Jazz

Das Moers-Festival als Akkord der Widersprüche

Die Ingrid Laubrock Orchestral Pieces: Vogelfrei.

Die Ingrid Laubrock Orchestral Pieces: Vogelfrei.

Foto: Ulla Michels

Moers.   Der neue Chef Tim Isfort sorgt nach Monaten der Misshelligkeiten in der 46. Ausgabe des Improvisations-Festivals für Glanz und neue Aussichten.

Es war ein formidables Erlebnis voller (meist musikalischer) Widersprüche, das 46. Moers Festival, das erste unter der Regie von Tim Isfort. Zunächst skeptisch beäugt von der Jazz-Polizei, gelangen mehrere beachtliche Kunststücke. Das wohl schwerste: den schillernden Charakter des legendären Pfingstereignisses zu bewahren und doch eine eigene Handschrift zu zeigen. Und das vielleicht wichtigste: Mit 84 Programmpunkten in so unterschiedlichen Örtlichkeiten wie einem Friseursalon, einer Kirche und diversen Clubs das abgelegene Festival wieder in die Stadt zu holen und seine Zukunft zu sichern.

Den Moersern jedenfalls gefiel dem Vernehmen nach die Aktion „Moersify“, sie kamen nach jahrelanger Abstinenz auch wieder zum Freak-Gucken ins aufgehübschte Festivaldorf. Rund 25 000 sollen es gewesen sein, so der ebenfalls neue Geschäftsführer Claus Arndt, der sich über Ticketverkäufe auf Vorjahres-Niveau freute, gut 8000 Besucher nannte und dabei übersah, dass 2016 noch rund 12 000 Zuhörer die Halle füllten.

Erfreuliche Widersprüche

Höchst erfreuliche Widersprüche gab es allerdings auch. Erst postulierte Tim Isfort: „Von der Reduktion auf die vier Buchstaben kann man sich wirklich lösen“, um gleich darauf mit dem „ELEW Trio“ den wohl jazzigsten Act der letzten Dekade zu präsentieren. Denn was Eric Lewis mit überbordendem Spielwitz in die Tasten kloppte, war als Tour de Force durch die Jazz-Historie ein überwältigendes Hörabenteuer der Extraklasse zum Festival-Ausklang.

Neben unerwarteten Glücksmomenten wie dem duftig-modern blasenden Tenorsaxofonisten Philipp Gropper enthielt das Programm auch manche Zumutung. Etwa die vorsätzliche Körperverletzung der Post Industrial-Combo „Swans“, die in brachialer Lautstärke Mark und Bein erschütterte und selbst Hartgesottene flüchten ließ.

Nobel, dass Isfort wie selbstverständlich auch Projekte präsentierte, die noch sein Vorgänger Reiner Michalke initiiert hatte. Etwa „Ingrid Laubrock Orchestral Pieces“ als überwältigende Synthese aus filigraner E-Musik und zeitgenössischem Jazz mit dem EOS Kammerorchester Köln, Vokalisten sowie diversen Jazz-Solisten wie der Gitarristin Mary Halvorson. Eine Meisterleistung von Ingrid Laubrock und in seiner stillen Opulenz das wohl herausragendste Cross-Over-Konzert der Saison.

Ergötzen am afrikanischem Getrommel

Moers-Nostalgiker konnten sich darüber hinaus an afrikanischem Getrommel samt F.M. Einheit ergötzen, sich von belgischem Punk-Lärm durchschütteln lassen und darüber rätseln, ob der von Streichern begleitete Auftritt des in jeder Hinsicht beeindruckenden Sängers und Pianisten Dorian Wood nun gepflegter Kitsch oder große Kunst (eher letzteres) war.

Keine Frage: Tim Isfort hat den „Geist von Moers“ getroffen und dem schon totgeglaubten Festival zu altem Glanz verholfen, neue Perspektiven inklusive.

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