HÖR-EMPFEHLUNGEN

Die Tipps der Woche: Klassik, Pop und große Erzählungen

Kopfhörer auf die Ohren, Musik an – auf dieser Seite präsentieren wir einige ausgewählte Hör-Tipps.

Kopfhörer auf die Ohren, Musik an – auf dieser Seite präsentieren wir einige ausgewählte Hör-Tipps.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christin Klose

Essen.   Hier gibt’s was auf die Ohren: Die Kultur-Redaktion hört Mozart, Dagobert, Judith Schalansky, Olga Scheps und ein interessantes Hörprojekt.

Lesen, Hören, Schauen: Woche für Woche landen jede Menge (Hör-)-Bücher, CDs und DVDs auf den Schreibtischen der Kulturredaktion. Hier präsentieren wir einige ausgewählte Werke.

In dieser Woche gehen unsere Tipps ins Ohr: Wir hören Mozart mit Felix Klieser, erkunden das neue Album von Dagobert, erfahren etwas über Judith Schalanskys Verluste, lauschen Olga Scheps’ melodiösem Spiel am Piano und sausen mit Gert Westphal durch die vier Jahreszeiten.

Tipp 1: Kliesers Mozart-Interpretationen

Es ist erstaunlich, mit welch genialem Instinkt Mozart einem Instrument wie dem Naturhorn ein Maximum an Vitalität und Ausdruckstiefe entlocken konnte. Davon zeugen die vier Hornkonzerte. Für sie nahm er sich, gemessen an seinem rasanten Kompositionstempo, viel Zeit. Die Schwierigkeiten mit dem Naturhorn spielen für moderne Hornisten ja keine Rolle mehr.

Felix Klieser, der, ohne Arme auf die Welt gekommen, die Ventile mit den Zehen bedient, fand mit fünf Jahren zum Horn. Und obwohl er die Mozart-Konzerte bereits mehrere hundert Mal gespielt hat, wartete er 18 Jahre bis zu der Gelegenheit, sie mit der von ihm favorisierten Camerata Salzburg einzuspielen. Das Ergebnis ist ein Musterbeispiel tief inspirierter, spieltechnisch perfekter und klanglich ungemein differenzierter Mozart-Interpretationen, die einen Spitzenplatz im CD-Repertoire einnehmen dürfen. (P.Ob.)

Fazit: Ein Referenzwerk!

In Kürze: Wolfgang Amadeus Mozart: Die vier Konzerte für Horn und Orchester. Felix Klieser, Horn; Camerata Salzburg. 1 CD, Berlin Classics 0301188BC.

Tipp 2: Dagobert zeigt sich auf neuem Album gereift

„Ich bin zu jung“, befand der schlaksige Schweizer 2013 und wurde für seine charmante Absage an feste Bindungen gefeiert – in Szene-Clubs und sogar im klatschfreudigen „ZDF Fernsehgarten“. Sechs Jahre später stellt der Mittdreißiger sein drittes Album „Welt ohne Zeit“ vor. Und auch bei diesem balladenlastigen Konzeptwerk geizt Dagobert nicht mit naiver Poesie, reimt schon mal etwas ungelenk „Braut“ auf „Kosmonaut“.

Doch der einstige Beziehungsverweigerer zeigt sich gereift: Dagobert singt jetzt vornehmlich vom Verlieben und Verlassen, vom Wechselspiel zwischen Ein- und Zweisamkeit. Seine Elektroschlager verbinden dabei schnörkellose Lyrik mit Sounds, die an Synthie-Pop von Human League oder New Order erinnern. Und eine fiebrige Hymne wie „Flashback“ hätte Falco wohl auch gerne noch geschrieben. Wenig Melodie, aber viel Melancholie. (dilly)

Fazit: Gelungene Grenzgängerei!

In Kürze: Dagobert, „Welt ohne Zeit“ (Staatsakt/Caroline International), CD/LP/Digital.

