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Baby-Boom in Essener Flüchtlingsfamilien

Vor allem aus Syrien und dem Irak kamen mehr Menschen nach Essen.

Foto: Bodo Schackow

Vor allem aus Syrien und dem Irak kamen mehr Menschen nach Essen. Foto: Bodo Schackow

Essen.  Überraschend zogen 2016 noch mehr Menschen in die Stadt als 2015. Viele stammen aus Syrien und Irak. Das hat Folgen auch für die Geburtenzahl.

Essen hat auch im vergangenen Jahr eine schwunghafte Zuwanderung erlebt, vor allem Menschen aus Syrin und dem Irak kamen in noch größerer Zahl in die Stadt als im Vorjahr, was mittlerweile einen regelrechten Baby-Boom zur Folge hat. Insgesamt zogen nach den neuesten Statistik-Auswertungen 36 410 Menschen nach Essen. Das ist der zweithöchste Wert seit 30 Jahren. Nur 2015 war der Zuzug noch höher gewesen. „Essen würde weiter schrumpfen, wenn es keine Zuwanderung gäbe“, betonte Barbara Erbslöh, Leiterin des städtischen Statistikamtes, mit Blick auf die aktuelle Entwicklung.

Unterm Strich ist Essen i m vergangenen Jahr um über 4300 auf 589 145 Einwohner gewachsen, und das, obwohl die Zahl der Sterbefälle (7505) die der Geburten (5773) deutlich überstieg – wie seit langem üblich. Weit mehr als ausgeglichen wird dies aber dadurch, dass in Summe 6115 mehr Zuzüge als Wegzüge registriert wurden. „Das ist die zweitbeste Bilanz der letzten drei Dekaden“, so das Statistikamt.

Fast 1000 Menschen mehr als im Jahr zuvor

Besonders bemerkenswert: Essen erlebte 2016 einen noch größeren Zuzug von Flüchtlingen und Einwanderern als 2015. Eigentlich gilt bundesweit das Jahr 2015 als Höhepunkt der Flüchtlingswelle. In Essen gingen die Uhren etwas anders: Aus den 13 häufigsten Flüchtlingsländern stammen 10 372 der nach Essen gezogenen Menschen. Das waren fast 1000 mehr als im Jahr zuvor. Zudem zogen auch 700 weniger weg als 2015. Es ist zu vermuten, dass viele vor Einführung der Wohnsitzauflage noch die Chance zu einem Umzug nach Essen genutzt haben, weil sie dort bereits eine große Community der eigenen Nationalität vorfinden.

Zu den besagten 13 Ländern gehören Algerien, Eritrea, Guinea, Marokko, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Iran, Libanon, Bangladesh, Pakistan und Syrien. Vor allem Syrer (5429) und Iraker (2069) zog es 2016 nach Essen. Damit scheint sich nun auch statistisch zu verfestigen, dass Essen für diese beiden Nationalitäten ein starker Anziehungspunkt ist. Deutlich zeigen die Zahlen auch: Der Zuzug ist jung und männlich. Die meisten Flüchtlinge waren zwischen 16 und 30 Jahre alt, drei von vier sind Männer.

Neben Syrern und Irakern waren 2016 Rumänen, Polen und Chinesen die stärksten Zuwanderungsnationen (siehe Tabelle). Auffällig dagegen: Es kamen deutlich weniger Menschen vom Westbalkan nach Essen. Deren Zuwanderung hatte 2015 einen Höhepunkt erreicht, als fast 3500 aus den Ländern Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien und Serbien kamen. 2016 waren es nur noch 687 Balkan-Bewohner. Im Gegenzug verließen fast 1200 die Stadt wieder. Es war das erste Mal seit 2010, dass mehr Menschen aus diesen Ländern fortzogen als hier ankamen.

Höchste Geburtenrate seit 22 Jahren

Die Flüchtlingswelle hat sich unterdessen auch auf die Geburtenzahl in Essen ausgewirkt. Im vergangenen Jahr kamen nach vorläufigen Angaben 5773 Kinder zur Welt. Das ist der beste Wert, den Essen seit 22 Jahren erreicht. Zuletzt lag die Zahl im Jahr 1994 höher. „In den vergangenen zwei Jahren ist ein regelrechter Babyboom zu verzeichnen“, schreibt die Statistikbehörde.

Aus Sicht von Barbara Erbslöh hat das vor allem folgende Gründe: Es gibt in Essen seit zwei Jahren wieder eine steigende Anzahl Frauen im so genannten gebärfähigen Alter. Das ist, so Erbslöh, in erster Linie auf den Zuzug von ausländischen Frauen zurückzuführen. Außerdem bekommen diese Frauen in der Regel mehr Kinder als deutsche Frauen. Das zeigt die so genannte Fruchtbarkeitsziffer: Statistisch brachten 1000 deutsche Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren im vorigen Jahr 47 Kinder zur Welt, bei den Ausländerinnen lautet die Vergleichszahl 76 Babys.

231 Babys nur von syrischen Frauen

Hinzu kommt, dass jetzt die Töchter der Babyboomer-Generation Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er das Alter erreichen, um Familie zu gründen. Auch das führt dazu, dass es in Essen statisch mehr Frauen im gebärfähigen Alter gibt.

Barbara Erbslöh hat bei der Auswertung der Zahlen eine Entwicklung überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass sich der Flüchtlings-Zuzug schon so deutlich auch bei den Geburten zeigt.“ So brachten syrische Frauen im vergangenen Jahr 231 Kinder zur Welt – drei Mal so viele wie 2015. Auch bei den anderen Flüchtlingsnationen lässt sich ein deutlicher Zuwachs in beiden Jahren erkennen. „Möglicherweise lässt sich daran ablesen, dass diese Frauen nach Deutschland gekommen sind, um ein Kind in Sicherheit aufziehen können.“

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