Filmdokumentation

Filmemacher waren auf Spitzbergen ganz nah an den Tieren

Der Filmemacher Christian Wüstenberg sitzt auf Spitzbergen Auge in Auge mit einem Walross.

Der Filmemacher Christian Wüstenberg sitzt auf Spitzbergen Auge in Auge mit einem Walross.

Foto: Christian Wüstenberg/Silke Schranz

Christian Wüstenberg und Silke Schranz haben den Film „Spitzbergen - Auf Expedition in der Arktis“ gedreht. Doch nun sind alle Kinos geschlossen.

Christian Wüstenberg und Silke Schranz lieben es zu reisen und auf der ganzen Welt Filme zu machen. Sie waren schon in Südafrika, Neuseeland, Australien und haben Anfang März den Film „Spitzbergen - Auf Expedition in der Arktis“ in die Kinos gebracht. Aber jetzt sind alle Kinos geschlossen. Im Interview mit Redakteurin Katrin Martens erzählt Christian Wüstenberg von den Dreharbeiten und davon, was die Corona-Krise für Filmemacher bedeutet.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film in der Arktis zu machen?

Wir sind unabhängige Filmemacher und leben davon, dass wir Filme machen, sie ins Kino bringen und Leute dann ins Kino gehen und sich eine Eintrittskarte kaufen. Der Eigner des Expeditionsschiffes hat unseren Südafrika-Film im Kino gesehen. Er schlug vor, dass wir mal etwas über die Arktis machen. Diese Region hat uns schon als Kinder wahnsinnig fasziniert. Man kann nicht so einfach hinkommen oder dort mit dem Auto unterwegs sein, weil es keine Straßen gibt. Deswegen braucht man ein Schiff.

Zunächst wollten wir keinen Film dort machen, weil es uns dort zu kalt war und weil wir nicht wussten, wie wir dorthin kommen sollten. Und wir dachten: Wie soll man einen Kinofilm machen, wenn man immer nur Eis und Schnee sieht? Der Besitzer des Schiffes meinte daraufhin aber, wir hätten keine Ahnung.

Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?

Wir haben die letzten zwei Jahre nichts anderes gemacht, als an diesem Film zu arbeiten. Auf Spitzbergen waren wir 14 Tage im September 2018. Vorher haben wir im Internet und in Büchern Informationen gesammelt, wie unser Film aussehen könnte und worüber wir berichten könnten. Wir haben mit dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven zusammengearbeitet. Wir haben dort viele Informationen bekommen, zur Arktis, zum Abschmelzen der Gletscher oder zu Plastikmüll, den wir dort weit abseits der Zivilisation gefunden haben.

Welche Tiere haben Sie gesehen?

Womit wir nicht gerechnet haben, ist, dass wir durch Zufall das größte Tier dieser Erde gesehen haben, einen Blauwal, von denen es gar nicht mehr so viele gibt. Es sind nur noch etwa 10.000 Tiere auf der ganzen Erde, früher waren es rund 200.000. In der Ferne sieht man schon den Blas. Das ist das, was der Blauwal durch sein Atemloch an der Oberfläche ausprustet, wenn er atmet. Diese Dampfwolke ist meterhoch.

Unser Käpt‘n hat den Blauwal von weitem erkannt. Er ist in die Richtung gefahren und wir konnten den Blauwal aus großer Nähe sehen. Wir haben eine Drohne gestartet und konnten wahnsinnig tolle Aufnahmen machen. Der Wal tauchte ganz langsam und majestätisch auf. Das Schiff ist 31 Meter lang und Blauwale können auch bis zu 30 Meter lang werden. Selbst der Führer, den wir dabei hatten, hat gesagt, dass er seit acht Jahren dort unterwegs ist und noch nie einen Blauwal so nah am Schiff gesehen hat.

Haben Sie auch Eisbären gesehen?

Ja, zweimal. Ein Eisbär hat uns überrascht, wir wollten an Land, aber dann ging es doch nicht. Wir hatten einen Führer (einen „Arctic Nature Guide“) dabei, weil die Norweger es nicht erlauben, dass man als Außenstehender ohne Waffenschein alleine anlanden darf. Dieser Führer hat eine Waffe, eine Signalpistole und eine Ausbildung in Gletscherrettung. Seine Aufgabe ist es, als Erster an Land zu gehen und auf dem nächsten Hügel zu gucken, ob Eisbären in der Nähe sind. Wenn ja, darf man nicht an Land, weil man keine Begegnung mit diesen wilden Tieren haben möchte, denn sie sind für Menschen gefährlich.

Unser Führer hat erst keinen Eisbären gesehen, später aber doch, wir mussten zurück in die Schlauchboote und konnten den Eisbären aus nächster Nähe beobachten, wie er am Ufer entlanggegangen ist und an einer Robbe, die er wohl mal erlegt hat, gefressen hat.

Wie war Ihre Begegnung mit den Walrossen?

Walrosse sind sehr neugierig. Wir haben am Strand gesessen, im Schnee. In Ferne schwamm eine Walross-Gruppe, die immer näher kam. Als sie bis an den Strand kamen, wollte ich instinktiv zurückweichen. Aber sie sind nur neugierig und halten einen natürlichen Abstand. Dann war ein Walross plötzlich zwei Meter vor mir, ich habe meine Kamera herausgeholt, das Walross hat mich angeguckt und ich hab das Walross angeguckt. Eine besondere Begegnung! So ein Walross wiegt mehrere Tonnen und hat riesige Hauer als Stoßzähne.

