Christo

Christo zeigt 50 Schattierungen von Weiß in Oberhausen

Die Eröffnung des "Big Air Package" von Christo im Gasometer Oberhausen

Die Eröffnung des "Big Air Package" von Christo im Gasometer Oberhausen

Foto: Tom Thöne

Oberhausen.   Christo eröffnet sein „Big Air Package“ in Oberhausen: Die Besucher treten ein in 177.000 Kubikmeter Kunstluft – und werden zunächst einmal von einem Schwindel überfallen. Und dann breitet sich sich meditative Stille aus, eine fast heilige Atmosphäre, die einzigartig ist – bis zum 30. Dezember.

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Weiß. Und Weiß. Und noch mehr Weiß. Weit über 50 Schattierungen von Weiß durchfluten den Innenraum von Christos„Big Air Package“, den der Weltkunststar im Gasometer Oberhausen hat steigen lassen. In diesen 90 Meter hohen Riesenballon würden zwar 400 Einfamilienhäuser hineinpassen, wie irgendjemand ausgerechnet hat – aber selbst eine winzige Hundehütte würde hier gewaltig stören.

Denn der Witz, der Charme, das Faszinosum dieser jüngsten Großinstallation des Verhüllungsmagiers Christo ist seine große Leere, seine meditative Ruhe, die Abwesenheit der Welt und aller Dinge, die hier nur stören würden.

Kaum merkliches Schwanken

Denn man badet in Licht. Wenn sich die Sonne durch die Wolken zwängt, malt sich oben gleißend hell die Fensterrosette dieser Industriekathedrale auf der weißen Stoffhülle ab; ansonsten sorgen auch 60 Strahler für Weiß von ganz oben. Ganz unten: lauter Menschen mit „Kopf im Nacken“ – im ersten Moment wird ihnen prompt schwindelig. Das Auge sucht Halt. Sucht Maßstäbe, Orientierung. Der Blick irrt herum.

Bleibt hängen an den sieben Schattenstreifen der Seile, die sich oben kreuz und quer durch den Kreis ziehen. Bleibt hängen an den weiß verdickten Seilspuren, die an die Taillenwürfe eines Michelin-Männchens erinnern. Und bleibt hängen an den steil aufragenden Nahtstreifen, die sind alles in allem 12 Kilometer lang.

Nach einer Weile wird man feststellen, dass das „Big Air Package“ kaum merklich schwankt, es wird ja nur gehalten von den Seilen um seine Außenhaut und den Druck von innen. Ganz oben, unter der Kuppel, herrscht ein besonderes Kleinklima, die warme Luft steigt auf, nimmt Feuchtigkeit mit, die kondensiert...

Lauter heiße Luft?

Nun ja, die Temperaturen hier unterscheiden sich gerade mal um Zehntelgrade von denen draußen; wer sich auf den Rücken legen will (was in den nächsten Monaten zur bevorzugten Genussform des „Big Air“-Rausches im Gasometer werden könnte), sollte warm eingepackt kommen.

Man kann sich aber zum Gucken, Staunen, Fallenlassen auch einfach auf die Stufen eines Viertelrunds setzen. Von den 5,3 Tonnen, die diese Stoffhülle wiegt, ist nur ein Hauch zu spüren.

Kurz nach dem Tod seiner Kunstlebensgefährtin Jeanne-Claude im November 2009 erreichte Christo die Anfrage aus Oberhausen, ob er sich nach der spektakulären „The Wall“-Installation aus 13.000 Ölfässern noch einmal etwas für den Gasometer ausdenken könne. Es ist sozusagen das Gegenteil der kleinteiligen, poppigen anmutung von „The Wall“ geworden, nicht zum Hingehen wie so viele Christo-Werke, sondern zum Reingehen, das gab’s bis jetzt noch nie. keines. Das „Big Air Package“ ist so, wie Christo (77) den Gasometer findet: „Einzigartig ! Dieser unglaubliche Raum war schon die ganze Inspiration, mehr war nicht nötig!“

