NDR-Serie

Krankenakte XY: Vier wahre Rätsel aus dem Klinikalltag

Spurensuche bei spektakulären Fällen: Ärzte arbeiten bei Patienten immer wieder wie Ermittler.

Spurensuche bei spektakulären Fällen: Ärzte arbeiten bei Patienten immer wieder wie Ermittler.

Foto: dpa Picture-Alliance / Valery Sharifulin / picture alliance/dpa

Berlin  Die Macher der NDR-Serie „Visite“ berichten von ihren spektakulärsten Fällen. Mediziner tappen bei Fällen immer wieder im Dunkeln.

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Ein Mädchen, das plötzlich fantasiert und schwankt. Ein Arm, der beim Berühren wie Luftpolsterfolie knistert. Ein Mann, der nach einem Paddelausflug mit quittengelben Augen aufwacht. Manche Fälle geben Ärzten scheinbar unlösbare Rätsel auf. Bei der Fahndung nach einer Erklärung geht es zu wie in einem Thriller. Die Mediziner tappen im Dunkeln, bis der entscheidende Hinweis kommt.

Die Autoren der NDR-Serie „Visite“ haben mysteriöseste Fälle aufgeschrieben. Vier wahre Geschichten aus dem Klinikalltag, die am Ende gut ausgegangen sind.

• Fall 1: Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Mit geweiteten Pupillen starrt Isabel geradeaus. Als ihre Mutter sie anschreit, reagiert sie nicht. Hat ihre Tochter Drogen genommen?, schießt es Ursula Leyer durch den Kopf.

Zwei Jahre zuvor: Isabel ist 16, mitten in der Pubertät. Das macht Ursula Leyer auch für das aufbrausende Verhalten ihrer Tochter verantwortlich. Ebenso die ungewohnt schlechten Schulnoten und die schludrige Schrift. Als der Lehrer jedoch von Isabels merkwürdigem Schwanken berichtet und auch ihr das Zittern ihrer Tochter auffällt, bekommt es die Mutter mit der Angst zu tun.

Kernspintomografie, Entzündungswerte und Tumormarker – alles unauffällig. Isabels Handschrift ist inzwischen so schlecht, dass sie am Laptop schreiben muss. Das Reden fällt ihr zunehmend schwer, seltsame Bilder tauchen vor ihren Augen auf. Irgendwann findet die Mutter sie dann reglos auf der Toilette.

Tests zeigen: Drogen sind es nicht. „Da glänzt doch was“, ruft die Ärztin bei einer erneuten Kernspintomografie. „Ihre Tochter hat sich jahrelang vergiftet.“ An Kupfer. Das stecke in vielen Lebensmitteln, erklärt sie. Durch einen Gendefekt könne die junge Frau es nicht ausscheiden. Über die Jahre habe sich das Metall überall abgelagert. Auch im Gehirn.

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• Fall 2: Alles heiße Luft

Es beginnt mit einem kleinen Metallsplitter, der sich tief in die Haut bohrt. Maik Kätelhön ist Lagerarbeiter im brandenburgischen Pritzow. Dass der Span ihn bald zu einem Tatverdächtigen machen und sein gesamtes Leben verändern wird, ahnt er noch nicht.

Der Daumen entzündet sich, der Splitter muss operativ entfernt werden, ein Routineeingriff. Maik bittet dennoch um eine Narkose. Am nächsten Tag ist der gesamte Arm prall gespannt, als hätte ihn jemand aufgepumpt. Als der Arzt ihn berührt, klingt es, als würde Luftpolsterfolie zerplatzen. Die Vermutung des Mediziners: Gasbrand. Eine extrem gefährliche Infektionskrankheit, die durch gasbildende Bakterien entsteht. Nur eine Not-OP kann den Arm retten.

Doch es knistert erneut im Arm. Das sei noch nie passiert, geben die Ärzte Maik mit Nachdruck zu verstehen. Dann steht ein Gerichtsmediziner mit einem unerhörten Verdacht vor ihm: Der Patient habe den Arm selbst mit einer Luftpumpe aufgepustet. Es folgt eine Anzeige wegen Versicherungsbetrugs.

Verzweifelt sucht der junge Mann Rat bei einem anderen Arzt. Der findet eine überraschende Erklärung: ein Loch in der Lunge, wahrscheinlich ein geplatztes Lungenbläschen. Es brauche nur ein winziges Loch, dann werde die Luft direkt in den Arm gepresst. Das Loch sei womöglich während der Narkose in der ersten OP entstanden. Es habe sich vermutlich immer wieder selbst geschlossen, sei dann aber bei körperlicher Belastung erneut aufgeplatzt. Die Mediziner schaffen es schließlich, das Leck komplett zu schließen. Die Hamburger Polizei lässt ihre Anzeige fallen.

