Festtage

Ostern wird für den Handel zum zweiten Weihnachten

Invasion der Schokohasen: Die Woche vor Ostern ist für die Süßwarenindustrie die umsatzstärkste.

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Invasion der Schokohasen: Die Woche vor Ostern ist für die Süßwarenindustrie die umsatzstärkste. Foto: dpa

Essen.   Als Geschenketag hat Ostern seit zehn Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Nicht nur bei Spielzeug und Süßigkeiten steigen die Umsätze ständig.

Hand aufs Herz: Haben Sie schon alle Ostergeschenke beisammen? Wenn Sie bei dieser Frage nun denken „Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?“, gehören Sie wohl zu jener beneidenswerten Spezies, die resistent ist gegen die Verlockungen der Werbung – und die zudem auch kein kleineres Kind in der näheren Umgebung hat. Denn die Prospekte von Mode-, Kosmetik- und Technikgeschäften, von Buchhandel bis Autoersatzteillieferanten, alle legen nahe, dass man doch bitte noch eine Kleinigkeit ins Osterkörbchen legt – oder auch mehr. Wer hingegen Kinder hat, wird in den vergangenen Wochen bereits vom Nachwuchs mit dem ein oder anderen Wunsch konfrontiert worden sein – vom Lego-Karton bis hin zum neuen Handy. Teils schreiben die Kinder sogar schon Oster- Wunschzettel.

Der Hase lässt die Ohren nicht hängen

Ostern, das belegen die Umsatzzahlen, wird immer mehr zum zweiten Weihnachten. „Wir rechnen im Ostermonat mit etwa 30 Millionen Euro Zusatzumsatz. Man verkauft seit Jahren im Ostermonat deutlich mehr, im Schwerpunkt zwei Wochen vor und eine Woche nach dem Osterfest“, sagt Willy Fischel vom Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels (BVS). Und er fügt freudig-verschmitzt hinzu: „Man kann schon sagen, dass der Hase die Ohren nicht hängen lässt.“ Meist bewegen sich die Geschenke in einem Rahmen zwischen zehn und 40 Euro, doch wenn das Wetter gut ist, schenken Eltern ihren kleinen Kindern durchaus auch mal ein Fahrrad. „Ostern ist für uns nach Weihnachten und dem Geburtstag der drittwichtigste Geschenketag“, so Fischel.

Was für die Spielwarenbranche gilt, zählt erst recht für das Geschäft mit dem Naschwerk. Denn was Süßigkeiten angeht, ist Ostern dabei, dem Weihnachtsfest den Rang abzulaufen, im vergangenen Jahr errechnete das Marktforschungsunternehmen Nielsen, dass die Deutschen 447 Mio Euro für österliches Naschwerk ausgegeben haben – pro Kopf werden also 5,60 Euro in Schokoeier und -hasen investiert. Damit ist zumindest die Osterwoche für die Süßwarenbranche wichtiger als die Woche vor Weihnachten – auch wenn der Vergleich ein wenig hoppelig erscheint, schließlich werden die meisten Süßigkeiten für den Christbaum schon ab Ende November gekauft – und bis zur Woche vor Weihnachten sind längst die Schränke voll.

Die Dekobranche feiert mit

Dennoch geht es Ostern fröhlich weiter mit dem Konsum, auch der Umsatz mit Dekoartikeln und Bastelbedarf schießt mittlerweile zu diesem Frühlingsfest durch die Decke. Die Menschen malen, sägen, nageln, kleben, pfriemeln, was das Zeug hält.

Und dann gäbe es ja auch noch Düfte, Kleidung, Bücher... All diese klassischen Geschenkebranchen schneiden sich ihr Scheibchen vom Osterei ab.

Man kann heute übrigens durchaus von einer Inflation der Geschenkanlässe reden. Denn die Vorwände für große und kleine Gaben sind übers Jahr verteilt nicht weniger geworden: Valentinstag, Muttertag, Geburtstag, Namenstag, Nikolaus und Weihnachten, sie alle erwecken den Wunsch, seinen Liebsten etwas Gutes zu tun – und höchstens der katholische Namenstag hat im Laufe der Jahre einen leichten Bedeutungsverlust erlitten, weil er ja von einem individuellen Termin abhängig ist, und da hat man eigentlich schon den konfessionsunabhängigen Geburtstag.

Familienfest mit Kinderbeschenken

Was bei all diesen Tagen in den Hintergrund gerät, ist der eigentliche Anlass oder im Falle von Ostern eben der religiöse Gehalt: „Beim Brauchtum ist alles das, was sich kommerzialisieren lässt, immer in Gefahr, abzurutschen ins Profane“, sagt der Brauchtumsforscher und Theologe Manfred Becker-Huberti. „Und das erleben wir zurzeit beim Osterfest. Das Ganze rutscht immer weiter in Richtung eines Familienfestes mit Kinderbeschenken. Inzwischen ist es so, dass die Enkel erwarten, dass sie an Ostern Geschenke bekommen wie zu Weihnachten. Das ist vor zehn Jahren noch nicht so der Fall gewesen, wie es im Augenblick ist.“

Wissen ums Fest nimmt ab

Becker-Huberti führt an, dass die meisten ohnehin den Hasen für das österliche Symboltier halten, nicht das Lamm. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung könne keine richtige Antwort mehr darauf geben, worum es zum Osterfest eigentlich gehe – eine Beobachtung, die mit dem Rückgang um religiöses Wissen im Allgemeinen einhergehe.

Künstlich aufgebauter Konsumdruck

Es ist ja nicht neu und nicht sonderlich verwerflich, dass die Händler jede Gelegenheit nutzen, ihrem Umsatz ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Doch darf man sich durch all die Geschenketage durchaus auch unter Druck gesetzt fühlen. Zumal der Hebel bei vielen Anlässen bei jenen einsetzt, die sich noch am leichtesten verführen lassen: „Ich glaube, dass die Kinder benutzt werden, weil ihnen die Werbung suggeriert, dass ihnen zusteht, an den Festtagen auch etwas geschenkt zu bekommen. Und dass auf diese Weise natürlich auch ein Konsumdruck aufgebaut wird.“, sagt Manfred Becker-Huberti.

Es muss ja nichts Materielles sein.

Dabei entdeckt er am Schenken an sich ja zunächst gar nichts Negatives: „Es muss ja nicht unbedingt etwas Materielles sein, was man schenkt. Wenn man sieht, dass man auch Zuwendung schenken kann, dass man Zeit schenken kann, dass man Umgang miteinander schenken kann, das sind ja alles Dinge, die durchaus positiv zu besetzen sind. Wenn geschenkt wird in dem Sinne, dass ich etwas kaufe, um mich von einer Verpflichtung frei zu machen, dann wird’s problematisch. Ohne eine gewisse Kommerzialisierung geht es zwar nicht, aber wenn die Kommerzialisierung das Hauptaugenmerk wird, dann muss man aufpassen.“

Es ist ja klar, das man beim Osterfest nicht in enttäuschte Kinderaugen blicken möchten. Doch Manfred Becker-Huberti rät bei aller Liebe und der Sorge, sein Kind nicht zu kurz kommen zu lassen, auch zur Vorsicht: „Es ist schwer, sich dem allgemeinen Trend zu entziehen. Aber man sollte sich als Vater, Mutter, Oma, Opa überlegen, ob und inwieweit man da nachgibt. Denn das ist eine Rutschbahn, auf die man sich begibt und auf der man nachher nicht mehr bremsen kann.“

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