Kunst und Corona

Coronakrise: Essens freie Ensembles fürchten um die Existenz

Stehen solidarisch zusammen und halten doch Abstand (v. li.) Fritz Jäger ( Rü-Bühne), Conny Sandmann (Theater Freudenhaus), Benjamin Hase ( Kleines Theater), Johannes Brackmann ( grend), Peter Maria Anselstätter (Theater Courage), Susanne Angermeyer (Theater Thest) und Rainer Besel ( Theater Freudenhaus).

Stehen solidarisch zusammen und halten doch Abstand (v. li.) Fritz Jäger ( Rü-Bühne), Conny Sandmann (Theater Freudenhaus), Benjamin Hase ( Kleines Theater), Johannes Brackmann ( grend), Peter Maria Anselstätter (Theater Courage), Susanne Angermeyer (Theater Thest) und Rainer Besel ( Theater Freudenhaus).

Foto: Kerstin Kokoska / Funke Foto Services

ESSEN  Welttheatertag sollte ein Feiertag werden. Doch in Corona-Zeiten sorgt sich die freie Szene, dass in manchen Häusern bald die Lichter ausgehen

Essen. Eigentlich sollte der 27. März ein Feiertag werden. An dem seit fast 50 Jahren ausgerufenen Welttheatertag 2020 wollte auch die freie Essener Szene zusammen ihre Stärke zeigen. Doch aus der gemeinsamen Vorfreude ist nun eine gemeinsame Sorge geworden: Wie soll es weitergehen, wenn das Coronavirus den Spielbetrieb womöglich nicht nur bis Ostern, sondern auch noch weit darüber hinaus bremsen wird?
Die Furcht ist groß, dass manche Bühne die Krise nicht überstehen wird. "Wenn die Lage bis zu den Sommerferien andauert, ist manche Existenz gefährdet", ahnt nicht nur Johannes Brackmann vom Kulturzentrum Grend und spricht wohl im Namen aller Kollegen: "Wir brauchen schnelle, unbürokratische Hilfe!"

Erlös von Solidaritätskarten soll Künstlern zugute kommen


Brackmann hat schon mal die Rechnung fürs Steeler Kulturzentrum Grend aufgemacht. Dort kalkuliert man pro Monat mit 10.000 Euro Verlust durch abgesagte Veranstaltungen, Kurse und wegfallende Kneipenpacht. Dazu komme die Frage, wie man auf längere Sicht mit den Personalkosten für die zumeist freien Honorarkräfte umgehe.
Die freien Schauspieler des Ensembles vom Theater Freudenhaus stehen schon jetzt vor dem Nichts. Der Versuch, das Publikum zu animieren, gekaufte Karten nicht zurückzugeben, sondern praktisch als "Solidaritätskarten" einfach verfallen zu lassen, ist gerade erst angelaufen. Der Erlös soll direkt an die Schauspieler gehen, verspricht Conny Sandmann vom Theater Freudenhaus. "Immerhin zwei Leute haben gestern schon mitgemacht."

Die meisten Häuser haben keine Rücklagen


Jedes der acht Häuser, die beim Welttheatertag an einem Strang ziehen wollten, ist darin geübt, knapp zu kalkulieren. Doch ohne Publikum sei das Ende der Fahnenstange bald erreicht. "Da wir sehr sparsam sind, kriegen wir den April noch hin. Aber wie geht es dann weiter?", fragt auch Peter-Maria Anselstetter vom Theater Courage. 5100 Euro Fixposten pro Monat seien notwendig, um die Bühne zu halten. Doch wo soll das Geld herkommen ohne Publikum? Dabei würden die Leute noch immer anrufen und fragen: "Spielt ihr!"
Von Stornierungen schon bis in den Mai spricht hingegen Carsten Linck vom Werdener Bürgermeisterhaus. Viele Gäste würden inzwischen schon prophylaktisch absagen. Dabei habe man den Spielbetrieb zunächst nur bis Ostern ausgesetzt. Die ausfallenden Termine könnte man noch verkraften, doch dann würde es schwierig. Zumal als eingetragener Verein keine Rücklagen gebildet werden dürften. Ein Problem, das auch die Rü-Bühne kennt. "Wir sind genau in diese Falle gelaufen", seufzt Fritz Jäger.

Doktor Stratmann muss seine Jubiläumsshow verschieben


"Selbst der Kartenvorverkauf für Mai und Juni ist total am Boden", bestätigt auch Philipp Stratmann vom Stratmanns-Theater. Im Europahaus sieht man sich gleich zweifach betroffen - als Theater und Gastronomiebetrieb. Allerdings sei man als privat geführtes Haus mit eigener Theaterimmobilie in der privilegierten Situation, nicht gleich drastische Mietrückstände fürchten zu müssen, was die Lage etwas einfacher mache, sagt Stratmann. "Ein Monat Pause wird uns nicht umbringen." Die Jubiläumsshow "Dat Schönste zum 25-jährigen Bühnenjubiläum" von Doktor Stratmann wurde allerdings schon auf den 23. April verschoben. "Vielleicht", fürchtet Stratmann, "wird es auch zum Running Gag, dass man die Leute immer wieder auf einen neuen Termin vertrösten muss." Und er ist mit dieser Sorge nicht allein.

Die Theater hoffen auf unbürokratische Hilfe


Appelle und Hilfzusagen aus der Politik gibt es inzwischen viele, die Kultur in Coronazeiten nicht untergehen zu lassen. Auch die Stadt Essen stellt auf ihrer Homepage inzwischen verschiedene Hilfs-Maßnamen für Kulturschaffende wie Kurzarbeitergeld, Steuerstundung oder Liquiditätsdarlehen der Kfw vor. Doch die freien Kulturträger fragen sich, ob und wie sie überhaupt in den Genuss solcher Überbrückungshilfen kommen könnten. Und hoffen auch auf die unbürokratische Unterstützung der Stadt. Denn man müsse jetzt reagieren "und nicht erst, wenn wir in Schieflage sind", mahnt Peter-Maria Anselstetter.
Dass sie präsent sind und durchhalten wollen, das werden die freien Essener Theater von der Studio-Bühne bis zum Theater Thesth, von Kleinen Theater bis zur Rü-Bühne am 27. März deshalb trotzdem beweisen. Es soll kleine Lesungen geben oder kurze Szenen gespielt werden, die dann im Netz zu erleben sind. Derzeit wird noch an der Übertragungsform gearbeitet. Eine Zukunftsperspektive, darin sind sich alle einig, dürfte das auf keinen Fall sein. Denn das, was Theater und Konzert nun mal ausmache, sei das Live-Erlebnis.

Hinweise auf die Aktionen am 27. März sind in Kürze auf allen Webseiten der beteiligen Theater zu finden.

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