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• Fall 3: Eiskalt erwischt

Herbst 2009, in Deutschland grassiert die Angst vor der Schweinepest. Auch Andreas Meyer fühlt sich fiebrig. Bestimmt eine Erkältung, denkt er, und erinnert sich an den Paddelausflug vor einer Woche, bei dem ihn ein Kollege ins elf Grad kalte Wasser geworfen hat.

Einen Tag später schafft er es nicht mehr aus dem Bett. Der Hausarzt kommt, eingepackt in Overall, Gummistiefel, Handschuhe. „Es gab wieder einen Verdacht auf Schweinegrippe“, erklärt er. Im Falle von Andreas stellt sich das zwar als Fehlalarm heraus. Seinen Zustand verbessert das aber nicht. Und etwas ist merkwürdig: Seine Augen leuchten quittengelb, ebenso sein Zahnfleisch und sein gesamter Kopf.

Kurz darauf arbeiten seine Leber und Nieren kaum noch, später auch die Lunge. Die Blutwerte deuten auf eine Infektion hin. „Waren Sie in letzter Zeit in den Tropen? Oder sind Sie sonst irgendwo mit Ratten in Kontakt gekommen?“, fragt die Ärztin Martina Meyer, die Frau des Patienten. Die schüttelt den Kopf. Ein Familienfreund, den Meyer als seelischen Beistand mitgebracht hat, wirft jedoch ein: „Hatte der Andreas nicht von einem ekligen, zotteligen Ding erzählt, als er neulich beim Paddeln ins Wasser fiel?“

Und tatsächlich: Ein Tierkadaver ist des Rätsels Lösung. Nicht das tote Tier selbst sei das Problem gewesen, so die Ärzte. Sondern die Ratten, vermutlich 30 bis 40, die der Kadaver angezogen habe. In deren Urin seien wohl Bakterien gewesen, die Andreas Meyer im Wasser vermutlich geschluckt hat. Die Erreger haben sich dann an seinen Organen festgesetzt, zu heftigen Entzündungen und schließlich zum Organversagen geführt.

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• Fall 4: Der Mann mit den Riesenpranken

Der Druck in der Brust wächst mit jeder Minute. Am liebsten würde Frank sein Herz mit bloßen Händen aus dem Brustkorb herausreißen, so sehr schmerzt es.

Fünf Stunden später liegt er auf der Intensivstation. Der 31-Jährige hatte einen schweren Herzinfarkt. In seinem Alter, noch dazu in seinem sportlichen Zustand? Auch die Ärzte können sich das nicht erklären. Frank sieht den Infarkt als Warnschuss und beschließt, noch fitter zu werden. Er lässt sich zum Fitnesstrainer ausbilden, gibt mehrmals pro Woche Kurse. Sein Körper stählt sich.

Sechs Jahre später streiken plötzlich seine Knie. Er entdeckt merkwürdige Wülste über seinen Kniescheiben. Kurz darauf kann er kaum noch laufen. Der Arzt vermutet Rheuma, verwirft den Verdacht aber wieder, als beinahe über Nacht auch Franks Finger und Handflächen extrem anschwellen. Als Frank sich im Spiegel betrachtet, sieht er einen Mann mit grobem, faltigem Gesicht. Wangen, Kinn und Nase scheinen aufgequollen. Er sieht uralt aus, obwohl er Sport treibt und gesund lebt. Auch seine Schuhe passen ihm nicht mehr. Nachts kann er kaum noch schlafen, überall schmerzt es ihn. Er wacht schweißgebadet auf. Und dann auch noch die Albträume.

Frank weiß nicht, was mit ihm los ist, hat Todesangst. Trotzdem geht er nicht zum Arzt. Als er dann unter dem Brustkorb eine längliche Beule entdeckt, beginnt er im Internet zu suchen – und glaubt, die niederschmetternde Diagnose gefunden zu haben: Blutkrebs.

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„Sie sind also wegen Ihrer Wachstumsprobleme hier?“, fragt der Arzt mit Blick auf die riesigen Pranken des Patienten. „Aber Sie kennen doch meine Geschichte gar nicht“, empört sich Frank. Einige Tests später bestätigt sich der Verdacht des Mediziners: Frank hat dreimal so viele Wachstumshormone im Blut als normal. Die Ursache dafür sitzt in seinem Kopf. Die Hirnanhangdrüse ist auf das Doppelte angewachsen und speit fortwährend Hormone aus, die den Körper zu unbändigem Wachstum zwingen, auch das Herz. Daher der Herzinfarkt. Nur eine OP kann die Drüse bändigen.

Abenteuer Diagnose: Wie Ärzte und Patienten mysteriösen Krankheiten auf die Schliche kommen. Heyne Verlag, 304 Seiten, 12,99 Euro

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