Theater

Die verdoppelte Verdopplung des „Quartetts“

Heiner Müllers „Quartett“ in der Inszenierung von Roberto Ciulli im Theater an der Ruhr: Petra von der Beek und Jubril Sulaimon.

Heiner Müllers „Quartett“ in der Inszenierung von Roberto Ciulli im Theater an der Ruhr: Petra von der Beek und Jubril Sulaimon.

Foto: Grittner

Mülheim.   Roberto Ciulli besetzt den Valmont in Heiner Müllers „Quartett“ mit dem aus Nigeria stammenden Jubril Sulaimon. Die Konfliktlinien verschwimmen

Heiner Müllers „Quartett“ dürfte das vorerst letzte Barockstück deutscher Zunge sein, so sehr sucht es der Vanitas, der Vergeblichkeit und dem Vergehen alles Irdischen im doppelbödigen Spiel eine Nase zu drehen. Es handelt sich bei Müller aber um aufgeklärten Barock, der in der Religion vor allem wortreich sublimierte Sexualität sieht, während Sex für den Vicomte de Valmont und die Marquise de Merteuil nur noch ein Mittel ist, um mit Menschen zu spielen – bis zur Vernichtung.

Ausbeutung und Dominanz

In Roberto Ciullis neuer „Quartett“-Inszenierung im Theater an der Ruhr sind die Wörter denn auch schon zu Boden gegangen, er ist bedeckt mit Hunderten von Blättern, Seiten, Zetteln (Bühne: Ciulli und Elisabeth Strauß). Ein verstreutes Echo der 175 Briefe, aus denen Choderlos de Laclos‘ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ (1782) ein Gemälde jener verkommenen Ancien-Regime-Sitten entwirft, aus denen sich der flammende Furor der Französischen Revolution nährte.

Zum Tröpfeln der Klavierklänge von Avo Pärt geht allmählich die Sonne auf, die finale Schlacht im Liebeskrieg zwischen Valmont und Merteuil kann beginnen. In Zeiten der „#MeToo“-Debatte fällt allerdings erst recht auf, wie gleichberechtigt immerhin Männer und Frauen des Hochadels in ihrer Dekadenz schon waren.

Roberto Ciulli erhöht das Konfliktpotenzial, indem er den Vicomte mit dem nigerianischen Schauspieler Jubril Sulaimon besetzt: Da scheint es dann plötzlich auch um Ausbeutung und kulturelle Dominanz, um Abziehbilder und einen Konflikt der Kontinente zu gehen. Aber eigentlich verdoppelt diese Besetzung nur noch einmal das Verstellungs-Spiel im Spiel, mit dem schon Heiner Müller ein Duo „Quartett“ spielen ließ.

Wenn das Spiel von Jurbil Sulaimon und Petra von der Beek eleganter, subtiler, ja leichtfertiger wäre, würde es mehr überzeugen: Als Reaktion auf „das Nichts in unserer Seele, das nach Futter kräht“ – und als Motivation für das tödliche Ende. Die Alternative wäre ein darstellerischer Seelenkrieg bis aufs Messer, ständig lauernd, bösartig aus Langeweile, skrupellos. Petra von der Beek und Jubril Sulaimon aber sind von allem ein bisschen, und so bleibt es bei einem grandiosen Theatertext zu luziden Bildern (wie dem Begraben des Vicomtes unter den unzähligen, anfangs noch herumstehenden Pumps-Paaren) und geschickt eingesetzter Musik vom Band. – Begeisterter Premierenbeifall nach anderthalb Stunden.

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