Forschung

Viele medizinische Grundlagenstudien sind mangelhaft

Für medizinische Grundlagenstudien werden vor allem Mäuse und Ratten verwendet.

Für medizinische Grundlagenstudien werden vor allem Mäuse und Ratten verwendet.

Foto: Narayan Mahon/Redux/Redux/laif

Berlin.  Vielen medizinischen Studien liegen verfälschte Resultate zugrunde. Ursache ist das System, das nur spektakuläre Ergebnisse belohnt.

Fleiß allein hat noch selten zum ganz großen Erfolg geführt. Auch nicht in der Wissenschaft. Was dort zählt sind spektakuläre Forschungsergebnisse, publiziert in renommierten Journalen. „Das ist nichts Verwerfliches“, sagt Professor Ulrich Dirnagl. „Wenn die Qualität nicht darunter leidet.“

Das tut sie jedoch ganz erheblich: Dirnagl, Leiter der Abteilung für Experimentelle Neurologie an der Berliner Charité, fand in einer Studie heraus, dass sehr viele medizinische Grundlagenstudien mangelhaft sind und im Nachhinein kaum überprüft werden können. Die Ergebnisse wurden im Fachblatt „PLOS Biology“ veröffentlicht.

Ein Team um Dirnagl und seine Kollegin Constance Holman nahm sich Hunderte medizinische Grundlagenstudien zu Schlaganfall und Krebs vor – also jene Studien, die gemacht werden, bevor etwas am Patienten getestet wird. Es sind sogenannte präklinische Studien, meist an Tieren. Dirnagl und sein Team konzentrierten sich vor allem auf die für die Experimente eingesetzten Versuchstiere.

Manipulation? Nein, eher Wunschdenken

Zunächst fiel ihnen auf, dass in zwei Drittel der Studien die Zahl der eingesetzten Tiere nicht angegeben war. Zweite Erkenntnis: In jenen Studien, in der ihre Anzahl angegeben war, verschwanden Tiere im Laufe des Experiments. „Wir vermuten, dass Tiere herausgenommen wurden, weil sie etwa durch eine besonders schwere Krankheitsausprägung die Theorie des Wissenschaftlers nicht bestätigt hätten“, erklärt Dirnagl.

Manipulation? Betrügerische Absichten? Nein, meint Dirnagl. Eher Wunschdenken. Denn Wissenschaftler hätten feste Theorien im Kopf, die sie belegen wollten. Fällt ein Tier aus der Theorie heraus, würden sie dazu neigen, die Situation ganz unbewusst umzudeuten. Etwa: War das Tier nicht bereits vor dem Experiment auffällig? Oder: Gab es nicht gestern Probleme mit dem Stall?

Motivierte Informationssuche nennt Susann Fiedler, Psychologin am Max-Planck-Institut für die Erforschung von Gemeinschaftsgütern, dieses Verhalten. „Der Wissenschaftler sucht also nur nach Informationen, die ihn in seiner Annahme bestätigen“, erklärt sie. Er tut das, was die meisten Menschen auch tun. Für die von Ulrich Dirnagl untersuchten Studien, bei denen Tiere aus dem Experiment herausgenommen wurden, ohne dass das dokumentiert worden ist, bedeutet das am Ende ein verfälschtes Ergebnis.

Simulationen ergaben signifikant andere Ergebnisse

Verstärkt wird dieser Effekt durch die häufig geringe Anzahl der Versuchstiere. Im Mittel waren es acht. Mit Hilfe von Simulationen wies das Forscherteam nach, dass bei einer so geringen Gruppengröße das Herausnehmen von Tieren zu signifikant anderen Ergebnissen führte.

Ein alarmierender Befund, soll doch das Wissen, das mit den Experimenten generiert wird, irgendwann zum Patienten gelangen. „Es geht hier um Ressourcen“, erklärt Dirnagl die kleine Gruppengröße. Einerseits sollten so wenig Tiere wie möglich eingesetzt werden. Das gebiete der Tierschutz. Außerdem kosten Experimente Geld, je größer, umso mehr. Und drittens geht es um die Ressource Zeit. Wer seine Doktorarbeit schreibt, hat davon nicht sonderlich viel.

