PFT

Stadt Düsseldorf weiß seit Jahren von PFT-Belastung der Seen

Die drei Kaiserswerther Badeseen weisen durch Grundwasser, das mit der Chemikalie PFT (Perflourierte Tenside) verunreinigt ist, extrem hohe Wete auf.

Foto: Kai Kitschenberg/WAZFotoPool

Die drei Kaiserswerther Badeseen weisen durch Grundwasser, das mit der Chemikalie PFT (Perflourierte Tenside) verunreinigt ist, extrem hohe Wete auf. Foto: Kai Kitschenberg/WAZFotoPool

Düsseldorf.  Weite Teile des Grundwassers im Düsseldorfer Norden sind mit PFT verseucht. Hohe Konzentrationen des Giftes, das Krebs auslösen soll, belasten den Lambertus-See in Kaiserswerth. Die Stadt Düsseldorf weiß das seit Jahren. Viele Badegäste wissen es nicht – und gehen ahnungslos ins Wasser.

Martin Schäfer guckt nicht wie einer, der ahnt, dass ihm das Gift bis zum Hals steht. Nur sein Kopf ragt aus dem Wasser des Lambertus-Sees. Viele tauchen hier ein wie der 23-Jährige, gerade an diesem heißen Junitag. Das Thermometer zeigt 38 Grad. Giftmessungen, die dieser Zeitung vorliegen, zeigen: Der Lambertus-See ist verseucht.

Große Mengen Perfluorierter Tenside (PFT) werden seit Jahren im Wasser nachgewiesen: Stoffe, die als krebserregend gelten. Die Stadt Düsseldorf weiß das. Anwohnern hat sie – vorerst bis zum Jahr 2027 – verboten, Wasser aus privaten Gartenbrunnen zu schöpfen. Obst und Gemüse könnten durch häufiges Gießen vergiftet werden, auch Menschen, die davon essen. Doch Hunderte Badegäste schwimmen nach wie vor im PFT-See. Das Baden ist hier zwar – wie an den meisten Seen – offiziell nicht erlaubt, geduldet wird es aber offenbar von der Stadt.

Entsprechend groß ist der Betrieb. Besucher kommen in Scharen, mit Bier und Grillfleisch. Kein Tor, kein Zaun, keine Absperrung, kein Hinweisschild, keine Warnung, keine Kontrolle: Der Zugang zum Badeparadies steht jedermann offen. Am Uferrand leuchten Handtücher und Strandmatten. In Buchten planschen Opas und Omas mit Enkeln; in der Seemitte ziehen Schwimmer ihre Bahnen. Ein Abschnitt am Nordufer ist FKK-Zone.

Die Stadt Düsseldorf kennt ihr PFT-Problem seit vielen Jahren

„Ein toller Platz. Ich bin jedes Jahr im Sommer hier, seit 1990“, sagt Markus Pitry aus Kaiserswerth. Als das Gespräch auf PFT kommt, lässt die Begeisterung schlagartig nach. „Das ist schockierend“, ruft Jens Reinhard vom Handtuch gegenüber. „Ich hab’ davon gehört, aber doch nicht hier, sondern in der Ruhr.“ Er meint den Fall, der PFT in die Öffentlichkeit gebracht hat: den Skandal von 2006. Die Giftmengen, die in Düsseldorf belegt sind, sind schlimmer. Sie liegen 100-fach höher als damals in Ruhr und Möhne.

Seit 2007 untersucht das städtische Umweltamt das Grundwasser im Düsseldorfer Norden auf PFT. Schon nach den ersten Tests ist klar: Es gibt ein größeres Giftproblem. Und es dehnt sich sehr schnell aus. Der verseuchte Bereich misst mittlerweile 8,5 Quadratkilometer. Das entspricht 1700 Fußballfeldern.

