Politik

Ministerin will Kultur den Platz geben, "der ihr zusteht"

Die neue NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen im Josef-Albers-Museum Quadrat in Bottrop im Interview.

Foto: Lars Heidrich

Die neue NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen im Josef-Albers-Museum Quadrat in Bottrop im Interview. Foto: Lars Heidrich

Bottrop.   Die parteilose NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft Isabel Pfeiffer-Poensgen im Interview über Geld, Bildungsaufträge und Studienplätze

Frau Pfeiffer-Poensgen, Sie haben sich für dieses Interview das Bottroper Josef-Albers-Museum Quadrat ausgesucht – warum?

Das ist hier unter allen Gesichtspunkten ein toller Ort, Albers ist als Bauhaus-Künstler weltweit geschätzt, das Museum ist mit seinen hochinteressanten Ausstellungen sehr, sehr gut geführt und das Haus hat eine fantastische Architektur, hier fühle ich mich wohl. Und man weiß ja, dass Bottrop nicht auf Rosen gebettet ist; deshalb gefällt mir dieses klare Bekenntnis zur Kultur sehr gut.

Das Museum soll ja sogar noch ausgebaut werden, für rund zehn Millionen Euro. Mit Beteiligung des Landes?

Ja, das Land gibt 1,75 Millionen Euro. Der Ausbau des Museums ist ein starkes Zeichen, Zukunft zu gestalten. Ein gutes Haus wie dieses schafft Gemeinsamkeit und Identifaktion, mit dem Ort, an dem man lebt..

Im Koalitionsvertrag steht ja ohnehin, dass der Kultur-Etat des Landes verdoppelt um 50 Prozent erhöht (oder: von 200 auf 300 Millionen Eruo erhöht) werden soll...

… was auch dringend erforderlich ist, wenn man NRW mit anderen Ländern vergleicht. Wir beraten derzeitgerade noch darüber, wie man das Geld sinnvoll und mit der bestgrößtmöglichen Wirkung verteilt.

Der Etat des Landes für Wissenschaft und Forschung liegt bei rund 8,3 Milliarden Euro, der für Kultur bei nur gut 200 Millionen. Definiert das bereits eine Schwerpunktsetzung Ihrer Arbeit als Ministerin?

Nein. Es heißt nicht umsonst Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW – in dieser Reihenfolge. Beide Bereiche sind gleichwertig, das ist mir wichtig. Ich war gerade erst bei einer Feier anlässlich des zehnjährigen Bestehensheute Morgen im Fraunhofer- Institut für Software- und SystemtechnikLogistik und Informationstechnik in Dortmund. Dies ist nur ein Beispiel für die zukunftsorientierten Wissenschaftseinrichtungen im Ruhrgebiet. Digitalisierung und Logistik sind wichtige Zukunftsthemen. Doch die Kultur in NRW braucht im Moment unseren besonderen Zuspruch. Sie ist in den letzten Jahren durch schwierige Zeiten gegangen. Unsere Aufgabe ist es nun, der Kultur den Platz zu geben, der ihr in unserem Land zusteht.

Da ist das Geld von der Landesregierung aber oft nur eine Nothilfe...

Sie sprechen an, dass städtische Kulturausgaben nur „freiwillige Leistungen“ sind. Es muss Wege geben, das verbindlicher zu machen.

Der Landesrechnungshof hat jüngst moniert, dass es für die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf keine Zielvereinbarung über Besucherzahlen gibt.

Das sollte die Kunstsammlung selber kommentieren und mit dem Rechnungshof besprechen. Ich glaube allerdings, wir sinddass wir in der Kulturpolitik nicht gut beraten wären, wenn wir immer nur auf Besucherzahlen achten. Das ist nicht Aufgabe der öffentlich finanzierten Kultur. Ich kenne keinen Museumsleiter, der traurig ist über zahlreiche Besucher. Aber deren Zahl ist kein allein seligmachendes Kriterium. Dann könnte man doch gleich alles privat organisierenfinanzieren lassen, und am Ende haben wir haben nur noch BlockbusterMusicals. Öffentlich finanzierte Museen haben einen Bildungsauftrag. Es geht doch auch um Vermittlungsangebote, um besondere Angebote für alte MenschenAlte, für Kinder, für BehinderteDemente.

Das Programm „Jedem Kind ein Instrument“ („Jeki“) ist ohne Etat-Erhöhung vom Ruhrgebiet auf das ganze Land ausgedehnt worden, es gilt nur noch für zwei statt für vier Grundschuljahre und wird nicht nur von Fachleuten skeptisch beurteilt. Ist da nicht eine Revision fällig?

