Niederrheiner-Porträt

Wie Heiner Frost sich als Komponist durchs Leben spielt

Zwischen Kunst und Kaffeekanne: Heiner Frost in der Küche seines Kranenburger Hauses.

Zwischen Kunst und Kaffeekanne: Heiner Frost in der Küche seines Kranenburger Hauses.

Er schreibt. Texte und Musik. Ohne Rücksicht auf Genres. Ob er erfolgreich ist, hängt davon ab, ob man nach Geld oder nach Lebensglück fragt.

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Sein Haus steht an den Ausläufern des großen finsteren Reichswaldes, gegenüber beginnen abgeerntete Maisfelder und etwas entfernt sorgt ein verbotenes Feuerchen für würzige Rauchwolken. Die dunklen Backsteine sind an einer Stelle bemalt: in allen Regenbogenfarben. Wie Kinder das mit Malkreiden schon mal tun. „Hat meine Tochter gemalt, vor vielen Jahren“, sagt Heiner Frost.


Mag sein, aber das Werk könnte auch von ihm sein: Denn hinter der leicht verfremdeten Bauernhausfassade geht es noch weitaus bunter zu: Ein Dschungel aus Büchern, Bildern, Kunstobjekten, Küchenzubehör und Bastelmaterial macht aus Heiner Frosts Heimstätte eine Art kreativ durchpulste Wohnhöhle. So wie ein Kinderzimmer, in dem die Eltern aufgegeben haben mit den Appellen, dass Ordnung das halbe Leben sei.

Der Rentenbescheid sagt. Du hast alles falsch gemacht

Hier lebt und liebt jemand die andere Hälfte, ein Mann, der mit allem etwas anfangen kann, in dem eine Geschichte oder eine Melodie schlummert. Denn Heiner Frost ist Komponist. „Und wenn ich mir meinem Rentenbescheid so angucke, habe ich alles falsch gemacht“, sagt er und lächelt zufrieden.

Komponist ist eben kein Beruf für Menschen, die Reichtum in Zioffern messen wollen. Wäre es ihm darum gegangen, hätte er sich wenigstens in einer der großen Städte niederlassen müssen. „Da ist die Chance einfach höher, dass man ufträge bekommt, dass man Leute kennt, die einen kennen und empfehlen...“, sagt er.

Der Niederrhein liegt immer irgendwie dazwischen – wie Heiner Frost

Und dann kommt das Aber: Aber Heiner Frost wäre nicht der Komponist, der er ist, wenn er nicht Niederrheiner wäre. Der Niederrhein liegt immer irgendwie dazwischen: zwischen Binnenland und Meer, zwischen Holland und Deutschland, zwischen Landwirtschaft und Industrie. Und nur hier, wo alles strömt, der Wind, der Rhein, der Verkehr, sitzt Heiner Frost zwischen allen Stühlen – das drückt zwar ab und an unangenehm, aber es ist die einzige Möglichkeit der Existenz, wenn man immer beides ist. Komponist und Schreiber. Alles und Nichts. Ein spielendes Kind in der Welt der Erwachsenen.

Als Autor schreibt er Krimis wie Gedichte und hat dafür auch gleich einen Verlag gegründet, die „Edition Anderswo“. Für die NiederrheinNachrichten und Kunstzeitungen schreibt er Rezensionen, übrigens lieber über Ausstellungen als über Musik. Und vor allem schreibt er Gerichtsreportagen. Einfühlsam. Denn Menschen, die Urteile fällen, sitzen im Gericht ja schon.

Redaktionsbetreuer bei de „Jaily News“ im Klever Gefängnis

„Ich kenne halt die Seite der Täter“, sagt er. Seit zehn Jahren bereits betreut er die Gefängniszeitung in der Klever JVA mit dem schönen Titel „Jaily News“. Das lehrt „Dankbarkeit für die eigene Biografie“, sagt er. Weil es für jeden Menschen Lebensumstände geben kann, die ihn zum Gesetzesbrecher machen. Auch die „Jaily News“ machen viel Arbeit für wenig Geld.

Wie das Komponieren. Heiner Frost sagt über sich selbst, er sei „für die Klassiker zu modern und für die moderne Musik zu klassisch.“ Was macht er also? Frost-Musik. „Fürs oberste Fach im Kühlschrank.“ Da möchte man fast widersprechen, wenn man einmal hört und sieht, wie Heiner Frost spielt: warm, melodiös, hingebungsvoll. Aber sei es drum: Die gut gesetzte Pointe im Spiel ist genauso wichtig wie die gut gesetzten Noten. Mit „Frost-Musik“ hat er sich den ersten Flügel erspielt, der bei „Tetsch & May“ in Emmerich schwarz glänzend, vier Meter lang und 12 000 Mark teuer im Fenster stand.

