Wirtschaft

Automobilzulieferer Martinrea-Honsel will keinen Auszubildenden einstellen

Neue Unruhe beim Automobilzulieferer Martinrea-Honsel: Die Geschäftsführung will allen 37 jungen Leuten kündigen, die im Herbst ihre Ausbildung hätten antreten sollen. Foto : Gerd Lorenzen

Foto: WP

Neue Unruhe beim Automobilzulieferer Martinrea-Honsel: Die Geschäftsführung will allen 37 jungen Leuten kündigen, die im Herbst ihre Ausbildung hätten antreten sollen. Foto : Gerd Lorenzen Foto: WP

Meschede.   Da zeichnen sich 37 Tragödien ab. Denn Martinrea-Honsel wird in diesem Herbst keinen einzigen Auszubildenden einstellen. Die Entscheidung kommt ganz plötzlich, alle 37 bereits abgeschlossenen Ausbildungsverträge sollen gekündigt werden. Der gesamte neue Lehrlings-Jahrgang steht damit vor einer ungewissen Zukunft.

Da zeichnen sich 37 Tragödien ab. Denn Martinrea-Honsel wird in diesem Herbst keinen einzigen Auszubildenden einstellen. Die Entscheidung kommt ganz plötzlich, alle 37 bereits abgeschlossenen Ausbildungsverträge sollen gekündigt werden. Der gesamte neue Lehrlings-Jahrgang steht damit vor einer ungewissen Zukunft.

Die Entscheidung soll direkt vom Firmensitz aus Kanada kommen. Die Kündigungsschreiben sind noch nicht rausgegangen, viele der Betroffenen müssen dies aus der Zeitung erfahren. Zum 1. September hätten sie ihre Lehrstellen in Meschede und Soest antreten sollen. Martinrea will jetzt offenbar von den Verträgen zurücktreten. Seit Tagen gibt es im Mescheder Werk das Gerücht, das dies passieren werde.

Die Geschäftsführung wurde von der WP um Stellungsnahmen gebeten: Nachdem Fragen schriftlich eingereicht wurden, ließ die Geschäftsführung nur ausrichten, sie gebe „keinen Kommentar“ ab, die Kündigungspläne wurden auch nicht dementiert. Keine einzige Frage wurde beantwortet. Auch Dieter Berndt, Leiter der Personalentwicklung, sagte nur: „Ich kann keinen Kommentar abgeben.“

IG Metall Arnsberg bereits eingeschaltet

Hintergrund für das Abrücken von den Auszubildenden sollen wirtschaftliche Gründe sein. Die IG Metall in Arnsberg ist bereits eingeschaltet. „Jede Firma blamiert sich so, wie sie kann“, bestätigt Erster Bevollmächtiger Wolfgang Werth die Kündigungspläne. Er kann sich nicht erinnern, dass ein Unternehmen jemals einem ganzen Jahrgang gekündigt habe. Werth weiß von Jugendlichen, die andere lukrative Ausbildungsangebote hatten und diese eigens wegen des bislang guten Rufes von Martinrea sausen ließen: „Die sind doch jetzt wie vor den Kopf gestoßen.“

Werth spricht von einer „Kurzschlussreaktion“ des Unternehmens, nennt Firmenchef Nick Orlando „unberechenbar“, die Organisation von Martinrea „unübersichtlich“. Die Gewerkschaft will jetzt unter anderem juristisch auf ihre Zulässigkeit prüfen lassen, ob es sich bei der Kündigung um eine Massenentlassung handelt – diese müsste der Agentur für Arbeit angezeigt werden.

Gewerkschaftler vertraut auf Druck des Marktes 

Ein Trost, räumt Werth ein, wird dies kaum für die Betroffenen sein: „Wer will sich schon in ein Arbeitsverhältnis einklagen?“ Der Gewerkschaftler vertraut mehr auf den Druck des Marktes: „Die Kunden von Martinrea lesen den Bericht ja auch. Ich glaube nicht, dass große Unternehmen wie Audi oder VW, die viel Wert auf Ausbildung legen, so ein Verhalten ihres Zulieferers tolerieren werden.“

Bei den Verhandlungen um den Sondertarifvertrag für die Beschäftigten war der Geschäftsführung die Forderung der Gewerkschaft nach einer unbefristeten Übernahme von Azubis noch nicht einmal genug – wegen der Investitionen, die das Unternehmen in seine Lehrlinge stecke, wollte die Geschäftsführung diese sogar bis zu fünf Jahre verbindlich an sich binden.

Bürgermeister Uli Hess kritisiert Verhalten von Martinrea

Junge Leute haben sich bereits an Bürgermeister Uli Hess gewandt: Sie sind verunsichert, ob auch ihnen eine Kündigung ihres Ausbildungsvertrages drohen könnte. „Was bildet sich ein Unternehmen eigentlich ein?“, fragt Hess sich. „Hemdsärmelig“, nennt er die Politik von Martinrea. Auch er vermisst einen „verlässlichen Ansprechpartner“ zu einem Unternehmen, das als Honsel über 100 Jahre die Geschichte der Stadt geprägt habe; sein Kontakt zu Martinrea sei „nur noch sehr oberflächlich“: „Welche Unternehmensführung und -philosophie legen die Kanadier eigentlich an den Tag?“

Die Unzuverlässigkeit, die Martinrea im Umgang mit den Auszubildenden zeige, vertiefen bei Hess die Sorgenfalten: Womöglich sei dies auch der Beleg „für ein sehr mangelhaftes Interesse am Fortgang des Unternehmens“. Nicht auszudenken, was das für Meschede bedeuten würde, fürchtet Hess.

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben