Kriegsreportage

Großartige Doku „War Diary“ geht an Grenze des Erträglichen

Fünf Jahre, 15.000 Einstellungen, ein Film: Seit 2012 dokumentiert der deutsche Reporter Carsten Stormer den Krieg in Syrien – und spricht auch über seine eigene Belastung.

Fünf Jahre, 15.000 Einstellungen, ein Film: Seit 2012 dokumentiert der deutsche Reporter Carsten Stormer den Krieg in Syrien – und spricht auch über seine eigene Belastung.

Foto: Arte / © Marcel Mettelsiefen

Essen  Die Dokumentation „War Diary“ auf Arte zeigt hautnah die Absurdität des Syrien-Krieges. Entsprechend heftig sind auch ihre Bilder.

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Selten entfalten die ersten Szenen eines Films so eine Sogwirkung. Man sieht Murmel spielende Kinder auf einer staubigen Straße. Nur, dass sie keine Glaskügelchen benutzen, sondern Patronenhülsen. Dann schwebt die Kamera über ein Ruinenmeer, elegische Musik untermalt die wuchtigen Bilder einer postapokalyptischen Welt. „Ich bin ein Augenzeuge“, sagt Carsten Stormer mit bedeutungsschwerer Off-Stimme. „Ein Chronist eines Krieges. Alles, was Sie sehen werden, habe ich selbst erlebt.“

Wollte man diesen Film des deutschen Reporters kategorisieren, müsste man ihn wohl Kriegsdoku nennen. Von 2012 bis 2017 berichtete Stormer aus Syrien, hier zeigt er, was er dort erlebt hat. Doch es ist mehr als eine Dokumentation gewonnener Schlachten und schlimmer Verbrechen. Es ist Stormers filmisches Tagebuch. Der Journalist erzählt von der ganzen Brutalität des Syrien-Krieges – und von seiner Absurdität. Etwa wenn er mitten im zerbombten Aleppo den Kampf eines Mannes um etwas Normalität filmt, der, umgeben von Trümmern, den Bürgersteig fegt.

Hunderte Stunden Filmmaterial aus fünf Jahren

Carsten Stormer, der im „Stern“ und in der „FAZ“ veröffentlicht hat, scheint wie geschaffen für den Job des Krisenreporters. Er bleibt sogar dann cool, wenn die Scharfschützen vom „Islamischen Staat“ seine Gruppe ins Visier nehmen und der Wagen ausgerechnet in dem Moment einen Platten hat. Als einer der wenigen seiner Zunft spricht Stormer jedoch offen über die Posttraumatische Belastungsstörung, an der er infolge der ständigen Konfrontation mit Tod, Trauer und Angst erkrankt ist. „Ich kannte Krieg aus Afghanistan, dem Kongo und Darfur. Doch auf das, was ich in Syrien erleben sollte, war ich nicht vorbereitet.“

Hunderte Stunden Filmmaterial hat er in den fünf Jahren gesammelt. Man sieht eine provisorische Klinik in Aleppo, in der die Verletzten wie in Wellen angespült werden. „Ich bekomme das viele Blut nicht mehr aus meinem Kopf und arbeite einfach weiter“, kommentiert er. Minutenlang lässt er sich und die Kamera treiben, ohne Schnitt. Und man sieht, wie sich Stormer durch in die Wand geschlagene Löcher von Wohnung zu Wohnung bewegt – auf die Straße kann er nicht, dort lauert der IS.

Terroristen und Helden

In einer verlassenen Küche steht noch ein Teekessel auf dem Herd. Eines Morgens mussten die Bewohner überstürzt fliehen, weil die Terroristen vor der Tür standen, erzählt Stormer. Dann findet er ein verblasstes Fotoalbum im Schutt. „Bilder eines ganz normalen Lebens“, sinniert er. „Man fragt sich, was aus diesen Leuten geworden ist.“ Dann wieder begleitet er Syrer, die er als Helden inszeniert. Die mit bloßen Händen nach Überlebenden in den Trümmern graben.

Irgendwann lehnt er an einer Wand, IS-Kämpfer sind 15 Meter entfernt und beschießen sein Haus. „Nachdem der Adrenalinspiegel etwas abgeklungen ist, hat man Zeit, darüber nachzudenken“, sagt Stormer nachdenklich. „Muss ich hier sein? Ich weiß es nicht.“

Fazit: Bilder, die an die Grenzen des Erträglichen gehen. Eine Herausforderung. Aber ein großartiger Film.

Arte, Mittwoch, 4. Juli, 22.55 Uhr

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