Survivors

Auge in Auge mit Holocaust-Überlebenden auf Zollverein

Essen.  Die Ausstellung „Survivors“ auf der Kokerei Zollverein zeigt mehr als die Gesichter von 75 Holocaust-Überlebenden. Ihnen geht es um Zukunft.

Überlebensgroß sind die Porträtbilder, die Martin Schoeller von 75 Davongekommenen des Holocaust in ihrer neuen Heimat Israel gemacht hat. Zumal es bei diesen Fotos weniger auf die Größe als aufs Überleben ankommt – in der Ausstellung „Surivors“ („Überlebende“) mit dem Untertitel „Gesichter des Lebens nach dem Holocaust“ auf der Welterbe-Kokerei Zollverein im Essener Norden. Symbolträchtig eröffnet von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Die Bilder hängen gut, in Augenhöhe an den industriegroben Wänden einer Kokerei, die mit der gleichnamigen Zeche Zollverein einmal als förderstärkste Tiefbauzeche der Welt in die Geschichtsbücher einging. Teil einer Industrie, die sogar verflochten war mit dem industriell organisierten Versuch, die Juden Europas zu vernichten. Dass der mörderischste Zivilisationsbruch ausgerechnet hier in Erinnerung gerufen wird, wo sich eben diese Zivilisation einen Gutteil ihrer Energie holte, bereitet ein gewisses Unbehagen. Was womöglich eine Stärke der Ausstellung ist, weil es den bloßen Konsum der Bilder konterkariert.

„Das Ruhrgebiet stellt sich seiner Geschichte“

„Das Ruhrgebiet“, sagt denn auch Theodor Grütter, der Direktor des Ruhrmuseums, stellt sich seiner Geschichte und seiner Verantwortung.“ Die hiesige Chemie-Industrie sei schließlich an der Vergasung beteiligt gewesen.

Und so werden diese alten, oft faltenzerfurchten, aber auch gütestrahlenden Gesichter derjenigen, die willkürlich zu Opfern, zu Todeskandidaten gemacht wurden, zu einem späten Triumph über ihre Peiniger, über die Täter. Die Fotos gehen nahe, schon weil es Close-Up-Aufnahmen sind, alle im gleichen Format und so konzentriert auf die Gesichter, dass mitunter sogar ein Teil der Frisur fehlt.

Sie überlebten Auschwitz und Todesmärsche

Sie sind hell und freundlich ausgeleuchtet, diese ernsten Mienen, und da ist wenig Lächeln in den Mundwinkeln der Männer und Frauen, die zwischen 1920 und 1940 geboren sind und aus ganz Europa stammen, von Dänemark bis Griechenland (und Libyen), von Frankreich bis zur Ukraine. Die einen überlebten Auschwitz und Todesmärsche, die anderen gingen zu den Partisanen oder wurden versteckt, in Klöstern und bei Menschen, die Mensch geblieben waren.

Von allen erfahren wir Geburtsort und -jahr, wo sie die Verfolgung er- und überlebten. Und es gibt zwei, drei Sätze von allen, meist an die Jugend und in die Zukunft gerichtet wie beim gebürtigen Polen Shimon Greenhouse, der sich mit seiner Mutter den Partisanen angeschlossen hatte, nachdem er der Liquidation des Ghettos von Krasna in Polen (heute Weißrussland) entkommen war: „Wir sollten versuchen, eine Welt zu schaffen, die gerecht ist und in der die Menschen einander mit Respekt behandeln. Wir müssen ständig danach streben, besser zu werden, auf der persönlichen wie auf der nationalen Ebene.“ Oder der in Ungarn geborene Yitshak Perlmutter: „Jeder hat die Möglichkeit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Im Wesentlichen ist das eine Frage der Bildung. Wenn wir lernen, ein­ander zu schätzen, kann die Welt wirklich ein wundervoller Ort für alle werden.“

Schweigen nach 50 Jahren gebrochen

Da kam Fotograf Martin Schoeller entgegen, dass die Holocaust-Überlebenden als Zeitzeugen aktiv an der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem mitarbeiten: Sie hat das ganze Foto-Projekt auf Vorschlag ihres deutschen Freundeskreises, dessen Vorsitzenden Kai Diekmann und der Bonner Stiftung Kunst und Kultur betrieben. So mancher Holocaust-Verfolgte hat versucht, das Thema komplett zu verdrängen, abzukapseln. Naftali Fürst etwa, 1932 im slowakischen Bratislava geboren, war nach Auschwitz deportiert worden und auf einen Todesmarsch nach Buchenwald geschickt worden. Nach 50 Jahren Schweigen hat er sich entschlossen, seine Geschichte und die seines Bruders zu erzählen, er ist sogar unter die Blogger gegangen gegen das Vergessen. Und nun holte ihn die Luftwaffe eigens mit einer Maschine aus Israel ab, damit er die Ausstellungseröffnung am Dienstag durch Bundeskanzlerin Angela Merkel miterleben konnte. „Es ist unsere Pflicht“, sagt er heute, im Namen der Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, weiter unsere Geschichten zu erzählen!“

Viele der Holocaust-Verfolgten warnen vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus, wie es weltweit zu beobachten ist. Andere wiederum wie Esther Meron quält bis auf den heutigen Tag die unbeantwortbare Frage, warum ihre Familie ermordet wurde – und sie nicht. Ausstellungen wie diese sind auch keine Antwort. Aber ein Trost.

„Survivors. Faces of Life after the Holocaust“. Kokerei Zeche Zollverein, Arendals Wiese, 45309 Essen. Bis 26. April. Täglich 11-17 Uhr. Eintritt nach eigenem Ermessen. Zur Ausstellung ist ein englischsprachiges Fotobuch im Göttinger Steidl-Verlag erschienen. Es umfasst auf 167 Seiten sämtliche Fotos der Ausstellung und kostet dort 28 Euro.

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