Tipp 3: Judith Schalanskys Verlust-Verzeichnis

Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ hat die Lesergemeinde durchaus gespalten. Der Reiz, den die Erzählerin selbst entdeckte in „vielfältigen Phänomenen der Zersetzung und Zerstörung“, erschloss sich nicht jedem. Das Verlorene reichte für Schalansky vom abgerissenen Palast der Republik bis zur ausgestorbenen Tigerart Asiens.

Eine höchst anregende Kraft lässt sich dieser Literatur, die (nach einem wortgewaltig ums Thema kreisende Vorwort) in ihrer Sprache eine Spannweite vom sachlichem Lexikon-Eintrag bis zur unverblümten Alltags-Prosa der Vorwende-Zeit zeigt, kaum absprechen.

Die ungekürzte Hörbuch-Fassung sprechen Wolfram Koch und Bettina Hoppe, wobei Hoppe – Schalanskys Lebensgefährtin – den leise-rebellischen Geist der Texte deutlich besser erfasst als der recht kurzatmige und längst nicht in jeder Betonung souverän agierende Koch. (LvG)

Fazit: Thema mit Variationen!

In Kürze: Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Ungekürzte Hörbuch-Fassung mit Bettina Hoppe und Wolfram Koch, 6 CDs, circa 7,5 Stunden, circa 22 Euro.

Tipp 4: Olga Scheps melodiös am Piano

Olga Scheps: Melody. Foto: Sony Classics Olga Scheps, die russische, in Köln ansässige Pianistin legt mit „Melody“ ein äußerst persönlich gefärbtes Recital mit Lieblingsstücken vor. Entspannende Erbauung von Beethovens „Für Elise“ bis zu Chopin-Nocturnes. Eine Sammlung von meist zarten Ohrwürmern, die an Wunschkonzert-Programme à la „Musik am Kamin“ erinnert.

Olga Scheps zeigt sich hier von einer selbstversunkenen Seite, ohne das Profil der kleinen Meisterwerke zu vernachlässigen. Und auch mit ihrem substanzreichen und differenzierten Anschlag sorgt sie dafür, dass sich die Stücke nicht in einem schmuseweichen Klangallerlei verlieren. Hinzu kommen zeitgenössische Stücke, darunter „Avril 14th“ von Elektro-Pionier Aphex Twin oder „Armellodie“ und die der Pianistin gewidmete „Olga Gigue“ von Chilly Gonzales. Ein eine emotional anrührende CD auf hohem pianistischem Niveau. (P.Ob.)

Fazit: Sanftes mit Klasse!

In Kürze: Olga Scheps: Melody. Werke von Mussorgsky, Mozart, Brahms, Chopin, Einaudi u.a., CD bei Sony Classics, ca 17 Euro.

Tipp 5: Vier Jahreszeiten mit Gert Westphal

Die Titelzeile dieser Rubrik führt auf Vivaldis Fährte. Fälschlicherweise. Denn zu loben ist ein fünfstündiges Hörprojekt aus dem Rezitationsnachlass des großen Sprechers Gert Westphal. Über die unvergleichliche Noblesse seines vollblütig modulierenden Baritons hat man vergessen, wie sehr die Literaturkenntnisse des Dramaturgen und Regisseurs Westphal ihn zum Programmdirektor seiner Lese-Abende machen. Vier von ihnen, je einer Jahreszeit gewidmet, versammelt eine eben erschienene CD-Box.

Der Kenner Westphal reiht echte Überraschungen neben vertraute Klassiker, was etwa im Lenz neben „Osterspaziergang“ und Mörikes „blauem Band“ Höltys „Hexenlied“ und sogar Wagners „Meistersinger“ zu Wort kommen lässt. Im Live-Mitschnitt tönt Westphal eher groß als filigran, dennoch ist dies eine wunderbare Sammlung für Bildungsbürger, so(lange) es sie noch gibt. (LvG)

Fazit: Poetisch durch das Jahr!

In Kürze: Gert Westphal, Die Jahreszeiten in der deutschen Dichtung. Poesie-Reise durch den Kreislauf der Jahreszeiten. 4 CDs. Der Hörverlag, 20 Euro.

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