Moers Festival

Das Moers Festival ist eine große, prall gefüllte Wundertüte

Oxbow mit Altmeister Peter Brötzmann: ein Ereignis.

Oxbow mit Altmeister Peter Brötzmann: ein Ereignis.

Foto: Ulla Michels

Moers.   Grandiose Konzerte des Altmeisters Bötzmann und der Youngster DOMi und Barry Hall. Hauptprogramm des Moers Festivals setzte sich keine Grenzen.

Es war die einzige Zugabe des Festivals, die Tim Isfort – offensichtlich selbst überwältigt von dem grandiosen Auftritt von Oxbow mit Altmeister Peter Brötzmann – in diesen Festivaltagen gestattete. So manche Zugabe blieb bis Sonntagabend unerhört, dem mehr als straff geplanten Programm in der Halle geschuldet. Aber dieses gewaltige Ereignis, das sich auf der kleinen Mittelbühne abspielte, konnte nicht einfach so enden, obwohl die Bühnentechniker schon Hand anlegen wollten und klar Schiff machen. Wer bis dahin Angst hatte vor dem Improvisier-Puristen „Brööööötzmann“, wird geheilt sein. Sein krachendes Gebläse (wo nimmt der alte Mann bloß die Luft her?) ergab zusammen mit dem charismatischen Gesang des Eugene Robinson und exzellenten (Rock-)Musikern ein Gänsehaut-Gesamtkunstwerk. Mehr Drama geht nicht.

Die Entdeckung des Festivals

Mit 77 Jahren ist Brötzmann der älteste Festival-Akteur. Am anderen Ende der Skala standen zwei 17-Jährige, die dem staunenden Publikum die Kinnlade herunterfallen ließen. Hallelujah, was haben die beiden, DOMi und Bobby Hall, für ein erwachsenes Konzert hingelegt. Sie feuerte an Klavier und Keys alles ab, was Klassik bis Moderne hergibt. Lupenreiner Jazz, Funk, Dubstep, alles dabei. Begleitet vom kraftvollen Schlagzeug ihres kongenialen Partners. Der zwischendurch auch die Gospelorgel und ihre beseelenden Klänge in einen ganz neuen Kontext stellte – unterlegt mit einem hammerharten Beat. Mit solchen Protagonisten kann auch die freie Musik in eine blühende Zukunft schauen. In manchen Augen die Entdeckung des Festivals – sofern man sie nicht verpasst hat in dem Wust an Möglichkeiten, die der künstlerische Leiter Tim Isfort der geneigten Zuhörerschaft an diversen anderen Orten als der Halle zu Füßen legte.

Zum Träumen schöne Musik

Apropos liegen: Die Kombination Ralph Alessi und this Against That und Ravi Coltrane am Sax (ja, ein Sohn des legendären John Coltrane) hatte

zunächst bewiesen, dass sie alle schneller, höher, weiter können. Aber dann servierten sie auch zum Träumen schöne Stücke, die manche in der Halle veranlassten, sich am Boden lang auszustrecken, Augen zu, einfach genießen.

Das Hallenprogramm führte zwar – außer vielleicht der WDR Big Band mit Vince Mendoza und dem Schlagzeuger Peter Erskine, die einen blitzsauberen Auftritt hinlegten – keine richtig großen Namen, dafür aber irgendwie alles. Etwa das schräge, surrealistische Hörspiel-Projekt „Wendy Pferd Tod Mexiko“, dem die Zuhörer konzentriert lauschten, soweit die Aufbauarbeiten auf der Hauptbühne für die Big Band das zuließen. Oder Folk mit Fiedel, Schnörkel-Harfe und einem Sänger, dessen kraftvoller Gesang polarisierte: Richard Dawson.

Platz für alles zwischen Krach und Gesäusel

Mancher Besucher des Hallenprogramms hätte weniger mehr gefunden, Eine kleine Pause tut den Ohren gut, zumal Isfort nicht zimperlich mit

seinen Gästen umgeht. Da schickt er mit Sebastian Gramss’ States of Play eine Truppe auf die Bühne, die mit exzellenter Bläser-Sektion volles Brett nach vorn geht, um gleich im Anschluss mit der Streicherimprovisation von Quatuor Brac eine Vollbremsung hinzulegen.

Auch den Musikern machte er es nicht immer leicht. Das akustische Duo Frank Fairfield und Meredith Axelrod (Gitarre und Geige) nach dem lautstarken Hammer mit Brötzmann zu platzieren, wo die Ohren der Zuhörer noch klingelten – die beiden hatten es schwer, zum Publikum durchzudringen.

Aber das hat das Moers Festival ja immer schon ausgemacht: Es hat Platz für alles zwischen Krach und Gesäusel, zwischen blitzsauber und dreckig, zwischen freier Improvisation und Partitur, Hochgeschwindigkeit und Entschleunigung. Manche nennen das abwechslungsreich. Oder auch: große Wundertüte.

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