Schlaganfall

Schlaganfall - die Risiken, und wie Sie sich schützen können

Gefragte Experten am Leser-Gesundheitstelefon (von li.): Dr. Hans Ruf, Oberarzt der Neurologie am St.-Johannes Hospital in Hagen; Prof. Wilhelm Nacimiento, Chefarzt der Neurologie/Neurofrühreha am Klinikum Duisburg; Dr. Elmar W. Busch, Chefarzt der Klinik für Neurologie an den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen; sowie Prof. Michael Schwarz, Direktor der Neurologischen Klinik am Klinikum Dortmund.

Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool

Gefragte Experten am Leser-Gesundheitstelefon (von li.): Dr. Hans Ruf, Oberarzt der Neurologie am St.-Johannes Hospital in Hagen; Prof. Wilhelm Nacimiento, Chefarzt der Neurologie/Neurofrühreha am Klinikum Duisburg; Dr. Elmar W. Busch, Chefarzt der Klinik für Neurologie an den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen; sowie Prof. Michael Schwarz, Direktor der Neurologischen Klinik am Klinikum Dortmund. Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool

Essen.  Rund 270.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen Schlaganfall. Welche Risikofaktoren es für die gefährliche Attacke gibt, wie man vorbeugen kann und welche Therapien sinnvoll sind, haben vier Neurologen Lesern am Gesundheitstelefon unserer Zeitung erklärt. Hier die wichtigsten Tipps der Experten.

Schlaganfälle machen Schlagzeilen, wenn es Prominente trifft – wie etwa Wolfgang Niedecken, Sänger der Kölsch-Rock-Band BAP, oder die Komikerin und Schauspielerin Gaby Köster. Zwei Schicksale von rund 270.000 Menschen in Deutschland, die jährlich der Schlag trifft. Wer die Risiken für die gefährliche Attacke kennt, kann vorbeugen. Wer Schlaganfall-Anzeichen nicht ignoriert, bekommt rechtzeitig wertvolle Hilfe. An unserem Leser-Gesundheitstelefon haben vier Neurologen Risikofaktoren, Möglichkeiten der Vorbeugung sowie Therapien erklärt. Die wichtigsten Tipps der Schlaganfall-Experten lesen Sie hier.

Frage: Trifft ein Schlaganfall nicht überwiegend ältere Menschen?

Experten: Ein Schlaganfall ist keine reine Alterskrankheit. Selbst Kinder können einen Schlaganfall erleiden. Laut Schätzungen sind rund 10 bis 15 Prozent aller Schlaganfall-Patienten jünger als 45 Jahre. Die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, steigt jedoch deutlich mit zunehmendem Alter. So ereignet sich etwa jeder zweite Schlaganfall in der Altersgruppe der über 75-Jährigen.

Wie kündigt sich ein Schlaganfall denn an?

Experten: Das ist unterschiedlich. Wichtige Alarmzeichen sind: ein Taubheitsgefühl und/oder Lähmungserscheinungen auf einer Körperseite (vollständig oder teilweise). In seltenen Fällen kann es auch zu Lähmungen aller vier Extremitäten kommen. Sprachstörungen sind ein Alarmzeichen, auch Wortfindungsstörungen. Man verwendet die falschen Worte, kann die Sprache der anderen nicht verstehen. Sprechstörungen sind alarmierend. Dies meint, dass der Betroffene nur noch undeutlich oder gar nicht mehr sprechen kann.

Ein einseitig herabhängender Mundwinkel kann ein Anzeichen sein, ebenso Sehstörungen. Der Betroffene kann unter Umständen Doppelbilder sehen oder heftigen Schwindel haben. Es kann zu einer Einschränkung des Gesichtsfeldes kommen, auch eine plötzliche Erblindung eines Auges ist möglich.

Wichtig: Oft gibt es Vorboten für einen Schlaganfall, die mit den beschriebenen Symptomen auftreten! Die Beschwerden halten dann aber nur einige Minuten an. Man sollte auch damit sofort einen Arzt aufsuchen.

Ich hatte sonntags einen Schlaganfall, habe das aber nicht erkannt. Weil es mir nicht gut ging, bin ich dann am Montag ins Krankenhaus gegangen. Die Attacke hat mir Behinderungen beschert, mit denen ich jetzt leben muss. Der Arzt sagte, wäre ich sofort gekommen, würde es mir heute vielleicht besser gehen.

Experten: Ganz wichtig: Ein Schlaganfall ist immer ein Notfall – egal zu welcher Uhrzeit, egal an welchem Wochentag! Besteht der Verdacht auf einen Schlaganfall, muss sofort der Notarzt mit der Notrufnummer 112 gerufen werden. Denn je mehr Zeit bis zur Behandlung verstreicht, desto größer ist der gesundheitliche Schaden für den Patienten.

Die bestmögliche Behandlung erhalten Schlaganfall-Patienten in einer sogenannten Stroke Unit, Schlaganfall-Spezialstationen, in denen Patienten in den ersten Stunden und Tagen nach einem Schlaganfall betreut werden. Ein Team aus unterschiedlichen Fachärzten arbeitet hier zusammen – wie Neurologen, Kardiologen, Neuro- und Gefäßchirurgen sowie Radiologen.