Spieluhren im Piano als Werk für einen US-Pianisten

Den wollte er haben und versprach: Ich liefere dafür den nächsten 100 Klavierkäufern bei euch jeweils eine eigene Komposition. Das Musikhaus ließ sich darauf ein – ironische Obertöne finden sich bei Frost eben immer. Einmal hat er Spieluhren ins Piano gelegt, so dass es von alleine spielte – eine Auftragsarbeit für einen Pianisten aus den USA.


Ein anderes Mal hat er unter einem fiktiven Namen mit einem Mitspieler zwei Kollegen eine aus Zufällen zusammengestrickte, unspielbare Komposition bei einem Wettbewerb in Kleve eingereicht – und prompt gewannen sie einen Sonderpreis. Sie haben sich dann geoutet – durften sich vier Wochen lang in Kleve nicht mehr sehen lassen. Der prätenziöse Kompositionspreis „Musik in Europäischen Gärten“ landete nach der Blamage auf dem Komposthaufen der Geschichte.

Der Gärtner von Haus Aspel – das war sein Vater

Die Musik wurde ihm in die Wiege gelegt, jedenfalls fast. Der Vater war der Gärtner von Haus Aspel. Was klingt wie ein Romantitel, war harte Arbeit in einem abgelegenen Kloster bei Rees, wo die Nonnen das Gymnasium der Stadt Rees betrieben. In der Klosterkapelle, wo Heiner Frost selbstverständlich Messdiener war, gab es Musik. Kirchenmusik, versteht sich. Noch heute sagt Frost: „Wenn von der ganzen Musik der Welt nur noch das Werk eines Menschen übrig bleiben dürfte, wäre das für mich Johann Sebastian Bach.“

Am Anfang jedoch stand die Gitarre des älteren Bruders. Sie stand eines Tages vor der Tür stand. 80 Kilometer war er durch die Nacht gefahren, um sie dort zu deponieren, nachdem Frost ihm etwas vorgespielt hatte. Neben der Gitarre lag ein Zettel: „Du hast sie mehr verdient als ich.“ Frost spielte nach Gehör, was im Radio lief, was ihm einfiel, wonach ihm war. Und eine Klosterschwester brachte ihm immerhin ein wenig Musiktheorie bei.

Die Musikschule des Kreises Kleve als kultureller Pilz

Doch selbst durch die Aufnahmeprüfungen der Musikschule bluffte er sich noch durch und spielte nach Gehör. Ein politischer Glücksfall brachte irgendwann die Musikschule des Kreises Kleve in Frosts Heimatdorf Haldern, dort war er Chorleiter und Musiklehrer. Ein kultureller Pilz, der in dem Dorf reichen Nährboden fand. Frosts Finger reichen kaum aus, um all die Chöre, Gitarrenensembles, Bläserkreise und Musikzirkel aufzuzählen.


„Das ist das Klima, in dem auch so etwas wie Haldern Pop entstehen konnte“, sagt er. Das mittlerweile mythenumrankte alljährliche Mini-Woodstock vom Niederrhein wurde im vergangenen Sommer mit Werken von Frost eröffnet. Seine Tochter, die längst studiert, hat sich voller Stolz ein Plakat gesichert. Und was kann ein spielender Mensch im Leben mehr erreichen als die Hochachtung seiner Kinder?


>>Leben und Werk von Heiner Frost, a presto

1957 in Rees geboren – studierte Heiner Frost von 1978 bis 1986 an der Robert Schumann Musikhochschule Düsseldorf bei Günther Becker. In Rees rief er eine Konzertreihe (Reeserviert) und einen Schreibpreis für Schüler (Tom Sawyer Preis) ins Leben.


In seinem Lieblingsdorf Haldern gründete er den Kammerchor, der 1997 eine US-Tour machte, genauso wie das Kammerorchester Opus M. Mit seinen Künstlern spielte er die Johannespassion.


Er schreibt für die Niederrhein Nachrichten, die Kunstzeitschrift „Paint“, bloggt und dichtet und romanciert. Wer mag, kann ihn auf der Seite seines Alter Egos „Lenzenhorst.de“ lesen. Und auf Youtube kann man Frost auch hören.

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