Kultiviert

Harry, Meghan und der Aschenbrödel-Effekt

Monika Willer

Monika Willer

Foto: Michael Kleinrensing / WP Michael Kleinrensing

Die Royals liefern doch die beste Seifenoper. Wenn Aschenbrödel den Prinzen kriegt, ist Schluss mit lustig

Australien brennt. In Griechenland liegen die Flüchtlingskinder im Matsch. Im Iran droht ein neuer Krieg. Und was wollen wir wissen? Dass Prinz Harry und seine Frau Meghan sich aus den Zwängen eines Daseins am britischen Hofe befreien.

Warum bewegen uns die Queen und ihr Anhang so sehr? Als der schwedische König jüngst die Kinder von Prinzessin Madeleine und Prinz Carl-Philipp vom Hof ausgeschlossen hat, war das gerade mal eine Schlagzeile in den Frauenmagazinen wert. Harrys unorthodoxe Lebensentscheidung füllt hingegen Leitartikel auf Leitartikel in den seriösesten Zeitungen. Dabei läuft es im Prinzip auf das gleiche hinaus. Moderne Monarchien, der Begriff ist ja ein Widerspruch in sich, können nicht ohne Ende vermehrungsfreudige Prinzessinnen und Prinzen alimentieren.

Aufrechte Republikanerinnen

Aber wir, aufrechte Republikanerinnen allesamt, lieben die Bilder von Brautkleidern, die wir selbst nie tragen würden bei den Windsors, die tatsächlich mehr royale Seifenoper sind als die Spanier oder die Belgier oder die Schweden. Wir schütteln den Kopf über den CO2-Fußabdruck von Harry und Meghan, die den Luxus zur Lebensmaxime erhoben haben, die Ärmsten, denn sie beweisen, dass man Zufriedenheit mit noch so vielen Millionen nicht kaufen kann.

Nachdem sich Anfang des
20. Jahrhunderts das Volk seiner gekrönten Häupter mehr oder weniger blutig entledigt hatte, fristeten die überflüssig gewordenen Prinzen und Prinzessinnen fortan ein traurig-mondänes Dasein in den Badeorten Europas. Wo sollten sie auch hin? Gelernt hatten sie ja nix. Daran fühlt man sich unweigerlich erinnert, wenn man sich die Fotos der 12-Millionen-Oligarchen-Hütte anschaut, welche die Sussexes über Weihnachten in Kanada mit ihrem kostenlosen Aufenthalt geadelt haben. Fotos des Etablissements stehen im Netz. Das Wohnzimmer sieht aus, als hätte es eine Puffmutter auf Ecstasy eingerichtet. Nix mit hyggelig.

Angstlust der Ex-Untertanen

Warum wollen wir das wissen? Es liegt daran, dass wir keine Untertanen mehr sind. Da geht es auch um Angstlust. Vor den Revolutionen hätten wir uns für die Königs blutig schuften müssen. Der Aschenbrödel-Effekt spielt ebenfalls eine Rolle. In dem Moment, in dem Aschenbrödel den Prinzen kriegt, ist der Spaß vorbei. Bei einem derart glamourösen Leben, das von so unglaublich vielen Zwängen diktiert ist, wollen wir gerne ein bisschen spannen. Und wenn Lisbeths Kinder und Enkel sich benehmen wie du und ich oder schlimmer, dann schmunzeln wir. Denn selbst das blaueste Blut ist rot.

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