Ausstellung zum Lebenswerk 

Ein dickes Paket hatten Christo und Jeanne-Claude allerdings 1968 schon einmal geschnürt, für die Documenta 4 in Kassel, es hieß „5600 Kubikmeter Paket“, aber es war nicht begehbar. Das ersten Groß-Paket schuf der gebürtige Bulgare mit dem amerikanischen Pass übrigens 1961 im Kölner Hafen, wo er mit Jeanne-Claude einen Riesenstapel Ölfässer verhüllte.

All dies lässt eine große Ausstellung zum Lebenswerk des Christo Vladimirov Javacheff im Erdgeschoss des Gasometers Revue passieren. Da sind die Großbildaufnahmen jener Inseln von Miami, die Christo 1983 mit einem Riesenrosas Stoffband umkränzte, da ist selbstverständlich die Reichstagsverhüllung und die vielleicht zauberhafteste von allen, die Paris eine gänzlich neue Pont Neuf-Brücke bescherte. Da sind die gelben und blauen Schirme in Japan und den USA, die am 9. November 1991 zugleich geöffnet wurde.

Kunst mitten ins Leben geholt

Und da ist auch jenes Ölfass-Projekt, an dem Christo schon seit 1977 arbeitet, der „Mastaba“ in den Arabischen Emiraten, ein Mischung aus Pyramide und Halde, die aus 410.000 Ölfässern bestehen soll. Wann man denn dafür sein Flugticket reservieren solle, wollte einer aus den Pulks von Kamerateams und Journalisten wissen, die Christo gestern in Oberhausen auf Schritt und Tritt verfolgten. „In 28 bis 30 Monaten ist es so weit“, verkündete Christo, „wir haben jetzt schon alle Genehmigungen, die wir brauchen.“

In Vitrinen präsentiert die Lebenswerkschau auch Original-Stoffstücke der allermeisten Verhüllungsprojekte, in zwei Großkabinen flimmern fortlaufend Filme über Christos höchst eigenwillige Art der Landschaftsmalerei, lauter Weltverwandlungsvesuche, deren Schönheit nicht zuletzt aus ihrer Flüchtigkeit besteht, aus der Unwiederholbarkeit. Hier wird das Werk eines Mannes sichtbar, der die Kunst nicht nur auf die Straßen, sondern stets auch mitten ins Leben holen wollte.

Der Himmel auf Erden?

Ob aber das „Big Air Package“ im Gasometer wirklich auf das Ende des Lebens hinführt und den Himmel auf Erden vorwegnimmt, wie Wolfgang Volz schwärmte, der seit Jahrzehnten nicht nur als Fotograf „das Auge Christos“ ist, sondern auch als Manager seine rechte Hand? Weiß man nicht.

Christo signiert Zeitungsseiten

In der aktuellen Wochenend-Beilage Ihrer Zeitung vom 16. März 2013 finden Sie eine großformatige Christo-Zeichnung mit Entwürfen zum "Big Air Package" in Oberhausen.

  • Diese Seite können Sie am Sonntag, 17. März, vom Künstler signieren lassen – er erwartet Sie und andere Leser am Eingang zum Gasometer Oberhausen (Arenastraße 11).
  • Dort unterschreibt Christo von 9 bis 13 Uhr – und zwar nicht nur die Zeitungsseite, sondern auch noch zwei weitere Gegenstände Ihrer Wahl – Kataloge, Plakate etc. Angesichts der Witterung empfiehlt es sich, nicht nur Geduld mitzubringen, sondern sich auch wetterfest zu kleiden.
  • Außerdem gibt es in den Leserläden Ihrer Zeitung und am Gasometer ein hochwertiges DIN-A-2-Plakat der Zeichnung zu kaufen, das auf Wunsch ebenfalls signiert wird.