Architektur

Die Treppe: Vorstufe zum Lift

Foto: ddp ddp

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Dortmund. Die Geschichte eines aufstrebenden Bauwerkes: Wer hoch hinaus will, nimmt heute den Aufzug. Doch die Treppe bleibt ein Thema – für Architekten, Politiker, Schaulustige.

Ausgerechnet die Treppe hat im Zeitalter des Um-jeden-Preis-Aufstiegs eine sinkende Nachfrage erfahren. Wer heutzutage hoch hinaus will, nimmt den Aufzug. Bloß keine Zeit verschwenden, keinen langen Atem nötig haben. Pries Nietzsche das Glück noch als „langsame, breite Treppe”, kann es heute gar nicht schnell genug gehen. Der Düsseldorfer Rheinturm katapultiert seine Gäste mit vier Metern pro Sekunde auf 168 Meter Aussichtshöhe und er spart damit den atemberaubenden Weg über die längste Treppe NRWs. Andererseits verlängert jede Stufe treppauf das Leben medizinisch gesehen um drei bis vier Sekunden.

Die Treppe als Erlebnistrichter

Was also geht uns auf dem Absatz verloren? In Dortmund besprachen Künstler und Architekten das aufstrebende Bauwerk jetzt einen Tag lang rauf und runter.

Es mag ein ironischer Zufall gewesen sein, dass zeitgleich im Dortmunder U, der künftigen Heimstatt des Museums am Ostwall, eine Freitreppe abgerissen wurde. Im nächsten Jahr soll dort aber eine imposante Außen-Rolltreppe die Besucher ins Obergeschoss führen; ähnlich verfährt auch das neue Ruhrmuseum auf Zollverein. Das wahre Ereignis aber wartet im Innern des Welterbes, wo die neonorange ausgeleuchtete Treppe wie ein Erlebnistrichter wirkt – sie zieht die Besucher hinab in den Schlund der Geschichte dieses Industriekolosses.

Die Treppe als fortlaufende Veredlung

Das Gefühl für Zeit und Raum, es bleibt beim Aufzugfahren auf der Strecke. Denn auf einer Scala (lat. „Treppe/Stufe”) von eins bis 100, die ein Durchschnittstrainierter noch sachte hechelnd und mit Haltung schafft, wird ja nicht nur der Puls beschleunigt, sondern auch das Bewusstsein gesteigert, einen neuen Raum zu betreten. So rahmten die Architekten des Barock den umbauten Raum mit ihren repräsentativen Stiegen aus Holz und Stein. Die Treppe als fortlaufende Veredlung, als Sockel des Bauwerks.

Dass die historischen Treppenhäuser in öffentlichen Räumen – Rathäusern, Museen, vor allem in Theatern – manchmal verschwenderischer angelegt sind als der Innenraum, ist natürlich kein Zufall: Das ganz große Kino findet hier schon auf den Stufen statt. Bis ins 20. Jahrhundert blieben die breiten, flachen Treppengänge die Catwalks des flanierenden Bürgertums. Immer noch nutzen Künstler, Filmemacher, Showstars die Treppe als Ort des großen Auftritts.

Stairway to Heaven

Treppen bieten: Perspektive, Rhythmus – und das Symbol für Aufstieg. Nicht nur der ehemalige Bundeskanzler Schröder findet sich im Fotoarchiv als prominenter Vertreter einer verbreiteten Gender-Theorie, nach der Männer auf Bildern stets den Aufwärtsgang wählen. Unten wartet der Abstieg, oben wartet die Macht. Das ist die Herrschaftslogik, seit Gott die Jakobsleiter zur Erde hinunterließ.

Von der „Stairway to Heaven”, die Led Zeppelin 1970 so unvergleichlich besang, ist es freilich auch nicht weit zur Stolperfalle. Liest man Statistiken, hat man allen Grund, einen Fehltritt zu fürchten: 360 000 Treppen-Unfälle werden jährlich gezählt, mit 1000 Toten. Noch weit mehr Opfer forderte die Gepflogenheit in mittelalterlichen Burgen, die Wendeltreppen entgegen dem Uhrzeigersinn anzulegen - „damit der empor stürmende Angreifer dem rechtshändigen Verteidiger voll ins Schwert läuft”, vermutet Jean-Christophe Amman vom Frankfurter Städelmuseum.

Leichtigkeit und Offenheit

Eine bauliche Bastion ist die Treppe bis heute ohnehin geblieben - gegen den Dekonstruktivismus in der Architektur. Mögen die Wände inzwischen auch schief und die Decken kühn geschwungen sein: „Die Treppe ist die letzte architektonische Konstante, da hat sich noch niemand rangetraut”, weiß der Berliner Architekturprofessor Fritz Neumeyer. Mit ihr steht und fällt das mehrgeschossige Bauen, sie bleibt das Markenzeichen für Leichtigkeit und Offenheit in der Nachkriegsarchitektur. Christoph Mäckler von der TU Dortmund ist auch in Zeiten des barrierefreien öffentlichen Lebens zuversichtlich, dass zwischen Aufzug und Hintertreppe immer noch Aufstiegsmöglichkeiten bleiben.

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