Theater

Höllenkreise hinter den Kulissen

Kilian Land und Lieke Hoppe in der „Göttlichen Komödie“. Foto:Thomas Rabsch

Kilian Land und Lieke Hoppe in der „Göttlichen Komödie“. Foto:Thomas Rabsch

Düsseldorf.   Die „Göttliche Komödie“ in den Katakomben des Düsseldorfer Schauspielhauses – wagemutig, anstrengend und doch beglückend.

„Theater braucht kein Bühnenbild.“ Das sagt einer, der es wissen muss. Johannes Schütz zählt zu den größten Bühnenbildnern unserer Zeit. Vor allem für Jürgen Gosch schuf er unvergessene Räume von klarer, stolzer Schlichtheit, so wundervoll ausgeleuchtet wie nur wenigen dies gelingt. In einem seiner seltenen Ausflüge ins Regie-Fach begibt sich Schütz jetzt auf die Spuren von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ – und erklärt das komplette Düsseldorfer Schauspielhaus zu einer einzigen, riesigen Schütz-Bühne. Ein wagemutiges, anstrengendes und doch beglückendes Theatererlebnis.

Die Idee ist so simpel wie bestechend: Ein wenig wie in Dantes epochaler Reise vom Inferno bis in die himmlischen Sphären begibt sich auch der Theatergänger auf eine über zweistündige, kräftezehrende Wanderung durch die Katakomben des in Sanierung befindlichen Hauses am Gustaf-Gründgens-Platz. 75 Besucher sind pro Vorstellung dabei, sie laufen durchs Treppenhaus hinab durch enge Flure, stranden auf einer dunklen Probebühne, gehen weiter hinunter ins Magazin, einem unwirklichen Ort, und fahren schließlich im rumpelnden Lastenaufzug hinauf in Richtung Erlösung.

Bemerkenswert dabei ist: Je tiefer man hinab steigt, desto größer wird die Freude beim Zusehen. Etwa eine Stunde verbringen die Theatergänger in einem leer stehenden Lager für Bühnenbilder, jenem Ort, in dem Dante und Vergil laut Vorlage die neun Kreise der Hölle durchschreiten. Dafür braucht Schütz keine raffinierten Kulissen: Mit wenigen Tricks und gezieltem Einsatz von Video gibt er diesem Raum den beunruhigenden Anschein, dass das Ende aller Hoffnung ganz nah ist. Kurz lodert das Fegefeuer auf. Mit dunkel-dröhnenden Klängen unterstreicht Musiker Karsten Riedel die Schrecken des Totenreichs. Schade bloß, dass so mancher markante Satz aus der Feder des mittelalterlichen Dichters in dem riesigen Raum, der fürs Theaterspiel naturgemäß nicht gebaut wurde, kaum zu verstehen ist.

Kilian Land und Andreas Grothgar nehmen als Dante und Vergil die Zuschauer an die Hand und führen sie wie zwei Fremdenführer durch die weit verästelte Handlung. Vor allem der souveräne Grothgar steht dabei wie ein Fels in der Brandung des galoppierenden Wahnsinns, während Land mit großen Augen die Höllenpein durchwandert und erforscht.

Mit dem Fahrstuhl ins Paradies

Eine große Szene erwartet die Theatergänger am Ende ihrer Reise. Im Fahrstuhl sind sie mittlerweile auf den Gipfel des Läuterungsberges hinauf gefahren und betreten das Paradies, also das Kleine Haus, in dem Dante seine verlorene Liebe Beatrice (stark: Lieke Hoppe) trifft. Auch hier verweigert Johannes Schütz gewissermaßen seinen Job, lässt nur die leere Bühne sprechen. Die Spur eines nassen Wischmops wird zum Wasser des Flusses Lethe, sparsame Videoanimationen entfalten verblüffende Wirkung.

So nüchtern und doch so kraftvoll ist dieses gewaltige Stück Weltliteratur wohl schon länger nicht gedeutet worden. Viel Beifall.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik