Auftritt in der Phoenixhalle

Auch ein Stromausfall kann Marteria in Dortmund nicht stoppen

Marteria – harte Beats und manchmal sanfte Texte. Der Mann will nach oben und kombiniert gerne das All und den Alltag. – und das gekonnt.

Foto: Ralf Rottmann

Marteria – harte Beats und manchmal sanfte Texte. Der Mann will nach oben und kombiniert gerne das All und den Alltag. – und das gekonnt. Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Marteria, der Rapper aus Rostock und Beinahe-Fußballprofi, macht aus jedem Tourauftritt ein Heimspiel. Auch vor 3600 Zuschauern in Dortmund.

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Der Mann wirft gerne alles weg – beinahe sogar sein Leben. Aber keine Angst, so heftig wird es nicht an diesem Abend in der Phoenixhalle. Es bleibt beim T-Shirt. „20 Sekunden“ heißt das schon traditionelle Finale einer Marteria-Show. Es sind eh alle schweißgebadet und dann kann man sich bitte freimachen. Also, obenrum und nur die Männer, versteht sich.

Kurzer Zeitsprung, zwei Stunden zurück: Laut und hart steigt Marteria ein. Unter Flutlicht gewissermaßen und, einen Bengalowurf vom Stadion entfernt, auch gleich mit dem Endergebnis der Partie Dortmund gegen Frankfurt.

„Roswell“ heißt der Song und die Tour und Roswell ist Rostock, da kommt er her. Seine Lieder sind bestimmt von der Frage, was das Universum bereit hält. Er schwärmt vom „Blauen Planeten“ und „Lila Wolken“ – einer seiner Erfolge. Er beschreibt sich als Alien, wenn er seine Rostocker Jugend besingt.

Die Zuhörer aus dem Revier fühlen sich seelenverwandt, singen weiter, als es auf der Bühne dunkel wird. Textsicher bis zum Ende. Doch der Blackout gehört nicht zur Dramaturgie.

Zeit zum Atemholen, die Leute rufen „Zugabe, Zugabe“ und wir fassen zusammen: Der Mann hat eine Fußballer- und eine Modelkarriere weggeworfen, um das hier zu machen: Feiern bis der Arzt kommt – was der auch tat und ihm vor zwei Jahren drohendes Nierenversagen diagnostizierte. Sein Leben hätte er also fast weggeworfen.

Das riskiert er offenkundig für diese Momente auf der Suche nach Ekstase. Der einstige Jugendnationalspieler will aus jedem Tourneeauftritt ein Heimspiel machen. „Alle oder keiner“ und immer wieder die Aufforderung an die Leute aus dem Pott, aus Dortmund, mitzufeiern. Das hat Erfolg, das hat aber auch die gewisse Penetranz von einem Menschen, der unsicher ist, ob die Substanz seiner Lieder reicht.

Keine Bange, Marten Laciny, möchte man ihm da zurufen. Wer harte Beats mit musikalischer Prägnanz und Texte über All und Alltag mit Sprachgefühl mischt, kann darauf vertrauen, dass er die Menschen erreicht. Nicht nur mit seinem Lied von der Geburt seines Sohnes Louis.

Eine Viertelstunde vergeht, bis bei diesem Auftritt die Notbeleuchtung wieder verlischt und alles wieder hochgefahren ist. HipHop ist eine technisch komplizierte Veranstaltung und die Marteria-Show streng durchchoreographiert. Aber das Spiel nimmt wieder Fahrt auf.

Am Ende wirft er wieder das T-Shirt und feiert sich: Marteria hat wieder gewonnen – dem Himmel ein Stück näher. Oder wie er es in seinem Lied „Endboss“ formuliert: „Level geschafft“. Der Endboss übrigens hieß früher Sensenmann und Marteria beschreibt in dem Lied alle Leben, die er schon weggeworfen hat. Und er thematisiert seine Unsicherheit, ob es zur Rap-Karriere reicht. Die Frage, ob die Spannung hält, zieht sich durchs Leben. Nicht nur an diesem Abend, nicht nur bei Marteria.

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