Zunächst muss man sagen, dass wir bei den Musikwettbewerben der Kulturstiftung der Länder ein absolut steigendes Niveau bemerkt haben, weil da mehr Talente aus NRW gekommen sind, nachdem mehr „Jeki“ angelaufen war. Da müssen wir jetztEs gibt verschiedene bewährte Landesprogramme im Bereich der kulturellen Bildung. Inregelmäßigen Abständen sollte man sich fragen: Was hat sich bewährt, was muss man weiterentwickelnneu machen? Das Thema steht sehr weitganz oben, aber ich bin nicht für Schnellschüsse.

Zu den ersten Amtshandlungen eines neuen Wissenschaftsministers gehörte in der Vergangenheit stets, ein neues Hochschulgesetz auf den Weg zu bringen. Planen Sie das ebenfalls? Und was wird es enthalten?

Ja, das haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart. Wir wollen, so steht es im Koalitionsvertrag, das rot-grüne Hochschulgesetz überarbeiten und manche Regelung zurückdrehen. Die Universitäten und Fachhochschulen sollen wieder eine größere Autonomie erhalten, die Durchgriffsrechte des Ministeriums werden wir zurückfahren, um die Hochschulen von bürokratischen Fesseln zu befreienlösen. Wir sind mit den Hochschulen im Gespräch und wollen diesensie an dem Prozess mit ihnen durchführenbeteiligen. Das wird jetzt schnell angepackt.

In seiner Regierungserklärung versprach Ministerpräsident Armin Laschet das bundesweit beste Betreuungsverhältnis zwischen Studenten und Professoren. Seit Jahren aber ist NRW hier Schlusslicht, ein Professor muss hier mehr Studierende betreuen als in jedem anderen Bundesland. Wie wollen Sie das ändern?

Es stimmt, in den letzten Jahren gab es starkedramatische Zuwächse bei den Studierenden, prozentual mehr als in anderen Bundesländern. Alleine im Ruhrgebiet studieren knapp 300.000 junge Menschen. Das ist eine enormeunglaubliche Verdichtung. Man kann zwar nicht einfach die Zahl der Professoren zu Zahl der Studierendenmit der Zahl der Studenten gegenrechnenins Verhältnis setzen, die Berechnungdas ist etwas komplizierter. Dennoch müssen wir dem Zuwachs gerecht werden, der Auftrag im Koalitionsvertrag ist klar. Und das werdenDas packen wir an, und darüber müssen wir auch mit dem Finanzminister besprechen.

Die Hochschulrektoren, vor allem der Kunst- und Musikhochschulen, kritisieren den Plan, von Studierenden aus Ländern außerhalb der EU 1500 Euro Studiengebühren pro Semester zu verlangen. Sie fürchten um ihre internationale Attraktivität. Was sagen Sie den Professoren?

Die Befürchtungen kann ich verstehen, halte sie aber nicht unbedingt für gerechtfertigt. Baden-Württemberg hat die Beiträge für Studierende aus Nicht-EU-Ländern zum jetzt beginnendenin diesem Wintersemester eingeführt. Wir schauen uns genau an, welche Erfahrungen dort gemacht werden. Dann werden wir die Details festlegen.

Könnten die Gebühren gefragte Talente und Nachwuchskräfte abschrecken?

Zunächst: Diese Menschen sind uns sehr willkommen. Es kann nicht unser Interesse sein, ausländische Talente abzuschrecken. Die Grundidee war, diejenigen an den Bildungskosten zu beteiligen, die bisher nichts zur Finanzierung des Gemeinwesens beigetragen haben. Die Nachfrage von ausländischen Studierenden muss dadurch aber nicht einbrechen. Wir wollen eine Regelung finden, die weder abschreckend wirkt, noch eine soziale Auslese zur Folge hatbewirkt. Ein Studium darf nicht nur vom Portemonnaie der Eltern abhängen. Wer es sich leisten kann, soll einen Beitrag beisteuern, wer das nicht kann, muss eine Förderung erhalten.

Die Hochschulen klagen seit Jahren über eine zu geringe Grundfinanzierung, zu viele Studenten und einen Sanierungsstau bei den Gebäuden. Wie wollen Sie auf diese Klagen reagieren?

Wir müssen alle diese Themen angehen, werden sie aber nicht von heute auf morgen lösen können. Wir wollen den Hochschulpakt, in den Bund und Länderand für die Verbesserung der Studienbedingungen einzahlen, auf Dauer fortführen. Es muss eine Einigung geben, damit ss diese Gelder weiter fließen, das istwäre wahnsinnig wichtig. Darüber müssen wir mit der neuen Bundesregierung verhandeln.

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