Blindgänger

Sicherheit vor Nachtruhe - Bomben werden sofort entschärft

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Essen.   Die Bezirksregierung hat die Vorschriften zur Entschärfung von Blindgängern verschärft: Die „erhebliche Gefahr“ müsse unverzüglich abgestellt werden. Das bedeutet, dass Menschen auch mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt werden müssen. Die lokalen Behörden stehen vor großen Herausforderungen.

Das Ordnungsamt stört den Familienfrieden. Als es Sturm klingelt, sitzen die Kinder beim Abendbrot. Die Wohnung müsse so schnell wie möglich geräumt werden, heißt es unmissverständlich. In der Nähe werde ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht. Also bitte, Beeilung.

Diese und ähnliche Szenen, die sich in der vergangenen Woche vor einer Bombenentschärfung in mehreren Haushalten in Köln abgespielt haben, können auch in Essen jederzeit Realität werden. Eine brandneue Verfügung der Bezirksregierung landete jetzt auf den Schreibtischen der Oberbürgermeister.

Abweichung nur in begründeten Einzelfällen

Eine Briefbombe, der Inhalt ist brisant: Künftig müsse alles Mögliche unternommen werden, so ist zu lesen, um Bombenblindgänger unverzüglich zu entschärfen. Nur in begründeten Einzelfällen sei von diesem Grundsatz abzuweichen – etwa wenn Krankenhäuser, Pflegeheime oder auch ein Gefängnis, deren Evakuierung naturgemäß länger dauert, in einer Gefahrenzone liegen. Den gemeinen Bürger jedoch kann es ab sofort jederzeit treffen.

„Es ist nicht auszuschließen, dass wir die Menschen mitten in der Nacht aus den Betten klingeln müssen“, sagt Ordnungsdezernent Christian Kromberg: „Ich kann die Bevölkerung nur um Verständnis bitten.“ Denn dass der Anweisung der Aufsichtsbehörde Folge geleistet werden müsse, stehe außer Frage: „Die Erlasslage ist eindeutig.“

Evakuierung als logistische Herausforderung

Und das Problem liegt neben all dem zu erwartenden Ungemach mit den Bürgern auf der Hand. Die Bezirksregierung hat es erkannt: Eine Evakuierung auf die Schnelle, für die früher in der Regel zwei, drei Tage Vorbereitung blieben, ist „ein großer Einschnitt in den Alltag der Bevölkerung“ und „eine große logistische Herausforderung, die alle beteiligten Kräfte in hohem Maße fordert“, heißt es in dem Schreiben.

Am 14. Februar wollen sich die Verantwortlichen von Ordnungsamt, Feuerwehr, Polizei und anderen beteiligten Institutionen treffen, wie die neue Erlasslage in die Praxis umzusetzen ist.

Dass man sich neu und womöglich mit mehr Personal aufstellen muss, scheint schon jetzt klar zu sein. Nehmen die lokalen Behörden ihren Job ernst – und das werden sie tun – müssen sie binnen weniger Stunden dafür Sorge tragen können, dass ganze Stadtviertel geräumt sind, bevor der Kampfmittelräumdienst, der im übrigen den zeitlichen Takt für die Entschärfungen vorgibt, zur Tat schreitet.

Jeden Bürger aus dem Bett schellen

Die Bevölkerung könne zwar weiterhin durch Lautsprecherdurchsagen gewarnt werden. Doch um sicherzustellen, dass auch wirklich jeder potenziell Betroffene in der Gefahrenzone einer möglichen Detonation seine Wohnung verlassen hat, müssten die Einsatzkräfte jeden einzelnen Bürger zuverlässig aus dem Bett schellen.

Die Bezirksregierung begründet ihre deutlich verschärfte Gangart bei den Entschärfungen mit einer zunehmenden Gefährlichkeit der Bomben: Die Zünder seien nahezu 70 Jahre lang unbekannten Umwelteinflüssen ausgesetzt. Das bedeute „eine erhebliche Gefahr für die Bevölkerung“.

Bombenentschärfungen der vergangenen Jahre

Jedes Jahr werden mehrere Bombenblindgänger auf Essener Stadtgebiet entschärft. Nach einer Statistik des Ordnungsamtes waren es 2008 vier und 2009 drei Fünf-Zentner-Bomben. 2010 musste der Kampfmittelräumdienst zehn Mal anrücken, um acht Fünf- und zwei Zehn-Zentner-Bomben unschädlich zu machen. 2011 wurden neun der kleineren Exemplare gefunden. 2012 hielten sieben Fünf- und eine Zehn-Zentner-Bombe die Behörden auf Trab. Zwei der großen und zwei der kleinen Blindgänger ging es im vergangenen Jahr an die Zünder. Im noch jungen Jahr 2014 tauchte bislang eine Fünf-Zentner-Bombe auf dem Neubaugelände „Ruhrbogen“ in Kettwig auf.

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