Ein Biopic über den Reggae-König, der deutsche Krimi „Schock“ und die US-Filmperle „Linoleum – Das All und all das“: Die Neustarts im Überblick.

„Bob Marley: One Love“

Bob Marley, ein Musiker aus den Slums von Jamaikas Hauptstadt Kingston, schwingt sich ab 1966 mit seinen Songs über Freiheit und Ungerechtigkeit zur Stimme des diskriminierten Volkes auf. Berauscht von international steigender Reputation, den Verkaufserfolgen seiner Schallplatten und exzessivem Marihuana-Genuss setzt er sich als neuer Messias an die Spitze der Rastafari-Bewegung.

Einen mutmaßlich politisch motivierten Mordanschlag überlebt er. Elf von ihm anerkannte Kinder (vier davon mit seiner Ehefrau Rita) festigen zudem Marleys Ruf als potenter Leader. Eine unbehandelte Fußballverletzung und zu spät entdeckter Hautkrebs schicken den Gott des Reggae am 11. Mai 1981 ins Grab.

Ein Biopic, welches das legitime Interesse eines zu spät geborenen Publikums am Lebenswandel ikonografisch überhöhter Pophelden befriedigt, gab es schon: Bobs Witwe Rita Marley, mit meist wenig geschmackssicherem Ausverkauf des Songkatalogs und einer Themenpark-Verramschung des Marley-Mythos nicht zimperlich, erlaubte immerhin Kevin MacDonalds Dokumentarfilm „Marley“ von 2012; bis heute der einsame Gipfel der filmischen Lebensbetrachtung.

Rita war das wohl nicht genug. Also gab sie Geld frei für ein Biopic, das unter der Glanzbildregie von Reinaldo Marcus Green(er drehte auch den Film über die Tennis-Schwestern Venus und Serena Williams) nur einen Kurs kennt – die bedingungslose Legenden-Erzählung.

Kingsley Ben-Adir (aus der Serie „Peaky Blinders“) spielt die Titelrolle mit heiligem Ernst in den Merksätzen („Man kann Musik und Message nicht trennen“), verlogener Bescheidenheit („Ich bin kein Superstar“) und gestyltem Poster-Gesicht, das Internetansprüchen genügt. Als Sammlung geschönter Schlagzeilen ist das die richtige Dosis für alle, denen der Wikipedia-Eintrag über Bob Marley zu lang ist. (ues)

Neu im Kino: „Schock“, ein deutscher Thriller von und mit Denis Moschitto.
Neu im Kino: „Schock“, ein deutscher Thriller von und mit Denis Moschitto. © dpa | -

„Schock“

Bruno (Denis Moschitto) hat seine Approbation als Arzt verloren. Jetzt arbeitet er nachts und gegen Bares. Seine Patienten: Menschen ohne Versicherung – Kriminelle, Illegale, Prostituierte. Eines Tages macht ihm eine Anwältin ein Angebot. Er soll einen krebskranken Mafioso mit nicht zugelassenen Antikörper-Infusionen versorgen. 50.000 Euro springen dabei heraus. Bruno kann nicht widerstehen. Aber die Sache erweist sich als brandgefährlich.

Im Regiedebüt des Schauspielers Moschitto (mit Daniel Rakete Siegel) geht es um einen, der aus menschlicher Gier zwischen alle Fronten gerät. Ergebnis ist ein bis aufs Mark reduzierter Thriller, der in der Kölner Schattenwelt (und so überwiegend im Dunkeln) spielt, und bei dem Moschitto als Bruno zur tragischen Figur wird. „Die Leute rufen mich an und ich komme vorbei“, beschreibt er seine Einsatzfahrten, bei denen er Zähne zieht und Schusswunden verbindet.

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Moschitto spielt stark. Und er ist ein geradliniger Erzähler, der auf alles verzichtet, was die Handlung nicht vorantreibt. Es gibt eine traurige Schwester (Aenne Schwarz), einen kriminellen Schwager (Fahri Yardım) und eine Vergangenheit, etwas mit Kokain, mehr erfährt man nicht. Eigentlich will Bruno raus aus dem Milieu. Aber wer A sagt, muss hier auch B sagen.

Insgesamt ein handfester deutscher Neo-Noir-Krimi jenseits aller Tatort-Klischees, wortkarg und mit einigen deftigen Szenen. Empfehlenswert für Fans des Genres. (kui)

„Linoleum – Das All und all das“: Cameron Edwin (Jim Gaffigan) und seine Frau Erin (Rhea Seehorn).
„Linoleum – Das All und all das“: Cameron Edwin (Jim Gaffigan) und seine Frau Erin (Rhea Seehorn). © dpa | -

„Linoleum – Das All und all das“

Wissenschaftler Cameron steckt mit Mitte 50 in der Sackgasse. Seine Physik-Show für einen lokalen Sender steht vor dem Aus wie seine Ehe mit Erin; sein Vater ist demenzkrank im Heim. Ein Straßenkreuzer fällt in seinen Vorgarten, seine Tochter Nora freundet sich mit dem Sohn von gegenüber an, und dann knallt auch noch ein Satellit in den Garten, was unerwartet Camerons Lebensgeister weckt.

Eine absolut liebenswürdige Filmperle aus unabhängiger US-Produktion ist dieser Genrequirl von Colin West. Futuristisches findet sich ebenso wie Science-Phantastik, Familiendramatisches und Selbstfindungsprobleme aus der Midlife-Crisis, und alles eingebunden in ein fein gewebtes Retro-Feeling mit ironisch glitzernden Vignetten im melancholischen Grundmuster.

Jim Gaffigan in einer faszinierend maskierten Doppelrolle und die immer verlässliche Rhea Seehorn rühren als Ehepaar ebenso an wie die Lovestory der Teenager. Und wem das Ende nicht zu Herzen geht, weiß nicht um den Unterschied zwischen Gefühl und Effekten. (ues)