Film

Harvey Keitel – der Mann für die abgründigen Typen

Unverkennbar: Harvey Keitel, hier beim Cannex-Filmfestival vor vier Jahre.

Unverkennbar: Harvey Keitel, hier beim Cannex-Filmfestival vor vier Jahre.

Foto: Ian Langsdon

Harvey Keitel ist der Schauspieler, der jeden Film besser macht. Heute wird der New Yorker 80. Ein neuer Film mit ihm kommt schon bald ins Kino.

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Als Mafiaboss wird man ihn demnächst mal wieder sehen. In Martin Scorseses heiß ersehntem Drama „The Irishman“ mimt er neben seinen Buddies Robert De Niro und Al Pacino einen Italo-Gangster. Es ist die Rückkehr zu seinen New Yorker Wurzeln. Was Harvey Keitel, der am Sonntag 80 wird, von seinen beiden noch prominenteren Freunden und Kollegen unterscheidet: An Zweitklassiges hat er sich so gut wie nie verschwendet. Wer einen Beweis dafür sucht, dass an den Rändern des großen Filmgeschäfts die aufregendsten Gewächse blühen, der hat ihn mit diesem außergewöhnlichen Schauspieler.

Er spielte seit 1966 rund 100 Filmrollen

Der New Yorker Keitel, Sohn jüdischer Immigranten aus Polen und

Rumänien, hat nie den kommerziell ausschlachtbaren Glanz eines Stars verströmt. Dafür hat der kräftige Bursche mit dem kantigen Gesicht, den kleinen Augen und dem grimmigen Blick in vielen seiner rund 100 Filmrollen seit 1966 denkwürdige Auftritte hingelegt, die ihm weniger beim breiten Kinopublikum als bei Cineasten einen unbedingten Kultstatus verschafft haben.

Was nicht heißt, dass man ihn in massentauglichen Filmen nicht erleben könnte. Allerdings tragen diese stets ein Qualitätssiegel: „Thelma und Louise“, „Das Piano“, „Taxi Driver“, „Pulp Fiction“, „Cop­land“, „From Dusk Till Dawn“ erreichten ein Millionenpublikum. Gleichwohl sieht man ihn in großen Produktionen eher in Nebenrollen, die allerdings so prägnant sind, dass sich der Begriff Nebenrolle relativiert: Man merkt sich den Burschen mit der gefährlichen Visage, wenn man ihn einmal erlebt hat.

Nie war er besser als in „Bad Lieutenant“

Wer sagt, mit seiner aktuellen Mafia-Rolle bleibe er sich treu, greift freilich zu kurz. Die Spannweite dieses Künstlers ist viel zu groß, als dass er sich auf irgendein Klischee reduzieren ließe. So spielte Harvey Keitel gerne Hauptrollen im europäischen Autorenkino, zuletzt in Paolo Sorrentinos melancholischer Altersstudie „Ewige Jugend“.

Oder in amerikanischen Außenseiterdramen und kleinen Fingerübungen

wie den wunderbaren Episodenfilmen „Smoke“ und „Blue in the Face“ nach Vorlagen von Paul Auster. In dieser zuweilen improvisierten Milieustudie wird ein Tabakladen in Brooklyn zum Epizentrum großstädtischen Lebens im Viertel.

Harvey Keitel, das war und ist aber für Regisseure vor allem der Idealfall, wenn es gilt, verdorbene Typen zu besetzen, die in den Abgründen der eigenen Dunkelheit versinken. Raubtiere, die ihre Aggressionen kaum bändigen können.

Nie hat er das intensiver hinbekommen als in Abel Ferraras Meisterwerk „Bad Lieutenant“, ein Film über den Höllensturz eines korrupten Polizisten

auf der vergeblichen Suche nach Erlösung, sexsüchtig und vollgepumpt mit Drogen. Eine Selbstzerstörung von ungeheurer Wucht und ein schauspielerisches Glanzstück von solch schmerzhafter Intensität, dass es eines Oscars unbedingt würdig war – Keitel wurde 1993 nicht einmal nominiert. Was beweist, dass man die goldene Statue in ihrer Aussagekraft nicht überbewerten darf.

Mit Robert De Niro lungerte er in Little Italy herum

Wie Robert De Niro verfolgt Keitel die Lehre des totalen Spiels, das beide bei ihrer Ausbilderin Stella Adler in New York aufsogen: Sie versinken in ihren Rollen bis zur Unkenntlichkeit. Martin Scorsese hatte den jungen Filmstudenten Ende der 60er-Jahre in New York entdeckt und vier Filme mit ihm gedreht.

In der stilbildenden Sozialstudie „Mean Streets“ lungerte er als Nichtsnutz

mit De Niro in den Straßen von Little Italy herum, in „Taxi Driver“ hatte er als Jodie Fosters Zuhälter mit langen Haaren und Unterhemd nur wenige Auftritte. Aber die nutzte er, um im gewaltigen Schatten eines De Niro in Bestform nicht zu verschwinden.

Auch in Tarantinos gewaltgetränktem Gangsterdrama „Reservoir Dogs“ trumpfte er auf. Und in dessen schwarzer Krimikomödie „Pulp Fiction“, in der er als megaentspannter Problemlöser Mr. Wolf den Killern John Travolta und Samuel Jackson mit nüchternsten Anweisungen beibringt, wie man einen vollkommen versauten Tatort reinigt und aufräumt. Es ist eine der Perlen dieses Filmspektakels.

Die Zahl seiner Filmengagements hat Keitel in den letzten Jahren heruntergeschraubt. Aber dass die Filmemacher immer noch fleißig bei ihm anrufen, wie man hört, das überrascht nicht. Er macht eben jeden Film besser.

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