Konnten Sie den Klimawandel auf Spitzbergen beobachten?

Den Klimawandel nehme ich in Deutschland persönlich nur wahr, weil es im Sommer wärmer ist, es im Winter nicht mehr schneit und ich nicht mehr Schlittschuh laufen kann. Und weil man in der Zeitung davon liest. Aber man nimmt das hier in Mitteleuropa nicht so sehr als Bedrohung wahr. Da oben in Spitzbergen merkt man es unmittelbar, weil man vor riesigen Gletscherwänden steht, die haushoch sind und in einem wahnsinnig schnellen Rhythmus abbrechen. Das Eis fällt ins Wasser mit einem Donnern und Krachen, das durch Mark und Bein geht.

Die Menschen, die dort wohnen, haben uns erzählt, dass Touristen früher manchmal an einer Gletscherwand zwei oder drei Stunden warten mussten, um so einen Gletscherabbruch zu erleben. Mittlerweile ist es so, dass es ständig passiert. Der Bråsvellbreen ist eine 160 Kilometer lange Gletscherwand. Das Wasser schmilzt an der Oberfläche und donnert ins Wasser hinein. Man sieht, wie die Tonnen von Eismassen unwiederbringlich schmelzen. Man sieht, wie der Meeresspiegel ansteigen wird, wenn das Landeis schmilzt. Der Fjord bei Ny-Ålesund ist nur noch an 40 Tagen zugefroren. Das hat Auswirkungen auf das Leben dort und auf die Tiere.

Die Eisbären brauchen das Packeis, um Robben jagen zu können. Wenn Robben auf einer Eisscholle sind und sich dort ausruhen oder ihre Jungen gebären und betreuen, kann der Eisbär sie jagen und fangen, weil die Robben an Land nicht so schnell sind. Im Wasser hat er dagegen keine Chance, der Robbe hinterher zu schwimmen, dafür ist sie viel zu schnell. Das führt dazu, dass Eisbären aus der Not heraus Aas fressen. Viele Eisbären kommen nicht mehr vernünftig durch den Winter.

In wie vielen Kinos wollten Sie den Film zeigen?

315 Kinos hatten den Film fest gebucht. Wir hatten Plakate, Flyer und die Festplatten mit dem Film schon verschickt. Unser offizieller Bundesstart war am 5. März. Eine Woche später wurden alle Kinos geschlossen. Die 315 Kinos hatten Termine im März, April und Mai gebucht. Sie haben alle eine E-Mail geschrieben und abgesagt.

Welche Gefühle hatten Sie da?

Wir haben uns ganz leer gefühlt. Wir haben gedacht, über uns bricht die Welt zusammen und wir sitzen vor einem Scherbenhaufen. Unsere Arbeit besteht aus der Recherche, dem Dreh, dann schneiden wir ein dreiviertel Jahr, dann machen wir Musik, Töne, den Text, wir gehen ins Studio. Wir machen auch den Kinoverleih selbst. Und wir besuchen rund 70 Kinos auf unserer Kinotour persönlich und beantworten Fragen der Zuschauer. Deswegen ist es eine traurige Geschichte. Wir haben in den zwei Jahren keinen Cent an dem Film verdient, die Kinozeit ist sehr wichtig für uns. Wir haben jetzt auch kein Polster, um einen neuen Film zu machen.

Wie wollen Sie es jetzt schaffen, dass trotzdem viele Menschen den Film sehen?

Wir haben den DVD-Start vorgezogen. Man kann den Film direkt bei uns bestellen. Wir stecken die DVD in einen Umschlag, schreiben einen persönlichen Gruß drauf und versenden sie. Einige Leute haben uns schon geschrieben, dass sie es toll finden, sich in einer Zeit, in der im Fernsehen sehr viel über Corona läuft, einen schönen Kinoabend mit unserer Doku zu machen. Wir haben bei den Bestellungen gerade viele nette Kommentare von Menschen, die uns sagen „Haltet durch!“ Das macht uns glücklich und gibt uns Mut. Die Leere, die wir am Anfang hatten, und diese Traurigkeit, dass alle Kinos abgesagt haben, weicht gerade. Wir versuchen jetzt Ideen für einen neuen Film zu entwickelt, der nicht so viel kostet.

Finden Sie es trotz allem richtig, dass die Kinos im Moment geschlossen sind?

Natürlich. Wir finden es wahnsinnig wichtig, dass die Menschen geschützt werden. Wir haben größtes Verständnis für die aktuellen Einschränkungen. Die Kinos haben es jetzt noch schwerer als wir, sie müssen weiter hohe Mieten zahlen und ihre Angestellten bezahlen. Es gibt momentan leider keine andere Möglichkeit, als auf Veranstaltungen jeder Art zu verzichten. Wir müssen einander helfen und alle zusammenhalten, damit wir vor allem die älteren Menschen schützen.

Die DVD „Spitzbergen - Auf Expedition in der Arktis“

Spitzbergen ist eine Inselgruppe im Nordatlantik weit nördlich des Polarkreises. Sie gehört zu Norwegen.

Die DVD „Spitzbergen – Auf Expedition in der Arktis“ kostet 20 Euro. Sie kann versandkostenfrei bei Christian Wüstenberg und Silke Schranz bestellt werden – auf der Internetseite www.comfilm.de.

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