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Freundschaft zu verschenken über Kleinanzeigen im Internet

Die 22-jährige Jessica möchte nicht länger alleine im Biergarten sitzen. Sie sucht in Recklinghausen eine Freundin für gemeinsame Aktivitäten.

Foto: Lars Heidrich

Die 22-jährige Jessica möchte nicht länger alleine im Biergarten sitzen. Sie sucht in Recklinghausen eine Freundin für gemeinsame Aktivitäten.

An Rhein und Ruhr.   Zwei Frauen suchen nach einer besten Freundin fürs Leben und einem Rezept gegen die Einsamkeit. An ihren Wohnorten fehlen ihnen soziale Kontakte.

Ausrangierte Möbel und Klamotten finden bei Ebay Kleinanzeigen ein neues Zuhause. Sie bekommen eine zweite Chance, das Leben eines Fremden mit Freude zu füllen. Einige der Angebote sind sogar kostenlos. So wie das von Jessica aus Recklinghausen. Dabei hat die 22-Jährige etwas Wertvolles zu verschenken: Freundschaft.

„Ich suche eine beste Freundin“, sagt Jessica. Seit einem Jahr lebt die Studentin in Recklinghausen. Richtig Anschluss gefunden hat die aus einem 15 000-Seelennest im Münsterland Zugezogene bisher nicht. „Es gibt Situationen, in denen ich mich einsam fühle“, gesteht sie. So etwas wie Spontanität im Leben sei komplett abhandengekommen. Es fehlt eine Freundin, um gemeinsam ins Fitnessstudio zu gehen, für Spiele-Abende oder Gespräche bei einem Spaziergang. Eine Freundin, „mit der ich lachen, aber genauso auch über ernste Themen reden möchte.“ Das wünscht sich Jessica.

Sie lebt mit ihrem Freund und Katze Minka zusammen

In Recklinghausen teilt sie bisher keine Erinnerungen, die Straßen und Orte zum Leben erwecken, von Freundschaft erzählen und ein Lächeln hervorrufen. „Ich habe keinen Halt in der Stadt“, sagt sie.

Dabei ist es nicht so, dass Jessica ganz alleine wäre. Im nördlichen Ruhrgebiet lebt sie mit ihrem Freund und Katze Minka. „Ich habe ihn im Internet kennengelernt.“ Es besteht also die Möglichkeit, den einen Herzensmenschen in den Weiten des Internets zu finden. Doch die Nähe zum Partner, bedeutete eine Distanz zu Freunden in der Heimat. „In Recklinghausen habe ich sonst niemanden.“

Eine Freundin, die zuhört

Das Schicksal mischte sich früh in Jessicas Leben ein. Das Jugendamt hat sie schon mit zwei Jahren aus der Familie geholt. „Meine leibliche Mutter starb, als ich sieben Jahre alt war“, sagt Jessica gefasst. Der Kontakt zu ihrem Vater bestand zuletzt aus gelegentlichen E-Mails. Vor drei Wochen schrieb sie die letzte Nachricht. Eine Antwort wird die junge Frau nicht mehr erhalten. „Sie haben ihn tot in der Wohnung gefunden.“ Es sind solche Momente, die sie spüren lassen, dass etwas in ihrem Leben fehlt. Eine Freundin, die zuhört. „Man kann nicht alles mit sich selbst ausmachen.“

Mit ihrer Anzeige im Internet ergreift sie nun die Initiative, möchte Leerstellen in ihrem Alltag mit Leben füllen. „Man kann nicht darauf warten, dass immer jemand auf einen zugeht.“ Über 600 Personen haben Jessicas Annonce geklickt, die auf gemeinsames Erleben aus ist: bowlen, schwimmen, wandern, in diese Richtung. Etwa 30 Antworten kamen. Auch wenn sie deutlich angibt, bloß eine Freundin zu suchen, erhält sie zweideutige Anfragen von Männern. Ab in den Papierkorb!

Jessica sucht eine Freundschaft, die in die Tiefe geht

Jessica: „Mit drei Frauen habe ich mich getroffen. Wir sind direkt ins Gespräch gekommen. Es gab keine peinlichen Pausen.“ Nervös war sie natürlich trotzdem. „Man fragt sich, was die anderen von einem denken.“ Unbegründete Sorgen: Der Kontakt bleibt bestehen, man verabredet sich zu Spaziergängen am Kanal oder im Café. Eine beste Freundin ist aber nicht dabei: „Ich suche eine Freundschaft, die in die Tiefe geht.“

Eine Freundin, mit der gemeinsame Meilensteine eines Lebens geteilt werden, auf das sie irgendwann gemeinsam lachend zurückblicken können. Das hofft auch Evelin Wettels-Czogalla aus Buer, im Internet zu finden. Die 65-Jährige ist seit Mai pensioniert, hat vorher als Beamtin im Sozialamt gearbeitet.

Doch mit dem Ruhestand kam die Einsamkeit

Der Stress auf der Arbeit, die gefestigten Strukturen und der Kontakt unter Kollegen – alles fiel von heute auf morgen weg. „Man fällt in ein Loch. Seitdem ich nicht mehr arbeiten gehe, merke ich, dass ich wirklich alleine bin.“ Bereits vor vier Jahren begann mit der Trennung von ihrem Ehemann und dem Umzug von Erle nach Buer ein neuer Lebensabschnitt für sie. „Seitdem versuche ich, Freundschaften aufzubauen.“ Bislang vergeblich. „Es muss doch jemanden geben, der mich mag“, sagt sie beinahe verzweifelt.

Statt zuhause alleine ihre alten Bee-Gees-Platten oder die Beatles zu hören, würde sie lieber mit einer Freundin in die Kneipe gehen. „Nur Schlager ist nicht meine Welt“, sagt Evelin Wettels-Czogalla und lacht. Auch ins Kino würde sie lieber in Begleitung. „Eher Actionfilm als Liebesschnulze.“ Vor drei Jahren hat sie Netflix für sich entdeckt, okay. Aber: „Man kann doch nicht von morgens bis abends vor der Glotze sitzen.“

Seit 50 Jahren eine Freundschaft bis nach Thüringen

Kino, Theater und Spaziergänge – die Vorlieben stehen auch in der Anzeige, von der sie sich einen neuen Impuls in ihrem Leben erhofft. „Ich will nicht warten, bis ich gefunden werde“, sagt sie. Der Weg über digitale Medien mag im fortgeschrittenen Alter überraschen. Durch die Arbeit war das Internet aber immer Teil ihrer Welt. Berührungsängste: Fehlanzeige. Dennoch weiß sie, dass nicht jeder ihrer Zielgruppe das Netz nutzt. Das macht die Suche nicht gerade leichter. „Ich werde es weiter versuchen“, sagt Evelin Wettels-Czogalla hoffnungsvoll. Ihr größter Wunsch: „Einfach zu zweit spontan sein.“

Spontanität, die im Umgang mit ihrer besten Freundin fehlt – aufgrund der Distanz. Seit über 50 Jahren pflegt sie, einst auch über Grenze und Stacheldraht hinweg, eine Freundschaft bis nach Thüringen. „Mit einem Briefwechsel zur Schulzeit fing alles an“, sagt sie und ergänzt: „Wir telefonieren und besuchen uns regelmäßig.“ Ein Rezept für eine lange Freundschaft hat sie bereits: „Immer reden und ehrlich sein. Bei Zoff nachfragen.“ Was fehlt, ist die entscheidende letzte Zutat: eine Freundin um die Ecke. Bis dahin hat sie eine Freundschaft zu verschenken.

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