Flut

Verbundenheit ist jetzt besonders wichtig

| Lesedauer: 5 Minuten
Schulleiterin Andrea Wirths mit Rawan (von links), Jule, Anni und Jennifer.

Schulleiterin Andrea Wirths mit Rawan (von links), Jule, Anni und Jennifer.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Das Erdgeschoss der Theodor-Heuss-Realschule in Leverkusen wurde bei der Flutkatastrophe 2021 zerstört. Bis 2024 wird woanders unterrichtet.

Anni, Jule, Rawan und Jennifer sind Fünftklässler der Theodor-Heuss-Realschule in Leverkusen-Opladen. Englisch bei Lehrer Faruk Simsek und alle anderen Unterrichtsstunden finden allerdings in einer Grundschule statt. Bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 wurde das Erdgeschoss ihrer weiterführenden Schule komplett zerstört.

Das Wasser kam von zwei Seiten: Die Realschule liegt zwischen dem Fluss Wupper und dem Wiembach. Die Flut hat vom Verwaltungstrakt, den neu ausgestatteten Computerräumen, Kunst-, Naturwissenschafts- und Technikräumen nichts übrig gelassen. Die Musikinstrumente aus dem 1. Stock konnten gerettet werden. Aber Zeit, sich darüber zu freuen, hatte Schulleiterin Andrea Wirths nicht. 900 Schülerinnen und Schüler mussten woanders untergebracht werden. Das hat unglaublich schnell geklappt, sagt Andrea Wirths, die begeistert von großer Hilfsbereitschaft berichtet.

Im einige Kilometer entfernten Stadtteil Steinbüchel haben zwei Schulen die 30 Klassen aufgenommen. Die Fünft- bis Siebtklässler besuchen die Heinrich-Lübke-Grundschule, die Acht- bis -Zehntklässler werden fünf Minuten entfernt in der Montanus-Realschule unterrichtet.

Dahinter steckte sehr viel Arbeit und Organisation: In der Grundschule wurde ein komplettes Gebäude freigeräumt, den Erst- bis Viertklässlern fehlen jetzt zum Beispiel Inklusionsräume. Die Stundenpläne mussten geändert werden. Schulbeginn ist für die Realschüler um 8.15 Uhr und nicht mehr um 7.50 Uhr. Dafür gibt es zwei wichtige Gründe: Der Schulweg ist jetzt deutlich länger, die meisten kommen mit dem Bus. Außerdem herrscht weniger Chaos, wenn die Grundschüler und die Realschüler zeitlich getrennt aufs Gelände stürmen. Wie schafft man das alles? „Durch sehr guten und engen Austausch mit den Teams der anderen Schulen“, sagt Andrea Wirths. Und mit viel Kreativität, Geduld und Engagement.

Container aufdem Schulhof

Der erste Schultag habe sich so angefühlt, als sei man immer noch in der vierten Klasse, erzählt Fünftklässlerin Anni: „Das war komisch, es gibt ein paar Leute, die sind größer als du, aber so richtig groß sind sie auch nicht.“ Das Gebäude der Theodor-Heuss-Realschule (THRS) kennt sie gar nicht. Der Tag der offenen Tür und Kennenlern-Nachmittag sind wegen Corona ausgefallen.

Aber die Zehntklässler waren jetzt zu Besuch in der Grundschule! Der „Zehnersturm“ ist eine beliebte Aktion in der THRS, wie ein kleines Fest kurz vor Ferienbeginn. Die Schulabgänger legen die Schule lahm, holen die Kinder aus den Klassen und spielen mit ihnen auf dem Schulhof.

Zusammenhalt und Verbundenheit zu fördern, sei jetzt enorm wichtig, sagt Andrea Wirths. Deswegen war sie froh über Spendengelder, die nach der Flutkatastrophe von anderen Schulen gesammelt wurden. So konnten mehrtägige Team-Trainings organisiert werden. Jule erzählt: „Wir haben Vertrauensspiele gemacht, zum Beispiel ‘Roboter’. Da hat der eine die Augen geschlossen und der andere hat ihn gelenkt. Das hat auch was gebracht, wir halten uns auf dem Pausenhof jetzt mehr zusammen auf.“

Der Schulwegist jetzt lang

Ortswechsel: Auf dem Pausenhof der Montanus-Realschule ist viel los. Einen Teil des Hofs belegen Containermodule. Hier werden die oberen Jahrgänge der THRS unterrichtet. Aber erst seit Anfang des Jahres. Vorher hatten die Montanus-Schülerinnen und -schüler Klassenräume frei gemacht. Weil das nicht gereicht hat, musste abwechselnd ein Jahrgang im Homeschooling unterrichtet werden.

Die Container seien okay, sagt Keylen (15), es gebe zwar keine Schränke und Regale, aber sie seien groß genug. Außerdem hängen dort nigelnagelneue digitale Tafeln. Trotzdem vermisst er seine alte Schule: „Ich hab jeden Tag eine Stunde weniger Freizeit durch die Busfahrt, wir haben an der anderen Schule auch mehr Grün und mehr Platz auf dem Schulhof.“

Den langen Schulweg sind auch Neuntklässlerin Selima und Louis aus der 8b leid. Sie werden ihn aber nicht mehr los. An der THRS ist ein Schaden von 16,4 Millionen Euro entstanden. Sie wird noch bis zum Schuljahr 2024/25 renoviert und um drei Räume aufgestockt. Wenn sie wieder genutzt werden kann, sind die drei nicht mehr dabei. Deswegen sind ihnen gemeinsame Aktionen jetzt besonders wichtig. Selima nennt zum Beispiel die Patenschaften, die die Neuntklässler für die Fünftklässler übernehmen.

Selbstständigerund reifer

Louis glaubt, dass er und seine Mitschülerinnen und -schüler im vergangenen Jahr selbstständiger und reifer geworden sind. So sieht das auch Selima. „Es gibt auf der Welt so viele ähnliche Katastrophen wie die Flutkatastrophe, ich habe gelernt wie sich die Menschen dort fühlen. Außerdem hätte es bei uns ja noch schlimmer kommen können.“

Auf der Kinderseite begleiten wir ein Jahr lang Schulen in NRW und Rheinland-Pfalz, die von der Flut im Juli 2021 besonders betroffen sind.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kindernachrichten

Liebe Nutzerinnen und Nutzer:

Wir mussten unsere Kommentarfunktion im Portal aus technischen Gründen leider abschalten. Mehr zu den Hintergründen erfahren Sie
» HIER