DIRIGENT

Antonio Pappano ist ein „Sir“ mit sehr viel Taktgefühl

„Wenn wir zusammen musizieren, muss es menschlich sein“: Antonio Pappano.

„Wenn wir zusammen musizieren, muss es menschlich sein“: Antonio Pappano.

Foto: Riccardo Musacchio and Flavio Ianniello / EMI Classics

Essen.   Der Dirigent Antonio Pappano kommt nach Essen. Im Vorfeld spricht er über die Kunst des Dirigierens, Trumps USA, den Brexit und Europas Zukunft.

Antonio Pappano ist ein Maestro ohne jede laute Allüre. Erfolg hat er damit reichlich. Das Publikum liebt seine Konzerte; die Queen hat ihn als Chef des Königlichen Opernhauses von Covent Garden zum „Sir“ gemacht. Und Italien bescherte er ein Orchesterwunder, da er Roms Orchester der „Accademia Nazionale di Santa Cecilia“ wieder zu Weltruhm führte. Am 24. Mai kommt Pappano mit den Römern nach Essen, Lars von der Gönna sprach mit ihm.

Neben Bartóks Violinkonzert und Mussorgskys „Nacht“ bringen Sie Rimski-Korsakows Scheherazade nach Essen, grandioses Orchesterfutter, fast schon Filmmusik, oder?

Pappano: Diese Musik hat eine ganze Schule inspiriert, was „Story telling“ in der Musik heißt, also eine Geschichte für die Ohren. Wie hier mit Klang wirklich erzählt wird, ist einfach genial. Aber die Geschichte aus 1001 Nacht selbst ist ja auch toll: Schafft die Erzählerin nicht, die Spannung zu halten, wird jemand hingerichtet. Also Rimski schafft es auf jeden Fall (lacht) – da ist sehr Theatralisches, sehr Opernhaftes drin.

Sie gelten als Dirigent, der sein Orchester zum „Singen“ bringt...

Gesang ist meine Welt, ich komme vom Theater, ich arbeite jeden Tag meines Lebens mit Stimmen. Gesang ist für mich die schönste Kommunikation der Welt. Aber noch etwas: Ich komme mit einem italienischen Orchester nach Essen. Wenn ein italienisches Orchester nicht singt, wo sind wir dann gelandet? Wissen Sie, heutzutage gibt es eine Gefahr, das technische Niveau der Orchestermusiker ist unglaublich. So klingt eins wie das andere. Aber ein Orchester braucht eine Identität, bei der „Accademia“ hat sie natürlich mit der Heimat zu tun, mit dem Süden. Das macht es auch spannend, wenn Sie Beethoven spielen oder Russisches. Es gibt Neugierde, Frische, keine Routine.

Wenn Pappano-Dirigate im Radio gespielt werden, würden Sie die sofort erkennen?

Kann wohl sein, aber die Furcht ist, dass ich es nicht mag (lacht). Je weiter ich meine Weg gehe, desto mehr spüre ich, wie meine Entwicklung – im guten Sinn – eine neue, andere Interpretation zur Folge hat.

Was ändert sich denn mit dem Altern beim Deuten von Musik?

Ein Menschenleben ist wunderbar, voller Neuigkeiten, Lust, Freude; aber es hat auch herbe Enttäuschungen, Todeserfahrung. Ich habe das früher nicht gedacht, aber es ist unglaublich, wie sich Perspektiven ändern. Ich habe die Achte von Bruckner jetzt zum dritten Mal gemacht – und wieder ist es anders. Heute habe ich viel mehr Pathos im Adagio, ich traue mich. Am Anfang stand die Bewunderung, jetzt ist eine Nähe da. Ich halte es für ganz wichtig, dass ein guter Dirigent sich den großen Werken immer wieder stellt: Sie sind ein Maßstab dafür, wo man steht, ein Spiegel, in dem man sich erkennen kann.

Sie gelten als freundlicher Maestro, der auch ohne Gebrüll ans Ziel kommt. Ist die Zeit der Zuchtmeister in der Klassik endgültig vorbei?

Ach, jeder Dirigent hat Momente, und sei es nur eine Minute, in der er wie ein Diktator klingt. Emotion und Verantwortung lasten einfach sehr stark auf diesem Amt. Klar: Wenn wir zusammen musizieren, muss es menschlich sein. Aber am Ende des Tages steht einer vorne, der entscheidet, der das Ganze ans Ziel bringen muss. Es geht um eine klare Linie. Wenn alles nur freundlich ist und jeder „irgendwie“ ans Ziel kommt, ist die Spannung einer Interpretation kaum zu halten.

Im Moment muss jeder US-Künstler sich auf Trump ansprechen lassen, jeder britische auf den Brexit, Sie sind bei London geboren und in Connecticut aufgewachsen, also fragen wir Sie zu beidem.

In Amerika haben wir einen Präsidenten, der nicht das geringste Interesse für Kunst besitzt. Nicht nur Klassik, alles! Die Kunst fordert er heraus: In so einer Umgebung verteidigt man, was man liebt. Was den Brexit betrifft: Das Traurigste ist die Ungewissheit. Ich leite mit dem Opernhaus von Covent Garden ein Haus, das in alle Welt vernetzt ist. Wir werden herbe Schwierigkeiten kriegen mit Visen und all dem.

Wo steht Europa in diesen Zeiten für einen Künstler wie Sie?

Europa ist menschlich eine so fantastische Vision. Ich wundere mich sehr über Gegenbewegung von vielen Seiten, auch über Sätze wie „Wir müssen unser Land verteidigen gegen Immigranten!“ Mein Gott, ich war Immigrant, meine Eltern waren es. Was soll das? Wir haben dem Land doch auch etwas gebracht. Wir leisten etwas. Wir zahlen Steuern. Was wollen die? Ich verstehe das nicht. Das ist ein emotionaler Reflex, aus dem nun plötzlich Politik entstanden ist.

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