Bühne

Düsseldorf feiert Opern-Neuschöpfung von Anno Schreier

Ein Fliegenpilz, giftig, aber hübsch anzuschauen, durchzieht die Optik des  Stückes. Hier bietet er dem liebenden Geschwisterpaar Annabella (Lavinia Dames) und Giovanni (Jussi Myllys) Schutz. Foto:Hans Jörg Michel

Ein Fliegenpilz, giftig, aber hübsch anzuschauen, durchzieht die Optik des Stückes. Hier bietet er dem liebenden Geschwisterpaar Annabella (Lavinia Dames) und Giovanni (Jussi Myllys) Schutz. Foto:Hans Jörg Michel

Düsseldorf.   Anno Schreibers Oper „Schade, dass sie eine Hure war“ kam an der Rheinoper in Düsseldorf zur gefeierten Uraufführung.

Dass zeitgenössisches Musiktheater auch abseits des Mainstreams einen hohen Unterhaltungswert haben kann, das scheinen viele Neutöner vergessen zu haben. Der Aachener Komponist Anno Schreier bildet eine Ausnahme. Mit seinen 39 Jahren hat er sich bereits mit verschiedenen Stoffen von „Die Stadt der Blinden“ in Zürich bis zum „Hamlet“ in Wien mit alles andere als abschreckenden Bühnenwerken einen international wohlklingenden Namen machen können. In seiner neuesten Oper „Schade, dass sie eine Hure war“, die jetzt mit großem Erfolg im Düsseldorfer Opernhaus uraufgeführt wurde, deutet er mit beachtlicher handwerklicher Virtuosität und viel Herzblut für ein lustbetontes Musiktheater Perspektiven für Opernmodelle unserer Zeit an.

Drama „Schade, dass sie eine Hure war“ von 1633

John Fords Drama „Schade, dass sie eine Hure war“ aus dem Jahre 1633 bietet eine Steilvorlage, die in ihrer skurril überspitzten Kompression aller erdenklichen Gemeinheiten und Tabubrüche, die das englische Barock-Theater zu bieten hat, die letzten Grenzen zwischen Tragödie, Komödie und Burleske einreißt. Zu sehen ist eine inzestuöse Liebesbeziehung zwischen dem Geschwisterpaar Annabella und Giovanni, die von der alles andere als moralisch integeren Gesellschaft torpediert wird. Etliche Nebenhandlungen um Heiratsversprechen, Zwangsehen, Intrigen und empörte Kleriker treiben die Schauergeschichte, die es auf sieben Leichen in zweieinhalb Stunden bringt, auf eine schon dadaistisch überdrehte Spitze.

Schreier taucht den zwischen brutaler Gewalt und amouröser Tändelei schwankenden Stoff in eine quicklebendige Musikfolie, die sich flexibel den Stimmungsschwankungen anpasst und zwischen dumpfen Einschlägen mit einer collagenhaften Mischung aus musikalischen Versatzstücken der gesamten Opernliteratur überrascht. Ob Renaissance-Tänze oder Mutationen großer Arien von Verdi oder Rossini, die in ihrer konträren Stimmung die Handlung oft konterkarieren, ob Anleihen an Richard Strauss’ „Tanz der sieben Schleier“: Schreier bindet fünf Jahrhunderte Musikgeschichte geschickt in seine trotzdem alles andere als altbacken klingende Partitur ein und schafft damit eine bewusst künstliche Distanz zur ebenso bewusst künstlich überzüchteten Handlung.

David Hermann führt mit leichter Hand Regie

Dass Schreier stets Rücksicht auf die Aufführbarkeit seiner Stücke nimmt, trägt zum Erfolg seiner Werke bei, die allesamt Chancen haben, sich zum Repertoirestück entwickeln zu können. Sowohl szenisch als auch musikalisch setzt er keine Hürden, die den Probenplan eines Theaters in Bedrängnis bringen könnten.

Regisseur David Hermann spinnt mit leichter und versierter Hand die verwirrenden Fäden der Haupt- und der vielen Nebenhandlungen und erhält tatkräftige Unterstützung von dem Bühnenbildner Jo Schramm und der Kostümbildnerin Michaela Barth, die die Darsteller mit Textilien aus mindestens vier Jahrhunderte einkleidet. Ein Fliegenpilz, giftig, aber hübsch anzuschauen, durchzieht die Optik des Stücks. Er dient als Liebeslaube, phallusartige Exemplare erinnern an die amourösen Abgründe der bösen Romanze und am Ende wird dem bösen Edelmann Soranzo, der Annabella in eine Zwangsehe treiben will, mit einem solchen Gewächs der Mund auf ewig gestopft.

Lukas Beikircher verströmt am Pult der Düsseldorfer Symphoniker ebenso viel hintergründigen Spielwitz wie das szenische Team. Ob furchteinflößende Klangballungen oder huschende Tongirlanden à la Rossini, ob bajuwarisch volkstümliche Klänge, die ein Bühnenorchester beisteuert, oder laszive Assoziationen an Salomes Schleiertanz: Beikircher hält die Fäden so sicher in der Hand wie der Regisseur. Auch wenn Schreier am Ende zu stark in die Zitatenkiste greift als zu einem eigenen Ton zu finden.

Beeindruckende Ensemble-Leistung an der Rheinoper

Und das Ensemble der Deutschen Oper am Rhein bewältigt die vokalen Ansprüche der Partitur mit beeindruckender Geschlossenheit. Zu nennen sind das lyrisch fein klingende Geschwisterpaar mit Lavinia Dames als Annabella und Jussi Myllys als Giovanni, der markant beeindruckende Bariton von Günes Gürle als deren Vater Florio, Bogdan Taloş als dämonisch wie aus Verdis „Don Carlos“ auftretender Mönch, die luxuriöse Besetzung zweier Bewerber mit Richard Ŝveda und Sergej Khomov und Sami Luttinen als intriganter Diener Vasquez, eine Mischung aus Jago und Wurm. Nicht zu vergessen Sarah Ferede als rachsüchtige Hippolita, Paula Iancic als kapriziöse Nichte Philotis und Susan Maclean als naive Amme. Sie alle, wie auch der Chor, unterstreichen den Ensemblegeist der Deutschen Oper am Rhein und führten die Uraufführung zum Erfolg.

Das Publikum reagierte auf den unterhaltsamen, nicht überschwänglich tief gründenden Abend mit lang anhaltendem und begeistertem, wenn auch nicht orgiastischem Beifall.

Die nächsten Aufführungen im Opernhaus Düsseldorf: am 23. und 27. Februar sowie am 8., 10. und 17. März. (Infos: www.rheinoper.de).

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