Soziales

Die Armut droht in den Großstädten

Armut mitten in der Stadt. Auf dem Land ist der Anteil der Menschen, die von Armut bedroht sind, geringer - unter anderem, weil die städtischen Mieten meist deutlich höher sind.

Armut mitten in der Stadt. Auf dem Land ist der Anteil der Menschen, die von Armut bedroht sind, geringer - unter anderem, weil die städtischen Mieten meist deutlich höher sind.

Foto: Kerstin Kokoska

Berlin.  Erstmals hat das Institut für Wirtschaft in einer Studie zur Armut auch die Kaufkraft in die Berechnung einbezogen. Ergebnis: In NRW sind vor allem Großstädter von Armut bedroht. Die Benachteiligung in größeren Teilen Ostdeutschlands ist mittlerweile zurückgegangen – in westdeutschen Städten dagegen nicht.

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Für eine Änderung des Länderfinanzausgleichs plädiert das Institut der deutschen Wirtschaft. Nicht mehr Ostdeutschland als Ganzes, sondern benachteiligte Städte in Ost und West sollten künftig in den Genuss der Förderung kommen. Das fordern diesmal nicht hiesige Sozialdemokraten, sondern das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Die Forscher argumentieren auf der Basis einer neuen Untersuchung zur Armut im West-Ost-Vergleich: Demnach ist die Benachteiligung in größeren Teilen Ostdeutschlands mittlerweile zurückgegangen – in westdeutschen Städten dagegen nicht.

Das IW hat erstmals die Kaufkraft in die Berechnung der Armut einbezogen. Damit ist es näher an der Lebenswirklichkeit der Menschen als die übliche Armutsstatistik, die nur misst, wie viele Menschen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Wie viel solche Menschen von dem Geld in ihrer Stadt kaufen können, ist laut IW für den ohnehin relativen Armutsbegriff entscheidend.

Bürger im Osten können sich mehr leisten

Zwar liegen die Einkommen in den fünf ostdeutschen Bundesländern meist unter den westdeutschen. Da aber die Preise etwa für Mieten und Konsumgüter einen noch größeren Abstand aufweisen, könnten sich die Bürger im Osten manchmal mehr leisten als im Westen, so das IW. So liegt an der negativen Spitze Köln mit einem Anteil von kaufkraftarmen Bürgern von 26,4 Prozent, was vor allem an den enormen Mieten in der Domstadt liegen dürfte.

Sehr hoch ist die Zahl der Armen auch in Dortmund (25,5 Prozent), Duisburg (24,1 Prozent), Gelsenkirchen (23,5 Prozent) und anderen Ruhrgebietsstädten. In den ländlich geprägten Kreisen am Niederrhein und in Südwestfalen leben dagegen weit weniger Menschen, deren Einkommen im Verhältnis zu den örtlichen Preisen nicht ausreicht. Dies trifft etwa im Hochsauerlandkreis nur auf 11,6 Prozent der Bevölkerung zu, im Kreis Wesel auf 13 Prozent.

Schwerpunkt Ruhrgebiet

Dass die Kaufkraft-Rechnung des IW die Standard-Armutsstatistik kräftig durcheinander wirbelt, verdeutlichen die Armutsgrenzen in Euro und Cent: Im reichen Baden-Württemberg gilt ein Single als „kaufkraftarm“, wenn er weniger als 908 Euro monatlich zur Verfügung hat. Mit dieser Summe läge er in Sachsen-Anhalt, wo die Löhne, aber auch die Preise deutlich unter Westniveau liegen, weit über der Armutsgrenze von dort 812 Euro. In Nordrhein-Westfalen braucht er mehr als 875 Euro im Monat, um nicht als arm zu gelten.

Daraus leitet IW-Chef Michael Hüther die Empfehlung ab, „die Regionalförderung neu auszurichten, um den städtischen Problemen gerecht zu werden“. Ein Schwerpunkt müsse dabei das Ruhrgebiet sein, so Hüther. Aber auch die sogenannten „kleinen Ruhrgebiete“ mit „nicht bewältigtem Strukturwandel“, etwa Bremen, Lübeck, Kaiserslautern oder Offenbach, bräuchten mehr Hilfen.

Bayern und Hessen klagen

Mit seiner Studie liefert das IW Stoff für die laufende Debatte über den Finanzausgleich zwischen den Bundesländern. Die reichen Bayern und Hessen haben dagegen geklagt, weil sie ärmeren Ländern weniger Geld überweisen wollen.

2019 läuft auch der bisherige Solidarpakt zugunsten der ostdeutschen Länder aus. Unter anderem die NRW-Landesregierung will dann ebenfalls von einem neu ausgehandelten Finanzausgleich profitieren. NRW solle um rund drei Milliarden Euro entlastet werden, sagte Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) kürzlich.

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