Jazz

Das Moers Festival 2017 zeigt sich wieder auf hohem Niveau

Anthony Braxton spielt auf dem Moers Festival 2017 am Samstag, 03.06.2017 in Moers.

Anthony Braxton spielt auf dem Moers Festival 2017 am Samstag, 03.06.2017 in Moers.

Foto: Markus Joosten

Moers.   Um das Moers Festival gab es lange Sorgen. Am Pfingstwochenende hat sich das Jazz-Fest in blendender Verfassung gezeigt.

Ob am Niederrhein jemals ernsthaft, gar freudig die DDR-Hymne erklang? Spätestens am Pfingstsonntag hatten Jazzfans Grund, inbrünstig „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ zu singen. Und zwar dem „Moers Festival“, das sich nach quälenden Monaten auf der Intensivstation zum 46. Geburtstag überraschend vital präsentierte. Vergessen die höchst unerquicklichen Querelen um zweifelhafte Bilanzen samt provinzieller Machtspielchen, die den international geachteten Festivalmacher Reiner Michalke letztlich seinen Job kosteten.

Was der neue künstlerische Leiter Tim Isfort allen Planungswidrigkeiten zum Trotz innerhalb kürzester Zeit auf die Beine gestellt hatte, das konnte sich sehen und vor allem hören lassen. Mit feinem Humor präsentierte sich der studierte Bassist dabei zwar nicht als „das schwarze Schaf von Niederrhein“, doch als missratener Spross („Der tickt doch nicht richtig“) einer alteingesessenen Moerser Uhrmacherfamilie – was die krummen Anfangszeiten der bunt gemischten Konzerte erklärte.

Erstes Moers Festival unter der Leitung von Tim Isfort, der selbst in Moers aufgewachsen ist

Noch so eine schräge Reminiszenz an seine Herkunft zur Eröffnung des Festivals: die Spieluhren des Trios „Il Lusorius“, deren populäre Klänge der Kölner Geiger Albrecht Mauer über Meike Herzigs etwas zickiger Blockflöte mit der Klarinettistin Annette Maye eigenwillig umtändelte.

Was gab es nicht alles zu entdecken: alte und junge Helden, Musikmassakristen und Filigranartisten, gepflegte Unterhaltung und unterhaltsame Flegeleien im opulenten Programm, das kaum von roten Fäden zusammengehalten schien. Klar, dass der von Jan Klare kuratierte Blick auf die belgisch-niederländische Szene eine Klammer bot, ebenso wie die vom zweiten Kurator Thorsten Töpp präsentierten „Dis­cussions“. Beziehungsgespinste ergaben sich da von ganz allein, was in der dadaesk-surrealen Performance „discussions: about everything!“ der Vokalartisten David Moss, Jaap Blonk, Kim José Bode und Catherine Jauniaux in grenzüberschreitendem Aberwitz kulminierte.

Bespaßung, mitten im Saal bem Moers-Festival am Pfingstfest

Amüsant die Idee, zwischendurch mitten im Saal die Zuhörer zu bespaßen: exotisch mit traditionellen Klängen samt Tänzerin aus Myanmar, klassisch als Free-Jazz-Abenteuer von „Keune / Lash / Noble“ oder als heilsame Erfahrung namens „discussions: fun medicine?“, wo sich Carolin Pook mit Achim Krämer am Schlagzeug duellierte, wozu ein weißrussischer 2-Meter-Bodybuilder über Achim Zepezauers Elektro-Gefrickel ein heißes Horn blies. Sehr überzeugend, sehr Moers.

Wirklich stark das belgische Piano-Trio „De Beren Gieren“, dessen raffiniertes Interplay für Jubel sorgte, während die verkopften Pop-Versionen der Star-Combo „The Bad Plus“ am Sonntag arg langweilig wirkten. Vor allem nach Sylvie Courvoisiers genialen Impro-Gewittern am Flügel, die der britische Altmeister Evan Parker am Sopran delikat konterte. Ein echtes Highlight, wie auch Sax-Legende Anthony Braxton, der am Vorabend seines 72. Geburtstages u.a. mit Harfen, Cello und Ingrid Laubrock am Tenor ein kammermusikalisches Wunderwerk von delikater Schönheit präsentierte.

Feine Klangkusnt, knackige Beats, geniale Impro-Gewitter - die Bandbreite war gewaltig

Ähnlich feine Klangkunst bot auch Carolin Pook mit einem Streichquartett, psychedelisch aufgeladen von dem US-Trio „Spacepilots“. Dass Star-Drummer Brian Blade sich als singender Gitarrist mit Americana präsentierte, war dagegen nur ein nettes Intermezzo.

Den Knaller des Festivals bot der Essener Trompeter John-Dennis Renken, der mit Angelika Niescier und Shannon Barnett zu Bernd Oezevims knackigen Beats und der lodernden Gitarre von Andreas Wahl den guten alten Electro-Jazz gewitzt in neue Dimensionen hob.

„Super“, befand seine zweijährige Tochter, so wie auch Tim Isfort, der mit einem starken Angebot für jeden Geschmack das „Moers Festival“ wie Phönix aus der Asche erstehen ließ.

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