Studie

Alkohol spielt bei Film-Charakteren eine (zu) große Rolle

Cool oder suchtgefährdet? Pierce Brosnan als Agent und Martini-Fan James Bond.

Cool oder suchtgefährdet? Pierce Brosnan als Agent und Martini-Fan James Bond.

Foto: EVERETT COLLECTION, INC. / action press

Berlin  Eine neue Studie zeigt: In Spielfilmen greifen Figuren sehr oft zu Alkohol – auf allen Sendern. Die Drogenbeauftragte schlägt Alarm.

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Wäre James Bond ein echter Geheimagent, er müsste wohl wegen ständiger Trunkenheit im Dienst entlassen werden: Kein Film in der Bond-Reihe, in dem 007 nicht an diversen Bars lehnt und Martini bestellt, zuletzt im Schnitt 200 Milliliter puren Alkohol pro Film – das entspricht etwa 23 Gläsern Wein.

Weil er aber nicht echt ist, gilt Bonds Hang zu Hochprozentigem nicht als ernst zu nehmendes Suchtproblem, sondern als Zeichen von Coolness und Weltläufigkeit. Eine Gleichung, die offenbar nicht nur bei ihm funktioniert: In Film und Fernsehen wird geraucht und getrunken, häufig mehr als im echten Leben. Wie viel genau, zeigt eine Auswertung der Universität Würzburg im Auftrag der Drogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) und des Bundesgesundheitsministeriums, die am Mittwoch vorgestellt wird und unserer Redaktion vorab vorlag.

Eine Woche lang hat ein Team von Wissenschaftlern dafür das deutsche Fernsehen ausgewertet, genauer: sieben Sender. Alles was in diesen sieben Tagen zwischen 13 und 22 Uhr auf ARD, ZDF, Pro7, Sat.1, RTL, RTL Nitro und RTL2 gezeigt wurde, ging in die Studie mit ein, von Nachrichtensendungen über Magazine bis zu Seifenopern und Reality-Formaten.

Ausgewählt wurden vor allem Sender, die bei Jugendlichen beliebt sind. Auf deren Einstellung zum Konsum von harten und weichen Drogen haben Medien mehr Einfluss als bei Erwachsenen.

Nur in jedem zehnten Fall wurde Trinken in Sendung bewertet

Klar ist jetzt: Bond ist nicht der Einzige, der gern zur Flasche greift. Unter allen beobachteten Drogen und Süchten spielt Alkohol mit Abstand die größte Rolle im deutschen Fernsehen. In vier von zehn Sendungen trinkt mindestens eine der Personen auf dem Bildschirm. Deutlich höher noch liegt diese Quote bei fiktionalen Formaten: Mit 95,8 Prozent wurde in fast jedem Film, den die Forscher sahen, Alkohol getrunken. Bei Serien lag dieser Anteil bei zwei Drittel, bei Seifenopern waren es 45,8 Prozent. Mit sechs von zehn Sendungen, in denen konsumiert wurde, führt dabei Pro7 die Liste an, gefolgt von RTL2 mit fünf von zehn.

Doch obwohl Bier, Wein und Spirituosen häufig präsent sind, wird kaum darüber gesprochen, was der Konsum bedeutet: Nur in jedem zehnten Fall, so die Auswertung, wurde das Trinken in der Sendung bewertet.

„Fernsehen ist eine Sozialisationsinstanz“

Deutlich seltener sind Zigaretten auf dem Bildschirm: Tabak taucht immerhin in einem Viertel der Produktionen auf, in 15,2 Prozent der Sendungen waren rauchende Personen zu sehen. Wie schon beim Alkohol war der Anteil der Raucher dabei in fiktionalen Formaten am höchsten: In rund vier von zehn Spielfilmen wurde geraucht. Doch die Nikotinabhängigen und Gelegenheitsraucher werden seltener, sagt Kim Otto, Professor für Wirtschaftsjournalismus an der Universität Würzburg, einer der Autoren der Studie.

Das zeige der Vergleich mit früheren Untersuchungen. „Bei der Sichtbarkeit von Tabak haben die Fernsehschaffenden offenbar dazugelernt“, sagt er. Der Alkoholkonsum dagegen sei deutlich überproportional – und habe Einfluss vor allem auf junge Zuschauer: „Fernsehen ist eine Sozialisationsinstanz“, sagt Otto. „Jugendliche orientieren sich daran.“

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Gras wird im Film seltener geraucht als in der Realität

Illegale Substanzen sind dagegen selten Thema. Nur in rund zwei Prozent der Sendungen spielten Cannabis oder andere illegale Drogen eine Rolle. Auch sogenannte immaterielle Süchte – Spielsucht, Kaufsucht oder Essstörungen – waren wenig präsent.

Vor allem der Cannabis ist dabei filmisch unterrepräsentiert: Nach dem jüngsten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung haben immerhin 18,9 Prozent der 18- bis 25-Jährigen in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert. Dass Gras und Haschisch im Fernsehen trotzdem eine vergleichsweise kleine Rolle spielen, erklärt Wissenschaftler Otto mit der Illegalität der Droge, die ein Tabu mit sich bringt: „Das entspricht nicht unseren moralischen Vorstellungen, deswegen wird es seltener gezeigt“, erklärt er.

Mortler will mit Medienschaffenden im Dialog bleiben

Auch bei der Frage, wer am ehesten zu berauschenden Substanzen greift, weichen Medien und Wirklichkeit voneinander ab: Im Fernsehen, das zeigt die Würzburger Auswertung, sind es hauptsächlich Männer, die im Zusammenhang mit Alkohol-, Tabak- und Cannabiskonsum gezeigt werden. Dieser Trend spiegele „eine gesellschaftliche Vorstellung, dass Männer eher dazu neigen, zu trinken oder Drogen zu nehmen“, erklärt Otto. „Mit der Realität hat das nur bedingt zu tun.“

Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, zeigt sich alarmiert: Die Studie zeige in „erschreckender Weise“, welche Präsenz Alkohol gerade im privaten Fernsehen habe. „Die Botschaft, die davon ausgeht, ist doch klar: Ohne Alkohol geht es nicht!“, sagt Mortler unserer Redaktion. Die Wissenschaft zeige deutlich, dass Menschen, die im Fernsehen dauernd mit Alkohol konsumierenden Protagonisten konfrontiert sind, auch im realen Leben leichter zur Flasche greifen. Die Branche müsse sich bewusst sein, dass nicht alle Zuschauer über die „notwendige Medienkompetenz“ verfügten, so die CSU-Politikerin. Sie will deshalb mit Medienschaffenden und Autorenverbänden im Dialog bleiben, sagt Mortler, um dafür zu sensibilisieren, was die Branche zur Suchtprävention beitragen kann.

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