Türkei-Referendum

Mehr miteinander reden, um die Menschen nicht zu verlieren

Wahlwerbung für Erdogan vor Oberhausener Kulisse im Februar dieses Jahres.

Foto: Volker Hartmann

Wahlwerbung für Erdogan vor Oberhausener Kulisse im Februar dieses Jahres. Foto: Volker Hartmann

OBERHAUSEN.   Der Ausgang des Türkei-Referendums bewegt auch die Menschen in Oberhausen. Wie geht die Stadtgesellschaft mit dem Ergebnis um? Mehr reden.

Das knappe Pro-Erdogan-Ergebnis des Referendums in der Türkei und die künftige Machtfülle des türkischen Präsidenten intensivieren die Diskussion über die Integration in Oberhausen. Pfarrer Thomas Levin von der evangelischen Kirchengemeinde Königshardt-Schmachtendorf steht beispielhaft dafür. Er verfolgte am Wochenende die Berichte über das Referendum in der Türkei besonders aufmerksam. Thomas Levin zählt seit vielen Jahren zu einem engagierten Arbeitskreis, der in Schmachtendorf bereits drei Nachbarschaftstreffen der Religionen veranstaltet hat. Auch die muslimische Aksemseddin-Gemeinde aus dem Stadtnorden ist dann stets dabei. „Wir gehören zusammen – wir sind Schmachtendorf“, formulierte ein Vertreter dieser Gemeinde bei der jüngsten Festausgabe Anfang April und erhielt viel Applaus von mehreren hundert Gästen.

Wie stellt sich die Situation nun nach dem Referendum dar?

Alle Schmachtendorfer Beteiligten sind sich mit Blick auf die aktuelle Diskussion um die Abstimmung in der Türkei in einem Punkt einig: In einer Zeit voller aufgeheizter Diskussionen und Kämpfe der politischen und religiösen Lager setze eine Veranstaltung wie das Nachbarschaftstreffen der Religionen ein wichtiges Zeichen. Zugleich sieht Pfarrer Levin die Notwendigkeit, die begonnene Kooperation und den Dialog nun weiter zu vertiefen.

Unterschiedliche Vorstellungen klar benennen

Bisher habe man politisch kontroverse Themen aus den Begegnungen herausgehalten. Wunsch des Pfarrers ist es aber, auf der gewachsenen, vertrauensvollen Basis mit den türkischstämmigen und muslimischen Partnern mutiger auch über die politische Entwicklung in der Türkei zu diskutieren. Und dabei sollten auch die Unterschiede zu hiesigen Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit offensiv und klar benannt werden.

Levin: „Entscheidend bleibt für mich, dass das Bekenntnis zu Stadt und Stadtteil, das ‚Wir sind Schmachtendorf‘, konstruktiv und zum Wohl des Stadtteils weiter konkret mit Leben gefüllt wird.“

Frust und Enttäuschung spielen eine Rolle

Auch in der Lokalpolitik, die ferienbedingt derzeit auf Sparflamme läuft, ist das Referendum aufmerksam registriert worden. Das knappe Ergebnis spiegele die Spaltung der türkischen Gesellschaft wider, erklärte SPD-Fraktionschef Wolfgang Große Brömer. Zugleich sieht der Landtagsabgeordnete einen Hoffnungsschimmer: In den urbanen Regionen an der Mittelmeerküste der Türkei habe es deutlich mehr Nein-Stimmen gegeben. Es gebe also durchaus ein beachtliches kritisches Potential contra Erdogan.

Traurig stimmt das Ergebnis des Referendums Saadettin Tüzün, CDU-Ratsherr und integrationspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Frust, Enttäuschung, das Gefühl des Nicht-Akzeptiertwerdens in der deutschen Gesellschaft seien sicher Gründe für das Abstimmungsverhalten hier lebender Türken, „aber das wird auch häufig als Alibi vorgeschoben, um sich nicht bewegen zu müssen“, sagt Tüzün, und bewegen müssten sich eben beide Seiten. „Wir müssen mehr miteinander sprechen, aufeinander zugehen und sehen, wie wir diese Menschen für unsere Gesellschaft gewinnen können.“ Und sie für die Politik vor ihrer Tür interessieren.

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