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Melnyk-Attacke bei "Anne Will": "Ist moralisch verwahrlost"

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Mindestens 100.000 Menschen bei Friedensdemonstration in Berlin

Mindestens 100.000 Menschen bei Friedensdemonstration in Berlin

Die Großdemonstration in Berlin gegen den Krieg in der Ukraine ist auf enormes Interesse gestoßen. Nach Angaben einer Polizeisprecherin wurde die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am frühen Nachmittag trotz weiteren Zustroms bereits "auf eine niedrige sechsstellige Zahl" geschätzt.

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Berlin.  Der ukrainische Botschafter diskutiert mit Gästen, die keine Panzer an die Ukraine liefern wollen – und statt dessen Briefe schreiben.

Die Bundesregierung hat angekündigt, die Ukraine neben den Gepard-Panzern nun auch mit sieben Panzerhaubitzen zu unterstützen. In der Bevölkerung hierzulande ist diese Lieferung schwerer Waffen umstritten. Das zeigt auch der aktuelle ARD-Deutschland-Trend. Demnach sind 45 Prozent der Befragten dafür und genauso viele – also auch 45 Prozent – dagegen.

Zudem gab es in den vergangenen Tagen zwei offene Briefe an die Bundesregierung, jeweils von vielen Prominenten im Land unterschrieben, die sich zu dieser Frage in entgegengesetzter Haltung positionieren. Beide sorgten für rege Diskussionen. Moderatorin Anne Will möchte deshalb an diesem Sonntag von ihren Gästen wissen, ob mehr und schwerere Waffen für die Ukraine den Frieden bringen.

"Anne Will": Das waren die Gäste:

  • Kevin Kühnert (SPD), Generalsekretär
  • Britta Haßelmann (Bündnis 90/ Die Grünen), Fraktionsvorsitzende
  • Ruprecht Polenz (CDU), Präsident Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde e.V.
  • Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland
  • Harald Welzer, Soziologe, Sozialpsychologe und Publizist

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Einer, der dafür eintritt, dass Deutschland keine weiteren schweren Waffen an die Ukraine liefert und den entsprechenden Brief unterschrieben hat, ist der Soziologe Harald Welzer. Darin forderte er die Regierung dazu auf, im Ukraine-Krieg einen Kompromiss zu suchen, sodass es möglichst schnell zu einem Waffenstillstand komme und der Krieg ende. Kritikerinnen warfen den Unterzeichnern vor, der Ukraine das Recht abzusprechen, sich zu verteidigen und Wladimir Putin nahe zu stehen.

"Wir haben es mit einer Atommacht zu tun", sagt Welzer bei "Anne Will". "Gegen eine Atommacht kann nicht gewonnen werden." Man befinde sich in einem Dilemma, aus dem es keinen richtigen oder falschen Ausweg, mit dem am Ende alle zufrieden seien, gebe. Lesen Sie dazu: Manfred Weber – So kann ein Atomkrieg verhindert werden


CDU-Politiker Ruprecht Polenz nennt die Behauptung Welzers "empirisch falsch". So hätten die USA in Vietnam als Atommacht einen Krieg verloren und Russland und die USA in Afghanistan zumindest nicht gewonnen.

Melnyk nennt Brief bei "Anne Will" "eine völlige Illusion"

Der russische Präsident Putin habe selbst geschrieben, dass es sein Ziel sei, die Ukraine auszulöschen. Ein Kompromiss sei Polenz zufolge deshalb nicht möglich: "Wenn wir nicht wollen, dass eine Atommacht ständig die internationale Charta verletzt, in dem sie Länder angreift, dann darf er damit jetzt nicht durchkommen", sagt er.

Andrij Melnyk, der Botschafter der Ukraine in Deutschland, nennt den Brief "eine völlige Illusion". "Für Sie ist es einfach, im Professorenzimmer zu sitzen und zu philosophieren", sagt er. Es sei falsch, dass man einen Krieg gegen Russland nicht gewinnen könne. "Was Sie anbieten, ist aus unserer Sicht moralisch verwahrlost."


Welzer lässt das nicht unbeantwortet und wirft Melnyk vor, oft nicht zuzuhören. Wer gegen die Lieferung schwerer Waffen sei, hätte historische Gründe. Melnyks Vorgehen nennt er "borniert".

Kühnert sorgt sich bei "Anne Will" in der ARD um "Zusammenhalt der Gesellschaft"

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert möchte auf Nachfrage der Moderatorin Anne Will die Diskussion nicht kommentieren und sagt, dass er sich währenddessen "sehr unwohl" gefühlt habe. "Das ist der Sache nicht angemessen", sagt er. Eine derartige Debatte über schwere Waffenlieferungen sei nicht leicht herunterzubrechen. Es gehe nicht um ein prinzipielles ‘Ja oder Nein zu schweren Waffen’, so Kühnert.

Er bange auch um den "inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft", der zu kippen drohe. Kühnert weist diesbezüglich auf "aufgeheizte Diskussionen" innerhalb von Familien oder Freundeskreisen darüber, ob man solidarisch mit der Ukraine sei.

Die Grünen-Abgeordnete Britta Haßelmann sagt: "Unsere Gewissheiten sind seit dem 24. Februar 2022 nicht mehr da". Den Brief von Welzer und Co. bezeichnet sie als "anmaßend". "Da wird ein Land wie die Ukraine angegriffen und wir fordern es auf, es müsse einen Kompromiss geben", so Haßelmann.

Wo sich diejenigen 45 Prozent der Bevölkerung finden, die gegen die Lieferung schwerer Waffen sind, möchte Will noch wissen. Man habe keinen "Blankoscheck" dafür ausgestellt, sagt Kühnert. Vielmehr wolle man "transparent, nachvollziehbar, ohne Hektik, mit klarem moralischen Kompass" Entscheidungen treffen.

Zur Ausgabe von "Anne Will" in der Mediathek.

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Dieser Text erschien zuerst bei waz.de

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