SCHAUSPIEL

Hohe Sicherheitsvorkehrungen bei „Verräter“-Premiere im WLT

Neven Nöthig und Songül Karaca (li.) nebst Mehrzweck-Kubus, ebenso Symbol für das türkische Gefängnis wie den goldenen Käfig des Exils.

Neven Nöthig und Songül Karaca (li.) nebst Mehrzweck-Kubus, ebenso Symbol für das türkische Gefängnis wie den goldenen Käfig des Exils.

Foto: Volker Beushausen

Castrop-Rauxel.   Premiere mit Polizeipräsenz: „Verräter“, die Bühnenadaption des gleichnamigen Buches von Can Dündar, wurde im WLT in Castrop-Rauxel bejubelt.

Polizei kontrolliert die Straßen, überwacht den Freiplatz vor der Stadthalle. Kartenbesitzer erwartet vor dem Betreten eine Körperkontrolle; wer einmal drin ist, darf nicht wieder raus, etwa für einen letzten Nikotinstoß. Die vieläugige Überwachung im Foyer ist so dezent wie unübersehbar. Auch im Saal sind die Sicherheitskräfte problemlos auszumachen.

Das Szenario, das sich am Donnerstagabend am und im Westfälischen Landestheater abspielt, ist nicht Teil einer Inszenierung. Es ist eine leider erforderliche, eine verständliche Sicherheitsmaßnahme und gilt Can Dündar.

Verfolgt als Spion und Staatsfeind

Der im Berliner Exil lebende ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, der 2015 über geheime Waffenlieferungen der Regierung Erdogan an den sogenannten Islamischen Staat berichtete und seither als Spion, Landesverräter und Staatsfeind verfolgt wird, ist zur umjubelten Premiere der Bühnenadaption seines Buches „Verräter“ nach Castrop-Rauxel gekommen.

Christian Scholze (Buch und Regie) hat die durch Sondermittel der Landeszentrale für politische Bildung ermöglichte Inszenierung in enger Absprache mit Dündar entwickelt. Auf der Bühne (Anja Müller) ein paar Stühle und ein anfangs verhüllter Mehrzweck-Kubus, der, wenn der Vorhang fällt, als überdimensionierter Vogelkäfig für das türkische Gefängnis ebenso steht wie für den goldenen Käfig des Exils. Hier erzählen und spielen vier Darsteller den Leidensweg des Journalisten, der zu den prominentesten Vertretern im Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit gehört.

Von der Chronologie ins Private

Anfangs steht noch die Chronologie der Ereignisse am Bosporus im Vordergrund, geht es um das Ende der Rechtsstaatlichkeit nach dem misslungenen Putsch, um Kriegsrecht und Ausnahmezustand, um Säuberungsaktionen und Willkür gegenüber Andersdenkenden. Doch zunehmend stellt Scholze auf die private Ebene ab, auf das nur noch isoliert gelebte Leben.

Die Ehefrau, die in der Heimat als Staatsgeisel festsitzt, Freunde, die aus Furcht vor Repressalien die Solidarität verweigern, permanenter Personenschutz, die Unmöglichkeit, sich in Freiheit frei bewegen zu können, die Anpassungsprobleme im Exil: Der „Fall Dündar“ wird zu einem beklemmenden Lehrstück über die Gefahren, die von Demagogen und Extremisten wo auch immer für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde ausgehen, und über die Notwendigkeit, sich dem solidarisch entgegenzustellen.

Queen-Song als dröhnender Appell

Wenn zum Schluss „We Will Rock You“ von „Queen“ erklingt, dann ist weniger eine Botschaft der Hoffnung als ein dröhnender Appell.

Termine: Am WLT ist „Verräter“ erst im Januar 2020 wieder zu sehen. Die Termine für neun geplante Gastspiele werden noch bekanntgegeben.

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