Philharmoniker

Sinfoniekonzert: Der Gastdirigent ist in Hagen unvorbereitet

Wassily Kandinskys Entwurf zu „Das große Tor von Kiew“ aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ (Ausschnitt).

Wassily Kandinskys Entwurf zu „Das große Tor von Kiew“ aus Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ (Ausschnitt).

Foto: fotovzgbzgh

Hagen.  Die Hagener Philharmoniker starten die Saison mit einem Filmmusik-Programm. Maestro Lawton gibt mehr den Fernsehprediger als den Dirigenten.

Man sieht nur, was man hört. Deshalb ist die Musik im Kino so wichtig. Die Hagener Philharmoniker wagen jetzt einen Ausflug ins Genre Filmkomposition vom Expressionismus bis zu Game of Thrones. Das Thema lockt ein zahlreiches, junges und begeistertes Publikum an, aber leider können die Musiker ihr Potenzial nicht ausspielen, weil der amerikanische Gastdirigent Scott Lawton sich eher als Fernsehprediger versteht denn als konzentriert arbeitender Orchesterleiter. Seine ausufernden Erzählungen führen unter anderem dazu, dass das Programm eine halbe Stunde länger dauert als geplant, was nicht höflich gegenüber den Besuchern ist, die den Bus kriegen müssen.

Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ sind richtig moderne Musik, das wird an der Orchesterfassung des Stücks von Maurice Ravel wieder einmal deutlich. Der Komponist hat seine musikalische Bilderreise zu Ehren des Malers Viktor Hartmann geschrieben; der Bauhaus-Meister Wassily Kandinsky wiederum schuf für das Theater Dessau Entwürfe für eine szenische Aufführung, sein erstes und einziges Bühnenwerk. Der Videokünstler Arthur Spirk setzt diese Bilder zu einer Installation zusammen, die zur Interpretation des Orchesters erklingt. Es ist faszinierend, wie Musik visuell auf der Leinwand in einzelne geometrische Formen aufgelöst und wieder zusammengefügt wird. Leider zerlegt Scott Lawton beim Dirigieren auch die Partitur in ihre Einzelteile; er hat wenig Gespür für die dicht gewebte Atmosphäre der einzelnen Bilder, das Tongemälde zerfällt in disparate Farbeffekte, hier ein Schlagzeugeinsatz, dort die tiefen Bläser, und am Schluss beim „Großen Tor von Kiew“ wird es einfach nur laut.

Musiker mit Leidenschaft

Die Hagener Philharmoniker sind ein Orchester, das Erfahrung damit hat, Defizite schlecht vorbereiteter Dirigenten auszugleichen. Das beweist sich bei den „Bildern einer Ausstellung“ und den folgenden Stücken, wo die Musiker mit aller Leidenschaft, aller Spielfreude und aller Professionalität versuchen, zusammenzubleiben und dem Publikum ein schönes Hörerlebnis zu bieten.

Es ist selten glücklich, wenn Dirigenten ihre Programme selbst moderieren, und Scott Lawton macht da keine Ausnahme, zumal seine langen Zwischentexte improvisiert wirken, wobei man den Eindruck gewinnt, dass er die Filme, von denen er spricht, teilweise nie gesehen hat, sondern sich nur schnell bei Wikipedia einige Stichworte zusammen gegoogelt hat, etwa zu Game of Thrones, Raumpatrouille Orion oder Contact. Die Dortmunder Philharmoniker haben vor einer Woche ebenfalls eine Filmmusikgala gespielt, dafür aber den Hagener Schauspieler Sabin Tambrea als Moderator engagiert.

Pilgerfahrt ins Weltall

Gerade bei Science Fiction und Fantasy haben die Komponisten viel Freude daran, die Suche nach dem Fremden herauszuarbeiten, die manchmal eine Pilgerfahrt auf dem Weg zur Erlösung ist und manchmal die Flucht vor einer unerträglichen Wirklichkeit. Die Philharmoniker genießen es, auch mal im Breitwand-Sound spielen zu dürfen. Game of Thrones-Komponist Ramin Djawadi kommt übrigens aus Duisburg, was der Dirigent versäumt zu erwähnen. Djawadi schafft es beispielhaft, akustisch eine Parallelwelt zu erfinden, die ebenso vertraut wie verstörend ist und sofort vermittelt, dass diese Gesellschaften von Gewalt getrieben werden. Die Filmmusik zu Fritz Langs Metropolis beschreibt übrigens ebenfalls eine Parallelwelt, allerdings mit den expressionistischen Stilmitteln des Zitates, hier des Dies-Irae-Chorals.

Es ist eine großartige Klangerfahrung, die bekannten Melodien einmal live zu hören. Das Publikum reagiert enthusiastisch. Und Dirigent Scott Lawton ermuntert seine Zuhörer zum Abschied, sich nicht von ihren Partnern zu trennen.

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