Das Umweltamt hat den Flughafen als Hauptverursacher ausgemacht. Vier potenzielle PFT-Quellen sind geortet: ein Löschübungsbecken, eine Feuerwache, ein Tanklager und eine Unfallstelle, an der 2005 ein Flieger brannte. Demnach hätten PFT-haltige Löschschäume das Grundwasser verseucht. Für die angerichteten Schäden müsse der Airport zahlen, und zwar schnell. Das fordert Umweltminister Johannes Remmel (Grüne). Die Verhandlungen mit den Flughafen-Bossen führt das Düsseldorfer Umweltamt. Mit Bedacht, freundlich im Ton: Schließlich soll ein öffentlich-rechtlicher Sanierungsvertrag herausspringen, mit einer Selbstverpflichtung des Airports als Kern.

Flughafen Düsseldorf sieht PFT-Gefahr nicht eindeutig belegt 

Der Flughafen scheint nicht abgeneigt, hält sich aber Hintertüren – und vor allem Zeitfenster – offen. „Ob und wie PFT-haltige Stoffe mit dem Grundwasser vom Flughafengelände in die benachbarten Wohngebiete verfrachtet werden“, sei „bis dato nicht eindeutig belegt“, sagt ein Sprecher. Tatsächlich geben einzelne Giftverläufe bis heute Rätsel auf.

Die höchsten Belastungen liegen hinterm nördlichen Flughafenzaun, unter der B 8n, die Düsseldorf und Duisburg verbindet. Die Messungen dort verheißen nichts Gutes – für den Lambertus-See, für die Wohngebiete drumherum, für die Zukunft. Denn die PFT-Welle, die sich unter der Erde jeden Tag bis zu drei Meter weiter Richtung Rhein schiebt, sie kommt mit eklatanten Giftmengen: Bis zu 57 000 Nanogramm PFT stecken in einem Liter Grundwasser – das überschreitet den Grenzwert für die langfristige Trinkwasservorsorge um das 570-fache. „Extrem“ sei das, sagt Remmel.

Die Angst des Anglers vor dem Karpfen

Bei solchen Zahlen schmeckt Dieter Wiese kein Fisch mehr. Das will was heißen, denn Wiese ist Vorsitzender im Sport-Angler-Club Düsseldorf von 1909. Der Verein verzichtet darauf, Köder im Lambertus-See auszuwerfen. „Die Stadt sagt, das kann gefährlich werden. Die reden von Krebs. Aber keiner weiß es so genau“, sagt Wiese. Er sei ja nicht zimperlich, aber: „Einen großen Karpfen aus dem Lambertus-See würde ich nicht essen.“

Wiese liegt goldrichtig. In einem 12-Kilo-Karpfen aus dem Lambertus-See steckten 180 Mikrogramm Gift pro Kilo. Das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) rät: „Verzehr ganz vermeiden“. Spätestens 2012 ist PFT auch bei Weidetieren angekommen. Düsseldorfer Amtsveterinäre haben das Gift in einem Rind entdeckt, in Leber und Niere. Die Konzentration sei gering gewesen, „weitere Untersuchungen nicht notwendig“, sagt die Stadt. Milch oder Milchprodukte seien „kein Risiko für die Gesundheit“, sagt das BfR.

„Was bedeutet das für mich?“, fragt der Schwimmer

Nicht alle am See sind so entspannt wie die Angler. Ein Familienvater aus Kaiserswerth, Anfang 40, rechnet vor: „22 Jahre lang schwimme ich hier, fünf bis sechs Monate jährlich, an fünf Tagen in der Woche, mindestens 30 Minuten, durch einen PFT-belasteten See – was bedeutet das für mich?“ Das Umweltbundesamt (UBA) hat darüber „keine Erkenntnisse“.

„Dieses Problem wird auch in 15 Jahren nicht gelöst sein, wenn wir nichts tun“, sagt Inge Bantz. Die stellvertretende Leiterin des Düsseldorfer Umweltamtes fordert „aktive Gesundheitsmaßnahmen“: Erst müssten alle PFT-Quellen gefunden und ausgetrocknet, dann die weitere Ausbreitung gestoppt werden. Sie weiß, wie schwierig das ist. Aber „wir können nicht warten, bis das ganze Zeug im Rhein ankommt“.

Am Lambertus-See freuen sich Stammgäste auf die Hochsaison. Sie beginnt am Wochenende. „25 Grad soll’s geben. Dann ist hier der Bär los“, sagt Martin Schäfer.

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