Was sind Risikofaktoren für einen Schlaganfall? 

Experten: Ganz wichtig: Viele Schlaganfälle wären vermeidbar, wenn Risikofaktoren abgestellt oder richtig behandelt würden. Dazu zählt als größter Risikofaktor ein zu hoher Blutdruck. Risikofaktoren sind aber auch ein nicht oder falsch eingestellter Diabetes, das Rauchen, Alkoholmissbrauch, Fettwechselstörungen, Übergewicht und Bewegungsmangel. Für Frauen gefährlich ist dazu die Kombination von Pille und Rauchen.

Sehr riskant ist auch ein nicht oder nicht ausreichend behandeltes Vorhofflimmern – eine Herzrhythmusstörung. Nach Schätzungen lassen sich 15 Prozent aller Schlaganfälle darauf zurückführen. Vorhofflimmern fördert die Bildung von Blutgerinnseln in den Vorhöfen des Herzens. Gelangen diese in den Blutkreislauf, können sie Blutgefäße des Gehirns verstopfen. Auch das Alter ist ein Risikofaktor.

Meine Mutter hatte einen Schlaganfall mit 75. Ich bin jetzt 70 und habe Angst, auch einen Schlaganfall zu erleiden.

Experten: Ist in der Familie bereits ein Schlaganfall aufgetreten, sollten Familienmitglieder unbedingt eine durchgehende Vorbeugung betreiben. Besonders dann, wenn eine oder mehrere der folgenden Erkrankungen aufgetreten sind: Bluthochdruck, Störungen der Blutgerinnung, Herzfehler, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen. Neben entsprechenden Blutuntersuchungen sollte eine kardiologische und eine neurologische Untersuchung erfolgen.

Gibt es eine wichtige Vorsorge-Untersuchung bei Arteriosklerose, im Volksmund Gefäßverkalkung genannt, die ja ein Risiko für einen Schlaganfall darstellt?

Experten: Ja. Und zwar die Untersuchung der insgesamt vier Hals- und Nackenschlagadern, die zum Kopf führen – per Ultraschall. Diese Untersuchung nennt man Doppler- und Duplexsonographie. Damit lassen sich Gefäßverengungen – sogenannte „Stenosen“ – finden, die Ursache von Schlaganfällen sein können. Diese Untersuchungen werden zum Beispiel von Neurologen durchgeführt und müssen – je nach Befund – in bestimmten Abständen wiederholt werden.

Ich hatte mit 50 einen Schlaganfall. Eine Hirnarterie war verschlossen. Mein linkes Gesichtsfeld nimmt seither nichts mehr wahr

Experten: Das wird leider bleiben. Sie müssen mit einem Gesichtsfeldtraining lernen, die Aufmerksamkeit nach links zu richten. Ergotherapie macht Sinn. Adressen für ein Gesichtsfeldtraining bekommt man auch über die Rehaklinik, in der man behandelt wurde.

Ich hatte 2009 einen Schlaganfall, durch den das linke Bein und der linke Arm gelähmt waren. Mein linkes Bein ist immer noch schwach, obwohl ich ein Bewegungsfreak bin. Ich besuche auch ein Fitness-Studio. Aber das Bein wird nicht besser.

Experten: In aller Regel gilt: Die wesentlichen körperlichen Verbesserungen erfolgen innerhalb eines Jahres. Bei Sprachstörungen kann man über ein Jahr hinaus noch Besserungen erzielen. Viele Schlaganfall-Patienten müssen über diesen Zeitraum hinaus regelmäßig Ergo- und Physiotherapie machen, um das wieder Erreichte auch zu halten.

Mein Mann hatte einen Schlaganfall und ist jetzt wieder zu Hause. Man sagte ihm, dass er innerhalb von zwei Wochen in eine Klinik zur Rehabilitation komme. Wir hören aber nichts mehr davon.

Experten: Wenden Sie sich noch einmal an den zuständigen Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin in der Neurologie des Krankenhauses, in dem er behandelt wurde. Hören Sie nach, ob der Antrag für die Rehabilitation gestellt wurde. Sie können natürlich auch bei der Krankenkasse nachfragen, ob sie die Reha-Maßnahme genehmigt hat.

Meine Mutter ist 90. Sie hatte vor 14 Tagen einen Schlaganfall. Jetzt ist sie, linksseitig gelähmt, zurück im Seniorenheim. Was soll jetzt weiter geschehen?

Experten: Es gibt einen Entlassungsbericht des Krankenhauses, in dem die Klinikärzte Vorschläge zu eventuell weiteren notwendigen Medikamenten und Maßnahmen machen. Sie können sich diesen Bericht bei der Klinik besorgen. Der Bericht geht auch an den Hausarzt Ihrer Mutter. Besprechen Sie dann mit ihm das weitere Vorgehen.

