Kino

All My Loving: tragische Geschwisterstory, grandios gespielt

Trostlos: Gefühlt jugendlich, tatsächlich ein ewiger Student, dem nichts glückt: Hans Löw in „All My Loving“.

Trostlos: Gefühlt jugendlich, tatsächlich ein ewiger Student, dem nichts glückt: Hans Löw in „All My Loving“.

Foto: :Port-au-Prince Films

  So gut es ihnen gehen könnte, so schlecht läuft es für sie: Edward Bergers Film „All My Loving“ erzählt von der Tristesse deutscher Mittvierziger

Ein Film, drei Episoden, ihr Kitt: der Fluch, den man Familie nennt. Edward Bergers „All My Loving“ ist eine Elendsstudie im Porsche, ein Trauerspiel im besten Hotel Turins, eine Wohlstandsballade mit fettem Trauerrand. Richtig großes Kino ist Edward Berges Film nicht, aber ein umso größeres Fest dreier großer Schauspieler.

Zu feiern haben die Geschwister, die sie spielen und die irgendwo in ihren fade ratlosen 40ern stehen, ansonsten spürbar wenig. Stefan (Pilot, Weltmann und ein im Flachlegen begnadet abgebrühtes Arschloch) kostet ein Hörsturz den Beruf. Niemand will das weniger wahrhaben als er – und so zieht er die Lebenslüge, nichts sei zerstört, durch. Die alte Lufthansa-Uniform trägt er immer noch in den Bars teurer Hotels: sein Türöffner zu den Zimmern alleinreisender Schönheiten.

Lars Eidinger und Nele Mueller-Stöfen machen aus „All My Loving“ großes Schauspieler-Kino

Doch schon hier zieht Berger, der mit seiner Frau Nele Mueller-Stöfen auch das Buch schrieb, garstige Risse in die Fassade. Als eine Eroberung ihn vor der Zimmertür flüsternd nach einem Kondom fragt, kann Stefan das einfach nicht hören, rettet sich in ein flaches Geilheitskompliment. Lars Eidinger in diesem Porträt zuzusehen, ist ein Glück ohne Schadenfreude. Keinen Augenblick erliegt er der Versuchung einer Karikatur. Stattdessen findet er zu seinem Verzweiflungs-Mosaik aus morbider Lebenslust und offensiver Wut, angereichert durch das Armutszeugnis kaum wahrgenommener Vaterpflichten. Lachen dürfen wir über den waidwunden Don Juan auch: Wann sah man einen Erfolgsverwöhnten so überfordert von der stinkenden Banalität eines Hundehaufens?

Zu solchen Typen gehört ein schlaffer Antagonist in Brudergestalt. Es ist Tobias, seit 36 Semestern in den Fängen eines Psychologiestudiums, Mann einer Businessfrau, mit der er drei Kinder hat. „Einer wie Du will mir Ratschläge geben?“, wird ihn der schwerkranke Vater später auf autoritäre Weise stellen – als einen, der das Kinderzimmer nie verlassen hat. Charmant dauerüberfordert, naiv im blöden Glauben, bei Feiern von 20-Jährigen als einer der ihren gemocht zu werden: Herzzerreißend ziellos zeichnet Hans Löw diesen Versager zum Liebhaben.

Gewiss ist es auch die sensible Balance von Jens Harants Kamera, die uns selbst von beiläufigen Katastrophen im Leben solcher Helden angefasst sein lässt. Mehr noch aber ist es eine gnadenlose Nähe, die diese drei Schauspieler (perfekt eskortiert durch Christine Schorns und Manfred Zapatkas Elternpaar) selbst zulassen.

Im Luxus – und am Abgrund: Der Film „All My Loving“ blickt schonunglos auf eine Generation

Die hysterische Entäußerung, die einen Italien-Trip von Julia und ihrem Mann Christian (bravourös: Godehard Giese) von der Luxussuite geradewegs in den Abgrund ihres gemeinsamen Traumas führt, ist das Ereignis dieses Films. Es hält einen kaum im Kinosessel, so unerträglich (und so unerträglich wahrhaftig) stürzt sich Nele Mueller-Stöfen in eine Figur, die den Verlust ihres Kindes in die inflationäre Währung hysterischen Tierschutzes ummünzt. Und auch hier hat das Buch seine feinen Volten: Nicht einmal ein piemontesischer Straßenköter hält solche fehlgeleitete Liebe aus – der Hund flieht nach dem vertrauten Müll.

„All My Loving“, einer herzigen Liebeserklärung der Beatles entlehnt, ist ihr reines Gegenteil. Es ist ein Abgesang auf eine Generation: Der liegt eigentlich die Welt zu Füßen liegt, aber den Boden unter diesen Füßen verliert sie vielleicht gerade darum – satt, schön, unzufrieden, unreif. Gutes Kino ist das (von einem indiskutablen Kitsch-Finale abgesehen) vor allem als gekonnte Landschaftsmalerei zerklüfteter Seelen. Es passiert nicht einmal sonderlich viel, und doch wünscht man sich, eben das sei nie geschehen.

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