KÜNSTLERGRUPPE

Düsseldorfs Kunstpalast würdigt das „Junge Rheinland“

Arthur Kaufmann malte Künstler des „Jungen Rheinlands“ rund um „Mutter“ Ey 1925 unter dem Titel „Zeitgenossen“.

Arthur Kaufmann malte Künstler des „Jungen Rheinlands“ rund um „Mutter“ Ey 1925 unter dem Titel „Zeitgenossen“.

Foto: VG Bild-Kunst /Stefan Arendt/LVR-ZMB

Düsseldorf.   Die Künstlergruppe „Junges Rheinland“ wird 100 Jahre alt. Düsseldorfs Kunstpalast zeigt zu diesem Anlass die Schau „Zu schön, um wahr zu sein“.

100 Jahre nach seiner Gründung könnte das „Junge Rheinland“ ganz schön alt aussehen – tut es aber nicht: Der Düsseldorfer Kunstpalast, der vom „Jungen Rheinland“-Mitglied Wilhelm Kreis entworfen wurde und der etliche Ausstellungen der insgesamt 400 Künstler und (arg wenigen) Künstlerinnen sah, richtet in seiner Ausstellung zum 100-jährigen Gründungsjubiläum der Gruppe die Scheinwerfer auf zwölf Ausgewählte von Max Ernst bis zum späteren NS-Karrieristen Kreis.

Offensichtlich wird auch: Das „Junge Rheinland“ hatte, ganz anders als die „Brücke“ oder der „Blaue Reiter“ Jahre zuvor, gar kein echtes Programm, außer dem, irgendwie fortschrittlich zu sein. Von dem Gründungsaufruf, den der Schriftsteller Herbert Eulenberg mit den Malern Arthur Kaufmann und Adolf Uzarski am 24. Februar 1919 in die Welt setzte, fühlte sich auch noch ein Spätimpressionist wie Fritz Westendorp angesprochen; ein konservativer Maler der Düsseldorfer Schule wie Ernst te Peerdt wurde gar Ehrenmitglied. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man das „Junge Rheinland“ als Marketing-Maschine versteht, mit der sich Künstler etablieren und die Stadt Düsseldorf sich als Kunstmetropole profilieren wollte. Nicht von ungefähr waren Zank und Streit der rote Faden in der Geschichte dieser Künstlergruppierung.

Maria versohlt dem Jesuskind den Hintern

Aber: Großartige Künstler gehörten dazu, allen voran Max Ernst (der Anfangs noch expressionistisch arbeitete), aus dessen Urteil über die hohe Zeit des „Jungen Rheinlands“ auch der Ausstellungstitel „Zu schön, um wahr zu sein“ entliehen ist. Seine Maria, die dem Jesuskind den Hintern versohlt, provozierte die religiösen Mitglieder der Gruppe, wirkt aber bis heute „jung“. Und was für ein grandioser Maler Otto Dix war! Eigens des „Jungen Rheinlands“ und der Galeristin „Mutter“ Ey wegen, bei der die Gruppe eine Art Tagungslokal mit angeschlossenem Galeriebetrieb hatte, war er aus Dresden übergesiedelt. Sein „Krieg“ von 1914 aus dem Bestand des Kunstpalastes ist atemberaubend hellsichtig und dynamisch zugleich, seine „Tiere in Phantasie-Landschaft“ zeigen, was für ein Surrealist er geworden wäre, seine Kriegs-Grafiken sind Anklagen in Schwarz-Weiß.

Feierwut und Elend der Weimarer Republik

Noch einmal aber rehabilitiert die Ausstellung den notorisch unterschätzten Maler Gert H. Wollheim, der wie Dix den Ersten Weltkrieg an Leib und Seele erfahren hatte. Wollheim war gemeinsam mit Otto Pankok nach ihrem gescheiterten Versuch einer Künstlerkolonie-Gründung im ostfriesischen Remels nach Düsseldorf gekommen und galt als „Liebling“ von Johanna Ey. An künstlerischer Radikalität konnte er mit Max Ernst mithalten, maltechnisch auch mit Otto Dix. Wollheim malte „Wahnsinnige“, sich selbst als zerrissene Frau oder 1924 einen grandiosen „Abschied von Düsseldorf“, das die Feierwut und Abgründe der Weimarer Republik in einem hier altmeisterlichen, dort surrealem Bild bannt.

Der Impressionist Heinrich Nauen, der großen Ärger mit seinem „Jungen Rheinland“ bekam, als er eine Professur an der als konservativ verhassten Kunstakademie annahm, malte Wollheim als Wanderer, stolz und visionär, exzentrisch und – alles andere als ein Selbstvermarkter.

Grausam gute Tuschezeichnungen

Ohnehin ist die Düsseldorfer Ausstellung auch eine Ehrenrettung für so manche Künstler, die unverdient stets in der zweiten Reihe blieben: Der große Bühnenbildner Walter von Wecus etwa, der später (als das schon nicht mehr ganz so suspekt war) die erste Akademie-Professur in diesem Fach bekleiden sollte. Oder die nicht minder große Grafikerin Lotte B. Prechner, die keinen Deut hinter Käthe Kollwitz und anderen expressionistischen Grafikern zurückstehen muss und sich vorzugsweise dem gesellschaftlichen Elend zuwandte, der Dichter, Karikaturist und Kunstmaler Adolf Uzarski oder der von kindlicher Rachitis gezeichnete Karl Schwesig aus Gelsenkirchen, der endlose Folterqualen durch die Nazis über sich ergehen lassen musste und dies in grausam guten Tuschezeichnungen festhielt.

Oder Carl Lauterbach, der eines der vielen Karnevals-Bilder dieser Ausstellung malte: Einer genialischen Frühphase folgte die innere Emigration dieses exponierten Linken und die Verharmlosung seiner Bildthemen in den zwölf Jahren des Nazi-Regimes, das auch dem „Jungen Rheinland“ ein Ende bereitete.

„Zu schön, um wahr zu sein“ – das Junge Rheinland. Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Bis 2. Juni. Di-So 11-18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Kombiticket: 14 €, erm. 11€. Einzelausstellung: 10 €, erm. 8 €. Kinder unter 13: Eintritt frei. Jgdl.: 2 €

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