Ich bin 72, habe hohe Cholesterinwerte und Ablagerungen in der Halsschlagader. Der Arzt hat mir zu einem Cholesterinsenker geraten und außerdem zur Einnahme von ASS 100. Was halten Sie davon?

Experten: Der Cholesterinsenker ist wichtig. Sie haben Gefäßwand-Veränderungen, die das Risiko bergen, dass sich ein Blutgerinnsel löst. Wandert dies ins Gehirn, kann das ein Schlaganfall werden. Das muss regelmäßig, zunächst jährlich, durch Ultraschall-Untersuchungen kontrolliuert werden.

Die zusätzliche Gabe von ASS (Aspirin) ist nur in Fällen von einer fortgeschrittenen Arteriosklerose mit einer Verengung von Blutgefäßen (Stenosen) gerechtfertigt, oder wenn es bereits einen Schlaganfall gab, einen Herzinfarkt oder etwa Durchblutungsstörungen im Bein. Eine ständige Einnahme von ASS birgt andererseits das Risiko, dass es durch das Medikament zu einer Magen- oder Hirnblutung kommen kann. Daher müssten bei der Einnahme Nutzen und Risiko abgewogen werden.

Bei einer leichten Arteriosklerose würde ich nicht zur Einnahme von ASS raten.

Ich habe gehört, dass man als Marcumar-Patient, der vor einer OP steht, sehr darauf achten sollte, dass dafür Marcumar richtig durch Heparin ersetzt wird.

Experten. Ja. Muss vor einer OP der Blutgerinnungshemmer Marcumar abgesetzt werden, muss dieser unbedingt durch den Blutgerinnungshemmer Heparin ersetzt werden. Die Dosis des Heparins hängt vom Embolie-Risiko des jeweiligen Patienten und dem Blutungsrisiko der geplanten OP ab. Wird dies nicht ausreichend berücksichtigt, besteht unter Umständen die Gefahr eines Schlaganfalls.

Mir wurde ASS (Aspirin) als Gerinnungshemmer und damit als Schutz vor einem Schlaganfall verschrieben. Ich möchte das Mittel gerne absetzen. Ist das ein Problem?

Experten: Setzen Sie das Mittel auf keinen Fall ohne Rücksprache mit dem Arzt ab. Menschen mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt aufgrund einer Gefäßverkalkung wird häufig Acetylsalicylsäure (ASS, Aspirin) verschrieben. Das Medikament bewirkt eine Art Blutverdünnung. Wird dieses Mittel einfach abgesetzt, steigt das Risiko für einen Herzinfarkt und dann für einen Schlaganfall, wenn der Patient früher schon einmal einen Schlaganfall erlitten hat.

Ich habe nach einem Schlaganfall eine Einschränkung meines Gesichtsfeldes. Ich habe von einer neuen Therapie gehört, der Visuellen Restitutions Therapie (VRT). Kann mir das helfen?

Experten: Lassen Sie sich vom Hausarzt oder Neurologen ein Rezept für Ergotherapie ausstellen. Es gibt mittlerweile einige Praxen, die mit diesem Programm arbeiten. Hier wird zunächst geprüft, ob die VRT eine geeignete Therapieform ist. Die VRT beruht auf einem Computerprogramm, das man gut zu Hause durchführen kann. Die Therapie führt nicht unbedingt zu einer Erweiterung des Sichtfeldes, aber Sie lernen, besser damit umzugehen.

Darf ich nach meinem Schlaganfall Auto fahren? Mein Gesichtsfeld ist durch die Attacke eingeschränkt. 

Experten: Ein Gesichtsfeldausfall schließt in der Regel das Autofahren aus. Sie sollten auf jeden Fall mit Ihrem Augenarzt und auch dem Neurologen darüber sprechen. Auf keinen Fall einfach so hinter das Steuer setzen!

Ich bin 67 und hatte einen Schlaganfall. Zurückgeblieben sind zum Glück nur leichte Gefühlsstörungen. Ich leide seither aber unter starken Ängsten.

Experten: Sie sind sicherlich optimal versorgt worden. Depressionen oder Ängste sind leider häufig Folgen eines Schlaganfalls. Sie sollten sich jemanden suchen, mit dem sie darüber sprechen können. Auch eine Selbsthilfegruppe kann ein guter Weg sein. Dort können Sie über ihre Ängste sprechen und erfahren von anderen, wie die damit umgehen. Vielen hilft dies bereits. Wenn Sie sehr unter Ihren Angst-Störungen leiden, können die natürlich auch medikamentös behandelt werden.

Meine Frau hatte im vergangenen Jahr einen Schlaganfall. Zurückgeblieben ist lediglich eine Sprachstörung. Wir wollen gerne für mehrere Monate nach Spanien. Darf meine Frau denn fliegen?

Experten: Dafür gibt es keine Pauschal-Empfehlungen. Das sollte der behandelnde Arzt entscheiden. Ebenso wichtig ist aber, dass ihre Partnerin, wenn Sie nach Spanien reisen, eine deutschsprachige logopädische Therapie erhält. Damit Sie auf diesem Gebiet weiter Fortschritte macht.

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