Fortuna Düsseldorf

Für Psychologin war Fortuna-Platzsturm „eine lehrbuchhafte Situation“

Der Platzsturm als Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft:  „Die Anhänger befanden sich in einer Ausnahmesituation, die zudem nicht eindeutig war“, erläutert Bettina Pause, Expertin für biologische und Sozialpsychologie.

Foto: Bongarts/Getty Images

Der Platzsturm als Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft: „Die Anhänger befanden sich in einer Ausnahmesituation, die zudem nicht eindeutig war“, erläutert Bettina Pause, Expertin für biologische und Sozialpsychologie. Foto: Bongarts/Getty Images

Düsseldorf. Eine überhaupt nicht entschuldbare Dummheit von mehreren Hundert Undisziplinierten und Chaoten? Bettina Pause bewertet den Platzsturm der Fortuna-Fans vor Abpfiff des Relegationsspiels gegen Hertha BSC ganz anders. Das sei aus sozialpsychologischer Sicht gar kein Fehlverhalten gewesen, „sondern eine normale menschliche Handlungsweise. Die Situation ist geradezu lehrbuchhaft abgelaufen“, sagt die Professorin der Heinrich-Heine-Uni und spricht von einem „informationalen sozialen Einfluss.“

Ein typischer Effekt

Die 50-Jährige hat mit einem Dutzend Fans, die in der Arena dabei waren, gesprochen, von der schwangeren Frau bis zum Ultra. „Die Anhänger befanden sich in einer Ausnahmesituation, die zudem nicht eindeutig war. Die Nachspielzeit von sieben Minuten war nicht angezeigt. Keiner wusste, ist die Partie zu Ende oder nicht“, erläutert die Expertin für biologische und Sozialpsychologie.

Da habe ein für solche Momente typischer Effekt gegriffen. Wenn man verunsichert ist, orientiert man sich an „Experten“. „Wenn die ersten Fans losstürmen, weil sie einen Pfiff falsch interpretieren, hält man diese unterbewusst für solche Experten und sagt sich, die müssen es wissen, das Spiel ist vorbei“, so Bettina Pause. Deshalb sei es ganz und gar nicht verwunderlich, dass binnen Sekunden Hunderte Anhänger auf den Arena-Rasen stürmten.

Den Nachahmer-Effekt gebe es häufig in zweideutigen und neuen Situationen. „Beim ersten Besuch eines Drei-Sterne-Restaurants oder eines Hörsaals beobachtet man die anderen und verhält sich wie sie, um keinen Fehler zu machen“, sagt die Sozialpsychologin. Oder wenn man in einem fremden Haus ist und ein Feuer bricht aus: „Dann läuft man dem ersten, der wegrennt, hinterher, weil man intuitiv glaubt, er kennt den richtigen Fluchtweg.“

Dass es grundsätzlich verboten ist aufs Spielfeld zu laufen, „darüber müssen Juristen befinden. Für die Fans gilt das als Tradition und Ausdruck der Freude, sie denken dabei nicht an negative Konsequenzen“, betont Pause, die sich selbst als gelegentlicher Hobby-Fußball-Fan ohne Expertenwissen bezeichnet. Um künftig solche Situationen zu vermeiden, könnten „klare, laute Ansagen der Stadionsprecher und eindeutige Informationen auf der Anzeigetafel helfen, halt Signale, die Orientierung bieten“.

Bewusste Straftat

Das Abbrennen und Werfen von Bengalos hält sie für ein Zeitgeistphänomen, Licht und Feuer würden eine gewisse Faszination ausüben. „Wer sich aber daran beteiligt, der begeht ganz bewusst eine geplante Straftat. Schließlich muss die Pyrotechnik im Vorfeld gekauft und ins Stadion geschmuggelt werden. Dahinter steckt wohl, dass man seine Zugehörigkeit zu einer gewissen Gruppe demonstrieren will“, glaubt die Sozialpsychologin.