Kunst und Gesellschaft

Gabriele Henkel – eine Frau von Format und Geschmack

Gabriele Henkel (1931-2017)

Foto: imago

Gabriele Henkel (1931-2017) Foto: imago

Düsseldorf.   Die Großen der Welt waren ihre Gäste: Die Grande Dame und Förderin der Kunst starb in der Nacht zu Freitag mit 85 Jahren in Düsseldorf

Am Ende ging es Gabriele Henkel wie dem betagten Goethe, der klagte: „Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte: Er wird nicht mehr von seinesgleichen beurteilt.“ Ihresgleichen, das waren für Gabriele Henkel Kanzler und Künstler, Intellektuelle und Industrielle, die in ihrem Landhaus in Ratingen-Hösel oder an der Düsseldorfer Chamissostraße zusammentrafen. Männer wie Herbert von Karajan, Andy Warhol und Theodor W. Adorno, wie Helmut Schmidt, Heinrich Böll und Robert Wilson (der ihr vor wenigen Jahren noch einen Heiratsantrag machte), das waren Frauen wie „Jackie“ Kennedy oder Hildegard Knef.

Für die Düsseldorfer Chefarzt-Tochter Gabriele Hünermann, die in dem späteren Konzern-Patriarchen Konrad Henkel den Mann ihres Lebens fand und 1955 heiratete, wurde der Jet-Set erfunden und auch die Rolle der Frau von Welt, für das sich in Deutschland so selten eine passende Besetzung findet. Als Gabriele Henkel vor wenigen Wochen ihre gekonnt geschriebenen, mit illustren Namen gespickten Erinnerungen „Die Zeit ist ein Augenblick“ veröffentlichte, gestand sie schließlich: „Ich bin oft einsam.“

Ausgefallene Frisuren, ascot-hafte Hüte - und der legendäre Düsseldorfer Salon

Wie anders war doch ihr Leben gewesen, das in der späten Weimarer Republik begonnen hatte, im strengen Regiment ihres Elternhauses und, kaum den Kriegstrümmern entkommen, mit einer ungeahnten Selbständigkeit als Journalistin in England und im Bonn der Adenauer-Ära. Konrad Henkel traf sie im Bonner Karneval, da war der Industrielle als Trapper verkleidet und sie überhaupt nicht, in Petticoat und Bluse, tanzte aber auf den Tischen. Kostümhaft sollten die Garderoben der exzentrischen Lady erst später ausfallen, und nicht selten machten entweder ihre ausgefallenen Mähnen-Frisuren oder die ascot-haften Durchmesser ihrer Hüte über der dunklen Sonnenbrille Furore.

Als Konrad Henkel nach dem frühen Tod seines Bruders plötzlich vom obersten Chemiker des Unternehmens zum Vorstandsvorsitzenden wird, beginnt die Ära der legendären Düsseldorfer Salons. Die Spitzen aus Politik, Wirtschaft und Kultur kommen hier zusammen, Gabriele Henkel schließt Freundschaften weniger mit Industriellen oder Politikern, sondern mit den Schriftstellern Friedrich Torberg und Gregor von Rezzori, mit dem Opern-Impresario Rolf Liebermann oder dem Bühnenbildner Pit Fischer, der sie nicht von ungefähr mit dem Spitznamen „Kroko“ neckte. Gabriele Henkel genoss es spürbar, in ihren Memoiren die Namen all jener Männer zu erwähnen, die ihr Zeit ihres Lebens zu Füßen lagen – es waren Legionen.

Eine Professur - dank guten Geschmacks

Die Dekorationen, mit denen sie die Feste und Empfänge im Hause Henkel ausstaffierte, wurden legendär – Joseph Beuys, der nur zu gut wusste, wie (und warum) aus Kunst Kapital wurde, riet ihr, diese aufwendigen Motto-Inszenierungen zu signieren. Am Ende war es ihr Geschmack, der ihr erst einen Lehrauftrag an der Wuppertaler Gesamthochschule und ab 1991 auch eine Professur für Kommunikationsdesign einbrachte.

Eine ertragreiche Symbiose gingen Gabriele Henkels künstlerischen Neigungen und das Henkel-Vermögen ein, als sie den Auftrag erhielt, für das Unternehmen eine Sammlung mit moderner Kunst zusammenzustellen. David Rockefeller verschaffte ihr zudem einen Sitz im Beirat des Museums of Modern Art in New York, den sie mit Referaten über die deutschen Kunstszene auf dem Laufenden hielt. Wie ausgesucht, wie eigenwillig und qualitätsbewusst Gabriele Henkels Entscheidungen ausfielen, davon zeugte im vergangenen Jahr noch die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW, die ausgewählte Werke der Henkel-Kollektion mit einer Sonderschau adelte. Zur Eröffnung war allerdings bereits zu spüren, dass auch die Grandezza, die große Geste, mit der diese Frau aufzutreten wusste ihren Tribut an das Alter zu entrichten hatte.

Eine qualitätsbewusste Mäzenin

Gabriele Henkel war eine qualitätsbewusste Mäzenin, und als sie 2001, zwei Jahre nach dem Tod ihres geliebten Konrad, den mit 25 000 Euro dotierten Kythera-Kulturpreis ins Leben rief, war schon vorgezeichnet, dass nur Größen wie Patrice Chereau, Claudio Abbado, Yasmina Reza, Wolf Lepenies oder Claudio Magris ihn erhalten würden. Im kommenden Jahr wird der Preis indes ohne die Stimme seiner Stifterin verliehen werden müssen: In der Nacht zum Freitag ist nach 85 Jahren das Leben einer großen Diva und Förderin des Kulturlebens, einer Frau von Format, zu Ende gegangen.

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