Film

Grandiose Charakterstudie: „Die Agentin“ mit Diane Kruger

Diane Kruger als Geheimdienst-Akteurin im Film „Die Agentin“ von Yuval Adler.

Diane Kruger als Geheimdienst-Akteurin im Film „Die Agentin“ von Yuval Adler.

Foto: Kolja Brandt / Weltkino

Essen.  Regisseur Yuval Adler erzählt im Kino vom Dienst im Geheimen. Er schaut dazu in seinem neuen Film „Die Agentin“ ins Innerste seiner Figur.

Was sie wirklich will, weiß Rachel nicht einmal selbst. Eine vage Sehnsucht treibt die junge Frau, die nicht nur anderen ständig etwas vorspielt. Selbst Thomas, der einmal so etwas wie ihr engster Vertrauter und zugleich auch ihr Führungsoffizier beim Mossad war, ist sich nicht sicher, was sie wirklich antreibt. Als Rachel ein Jahr nach ihrem Ausscheiden aus dem offiziellen Dienst plötzlich untertaucht und seine einstigen Vorgesetzten den zwischenzeitlich in Ungnade gefallenen Agenten zurückholen, kann Thomas nur spekulieren: „Ich dachte, sie wollte etwas Bedeutsames tun.“

Ganz falsch liegt er damit nicht. Nur ist in „Die Agentin“, Yuval Adlers Verfilmung von Yiftach Reicher Atirs kontroversem, bislang noch nicht auf Deutsch erschienenem Spionagethriller „The English Teacher“, die Grenze zwischen bedeutsamen Aktionen und sinnloser Grausamkeit kaum noch auszumachen.

„Die Agentin“ ist eine komplexe Spionageerzählung

Vor einem Jahr war es der israelische Filmemacher Eran Riklis, der mit seinem Thriller „Aus nächster Distanz“ das Genre des Agentenfilms neu belebt hat. Wie er stellt nun auch sein Landsmann Yuval Adler eine Frau ins Zentrum einer komplexen Spionageerzählung, die dem Wirken der Geheimdienste äußerst skeptisch gegenübersteht.

Damit verschiebt sich der Blick. „Die Agentin“ ist nicht nur ein Gegenentwurf zu den gelackten Actionfantasien der „James Bond“-Filme und all ihrer Nachahmer. Adler setzt sich auch deutlich von den weitaus realistischeren Agententhrillern ab, die auf Vorlagen von Autoren wie John le Carré basieren.

Realismus hat nicht oberste Priorität bei der Erzählung

Die Geschichte der in England geborenen Rachel, die sich durch die Welt treiben lassen hat und irgendwann für kleinere Aufgaben vom Mossad angeworben wurde, setzt eben nicht auf Realismus.

Die weitgehend in Rückblenden erzählte Story, die die von Diane Kruger verkörperte Agentin Undercover nach Teheran führt, wo sie dabei hilft, das iranische Atomprogramm zu sabotieren, weist teilweise deutliche Lücken und Ungereimtheiten auf. Adler spielt gezielt mit diesen Irritationen. Er will Zweifel am Vorgehen des Mossad wecken und zugleich einige Wahrheiten über das Leben von Agenten aufdecken. Rachel ist immer nur ein kleines Rädchen im Getriebe, das fälschlicherweise glaubt, die Zusammenhänge zu kennen und zu verstehen. Sie denkt tatsächlich, dass sie etwas Bedeutsames tut. Doch in Wahrheit wird sie einfach nur manipuliert.

Diane Kruger spielt grandios in „Die Agentin“

Der Thriller verwandelt sich in eine zutiefst bedrückende Charakterstudie, die von einer grandios spielenden Diane Kruger mühelos getragen wird. Oft zeigt sie kaum eine Regung. Weder ihre konzentrierten Blicke noch ihre wenigen Gesten lassen sich eindeutig dechiffrieren. Man kann sich nie sicher sein, was Rachel wirklich denkt. Sie bleibt ein unbeschriebenes Blatt, das die anderen, der Mossad, aber auch der iranische Geschäftsmann Farhad (Cas Anvar), auf den sie angesetzt ist, beschreiben. Und genau diese vermeintliche Leere verleiht den wenigen Momenten, in denen sich Rachels Emotionen, ihre Enttäuschungen und ihre Hoffnungen, durchscheinen, eine enorme Intensität.

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