Eigentlich forscht Dirnagl an der Universitätsmedizin der Charité zu Schlaganfällen. Für die aktuelle Studie hat er sich der Forschung über Forschung gewidmet, also der Arbeit der eigenen Kollegen. „Ich will die Kollegen nicht anschwärzen, sondern sehen, wo wir alle gemeinsam besser werden können.“

Veröffentlichung in hochkarätigen Journalen bringt Renommee

Forschung über Forschung ist ein relativ junges Feld. Begonnen hat es mit einer Erkenntnis: Die Wissenschaft war nicht in der Lage, die eigenen Befunde zu replizieren, sie nachzumachen. Doch nur so ist eine unabhängige Überprüfung der Ergebnisse möglich.

Die Unhaltbarkeit von Forschungsergebnissen hat auch eine andere Studie aus dem letzten Jahr nachgewiesen, an der Psychologin Susann Fiedler beteiligt war. Ein Team aus 270 Wissenschaftlern von fünf Kontinenten versuchte, Ergebnisse von 100 psychologischen Studien, die in drei renommierten Journalen erschienen waren, zu replizieren. Am Ende bestätigten nur 37 Prozent der Wiederholungen die Originalresultate. „Das war schockierend“, sagt Fiedler.

Doch müsste nicht gerade Wissenschaftlern an höchsten Qualitätsstandards ihrer Arbeit gelegen sein? Fiedler beschreibt es mit der Diskrepanz zwischen dem Anspruch, etwas Wahres mit der Forschung herauszufinden und den oft schwierigen Arbeitsverhältnissen. Befristete Verträge, nur wenige begehrte Stellen. „Und was bringt Renommee? Die Veröffentlichung von tollen Ergebnissen in hochkarätigen Journalen“, sagt Fiedler. „Doch das sollte man nicht mit der Wahrheit verwechseln“.

Auch Ulrich Dirnagl bestätigt das: „Haben Sie schon einmal von Arbeiten gelesen, die nicht funktioniert haben?“ Der Haken an dem System sei die Belohnung: Bei der Vergabe von Professuren oder Geld für die Forschung werde häufig nicht auf die Qualität der Studie geblickt, sondern auf spektakuläre Aufsätze. „Hier müssten zusätzliche Kriterien angewandt werden. Neben tollen Befunden sollte die hochwertige Arbeit des Wissenschaftlers gewürdigt werden“, findet Dirnagl.

Vor wenigen Jahren sprach man noch von Hexenjagd

Immerhin, seit wenigen Jahren beobachtet Susann Fiedler eine Veränderung in der Wissenschaftswelt: „Es gibt eine starke Verschiebung der Normen. Die Forschung über die Forschung wird zum natürlichen Teil des Prozesses.“ Noch vor drei Jahren hätte sie daran nicht geglaubt. „Man sprach von Hexenjagd“, so Fiedler. Doch mittlerweile falle die Idee auf fruchtbaren Boden, dass die Reproduzierbarkeit einer Studie eine tolle Bestätigung der eigenen Arbeit sei.

Seit 2012 gibt es außerdem die sogenannten Arrive-Guidelines (Animal Research: Reporting of In Vivo Experiments), also Richtlinien zur Berichterstattung über Tierversuche am lebenden Organismus, die weltweit akzeptiert sind und von den Journalen abgefragt werden.

Zumindest theoretisch. In der Praxis erscheint auf dem Bildschirm lediglich ein Fenster, das danach fragt, ob die Guidelines eingehalten wurden, erzählt Dirnagl. Ein Mausklick und die Sache ist abgehakt. Daher fordert er von den Journalen, die eingereichten Arbeiten besser anhand der Richtlinien zu überprüfen. „Hier wird es jedoch schwer: Denn wenn das so umgesetzt wird, wird es weniger spektakuläre Ergebnisse geben. Forschung wird mehr Zeit und Geld kosten.“ Noch wird ein Forscher für gute Qualität nicht belohnt.

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