser führt das Pony Joey, Therapeutin Marion Hülser hält die Hand von Niklas, Mutter Martina Kropp unterstützt ihren Sohn. Foto: Heiko Kempken

Hünxe.   Auf ihre Pferde muss sich Reittherapeutin Marion Hülser aus Hünxe immer verlassen können. Pony Joey ist 30 Jahre alt und hat viel Erfahrung.

Sie sind ein eingespieltes Team, wenn sie auf den Rücken von Pony Joey steigen: Martina Kropp hebt ihren Sohn Niklas aus dem Rollstuhl, übergibt ihn in die Arme von Reittherapeutin Marion Hülser, nutzt einen alten Tisch um aufzusteigen und nimmt Niklas mit zu sich auf das Pony. Saskia Hülser hält Joey, der vorher noch entspannt in der Nachmittagssonne döste, an der Trense und schon geht es los: „Wir gehen nach hinten auf die Wiese, hier ist es so staubig“, sagt Marion Hülser und hält die Hand des Jungen fest, während die Kolonne im Schritt loszieht.

„Was unspektakulär aussieht, ist die Hauptarbeit“, sagt Marion Hülser. Der 13-jährige, zierliche Niklas leidet seit seiner Geburt an einer seltenen Erkrankung, dem Pelizaeus-Merzbacher-Syndrom (PMS). Er hat Schwierigkeiten, seinen Kopf zu halten – deswegen stützt seine Mutter diesen. Niklas kann nicht laufen. Da er im Rollstuhl sitzt, seien seine Sehnen verkürzt. Die werden auf dem Pferd gedehnt und gelockert: „Das merkt man auch deutlich nach dem Reiten“, sagt Martina Kropp. Die weichen, schaukelnden Bewegungen imitiere das Laufen, so Marion Hülser.

Große Altersspanne der Reiter

Sobald eine Unebenheit im Boden auftaucht, helfen die Beteiligten mit, dass Niklas davon kaum etwas spürt, sie bewegen sich behutsam vorwärts – auch Joey. Er ist ein erfahrenes Pony, wurde er doch kürzlich 30 Jahre alt. Neben ihm besitzt Marion Hülser noch drei weitere Therapiepferde: Pablo, Tamme und Hermann – alles Wallache. „Die müssen eine Menge können, grundlegende Techniken müssen abrufbar sein“, sagt Marion Hülser, die schon immer geritten ist. Als ihre Kinder mit dem Voltigieren begannen, wurde sie darauf aufmerksam und lernte Heilpädagogisches Voltigieren – die Reittherapie bietet sie in Hünxe seit mehr als 25 Jahren an. Die Altersspanne derer, die auf dem Pferd sitzen: zwei Monate bis 83 Jahre, Reiten könne man im jeden Alter, sagt die 62-Jährige.

Auch Jens Oppat hat an diesem Tag Reitstunde – er trägt eine Mütze und wetterfeste Jacke, als er aufsteigt. Der 31-Jährige ist geistig und körperlich behindert. Zur Reittherapie kommt er schon seit mehr als 25 Jahren, schon viele Pferde hat er kennengelernt. Joey scheint er gern zu haben: Auch wenn er bei Freizeiten reite, sehe sein favorisiertes Pferd aus wie Joey, sagt die Mutter Angelika Oppat-Balding.

Verantwortung kann abgegeben werden

„Du sitzt ganz gut“, lobt Therapeutin Hülser. Jens Oppat hält sich am Voltigiergurt fest, so kann er sich aufrichten und die Beine lang lassen. Was das Therapeutische Reiten ausmacht? Einerseits sei es die Anstrengung durch die körperliche Spannung, andererseits könne sich der Reiter tragen lassen, Verantwortung abgeben, so Marion Hülser. „Jens gefällt das, sonst wäre er gar nicht aufgestiegen.“ Jens Oppats Mutter macht das vor allem an seiner Mimik und Gestik aus: Der 31-Jährige strahlt, lacht immer wieder vor Freude laut auf.

Auch Niklas scheint die Reitstunde gefallen zu haben, wieder in Teamarbeit wird er von Joey hinunter gehoben: An seiner Jeans sind nun viele Pferdehaare zu entdecken. Ob es ihm gefallen hat: „Jaa“, sagt er – das ist eindeutig.

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik