Theater

Adam wird zu Eves Kunst-Geschöpf

Die alten Kumpel entfremden sich einander – auch weil Adam an seiner fremdgesteuerten Selbst-Optimierung arbeitet: Moritz Peschke und Eike Weinreich.

Foto: Laura Nickel

Die alten Kumpel entfremden sich einander – auch weil Adam an seiner fremdgesteuerten Selbst-Optimierung arbeitet: Moritz Peschke und Eike Weinreich. Foto: Laura Nickel

Oberhausen.   Regie-Debütantin Andrea Loibner zeigt Neil LaButes „Maß der Dinge“. Der verratene Liebhaber wird zum Schluss zum treffsicheren Kunst-Kritiker.

Kritiker, die Neil LaButes Realismus schätzen, finden die Dramen von Yasmina Reza oft gefühlskalt und steril. Und die Verehrer der Französin verreißen dann halt LaButes jüngere literarische Produktion als primitiv und vulgär. Dabei sind sich beide Gegenwarts-Dramatiker in einem keineswegs nebensächlichen Punkt sehr ähnlich: Beider herbe Komödien sind Hits des Repertoires – und zwar von Stadttheatern bis zu Tournee-Ensembles. Sie liefern angeregten Gesprächsstoff – aber treffen sie auch ins Herz?

Wäre nicht das Ende der Ära Peter Carp so nahe – auch Andrea Loib­ners Inszenierung von LaButes „Das Maß der Dinge“ könnte ein langer Lauf beschieden sein. Für die Premiere der ersten eigenen Regiearbeit der 26-Jährigen aus Graz gab’s im Malersaal ausdauernd Applaus.

Format eines kleineren Klassikers

LaButes Werk von 2001 hat das Format eines kleineren Klassikers – dafür bürgt schon die Versuchsanordnung: Die Kunststudentin Eve (Lise Wolle) angelt sich einen jungen Aufseher im Museum, den Anglistik-Studenten Adam (Eike Weinreich) und krempelt den zunächst tapsig-dicklichen Nerd nach ihrer Fasson um. Das hat komödiantischen Schwung, wie der blindlings Verliebte sich runderneuern lässt: neue Frisur, neue Klamotten, ein heftiges Fitness-Programm, schließlich sogar eine neue Nase.

LaBute und seine Oberhausener Regisseurin streuen allerdings schon früh Hinweise ein, dass dies eine seltsame studentische Liebesbeziehung ist. „Ich weiß gar nichts über dich“, sagt Adam zaghaft – während er sich wie ein offenes Buch für sie entblättert. Eve liest sein Tagebuch, das er auch nur ihr zu Gefallen schreibt.

Außerdem entfremdet sie ihn von seinen alten Freunden Philip und Jenny (Moritz Peschke und Angela Falkenhan), macht die vermeintlichen Kleinstadt-Spießer runter, zwingt schließlich Adam in einer großen Eifersuchts-Szene, den Kontakt zu den beiden abzubrechen. Adam macht das alles brav mit. Er ist Eves Geschöpf – ohne, dass sie dafür eine Rippe hätte hergeben müssen.

Fein gemeißelte Wortwechsel

Genau so – als ihre „Skulptur“ – stellt die Studentin ihren Freund schließlich als ihre Examens-Arbeit aus. Rennrad und Bett des Bühnenbildes sind nun Exponate ihres „Projektes“. Sogar der Verlobungsring wird dazu. Adam stellt die hochnäsig lächelnde Schöne im schwarzen Vernissage-Chic erst später zur Rede – traurig, nicht tobend. Und das Überraschendste: Er macht ihr zweifelhaftes Kunstkonzept nieder – jedenfalls in derberen Worten als ihren Verrat.

Die Frage kann man mitnehmen aus dieser – vor allem in den teils rasanten Wortwechseln – pointierten Inszenierung: Sind Eves Manipulationen nicht ein Akt künstlerischer Feigheit? Sie bequatscht ihren (Nicht-)Geliebten bis ins Wartezimmer des Schönheitschirurgen.

Radikale Performance-Künstlerinnen wie Marina Abramović setzen ihren eigenen Körper ein, setzen ihn Schmerz und Gefahr aus. Einmal weiter gedacht, könnte einem „Das Maß der Dinge“ noch mehr vermitteln als 90 Minuten fein gemeißelter Wortwechsel.

>> GEPRÄGT VON DER KLEINSTADT-UNI

Neil LaBute, ein franko-kanadischer Familienname, stammt aus Detroit. Der heute 54-Jährige studierte an der mormonischen Brigham Young University in Provo, Utah. Die ersten Bühnenwerke des Studenten stießen an der konservativen Hochschule an die Grenzen des dort Erlaubten: Einige wurden gleich nach der Premiere abgesetzt. Preise für einen der „vielversprechendsten Nachwuchs-Dramatiker“ gab’s dennoch. Zensur-Erfahrungen des jungen LaBute spiegelt „Das Maß der Dinge“.


Die erste Regie-Arbeit der 26-jährigen Andrea Loibner ist im Malersaal nur im Abstand einiger Wochen zu sehen: am Donnerstag, 30. März, und Freitag, 28. April; Karten zu 14 und 5 Euro,
0208 - 85 78 184.

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