Politische Kultur

Jan Fleischhauer: Links? Überholt!

Foto: Jan Fleischhauer

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Essen. Der Journalist Jan Fleischhauer erzählt in seinem Buch "Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde", wie er konservativ wurde - und warum Linkssein heute gar nicht mehr geht.

Comics, Cola und McDonald's: Man ahnt ja gar nicht, was einem Kind linker Eltern vorenthalten wurde, damals in Hamburg-Wellingsbüttel. Doch Jan Fleischhauer, Spiegel-Redakteur Jahrgang 1962 und aufgewachsen in diesem an roter Kultur reichen und auch sonst nicht armen Stadtteil, bricht sein Schweigen. Macht die Entbehrungen, die ihm das Gebot politischer Korrektheit auftrug, endlich öffentlich. Entlarvt das rote Milieu, das ihn in frühen Kontakt zum Schleudergang brachte; denn schon als 15-Jähriger musste er selbst seine Wäsche waschen, Alice Schwarzer sei Undank: „Ich gebe zu, dass ich seitdem etwas eigen bin, wenn es um das richtige Waschmittel oder die korrekte Waschtemperatur geht."

Was ist das eigentlich, Links?

Ein Mann sieht Rot. Und trifft in seinem Zorn ein paar grundsätzliche Fragen der derzeitigen politischen Landschaft, gerade rechtzeitig zur Turbokrise des Kapitalismus.

Was ist das eigentlich: links? Und wie heißt die andere Seite? „Niemand in Deutschland, der noch bei Trost ist, bezeichnet sich selbst als rechts. Bürgerlich vielleicht oder konservativ, aber selbst das nur mit angehaltenem Atem", gesteht Fleischhauer gleich zu Beginn. Ebenso räumt er ein, dass das Links-Rechts-Spektrum manchem Meinungsführer als überholt gilt. Dennoch bewegte ihn sein Eindruck, „die Linke" sei in Deutschland zum „Juste Milieu derer geworden, die über unsere Kultur bestimmen", zum Verfassen einer Polemik, die - richtig komisch ist. Unterhaltsam. Lustig und lehrreich und im Kern dazu angelegt, selbst vermeintlich „Linke" an ihrem eigenen Linkssein zweifeln zu lassen.

Opfergruppe Frauen

Denn er hat ja Recht mit weiten Teilen seiner Kritik: an der deutschen Opferkultur, in der noch jeder und alles irgendwie benachteiligt und unterstützungswürdig ist. In der schon das Wort „Minderheit" Schutzreflexe auslöst. Als größte Opfergruppe - über 51,5 Prozent der Weltbevölkerung! - macht er die Frauen aus, gleich dahinter die Menschen mit Migrationshintergrund.

Doch Fleischhauer wagt sich weiter: von der linken Geistesgeschichte, wo er die Utopien der Weltverbesserer zerlegt, über eine „Allianz von Antikapitalismus und Antisemitismus", hinter der er „die alte Vorstellung vom jüdischen Ursprung des Kapitals" vermutet. Auch die Gleichbehandlung aller Mitglieder des linken Spektrums, vom SPD-Ortsverein bis hin zur RAF, macht seine Polemik leicht angreifbar. Doch natürlich: Nur auf diese Weise kann er gleichzeitig den Terroristen eiskaltes Kalkül vorwerfen und „den Linken" eine Emotionalität, die jeglichen Witz ersticke: „Wenn das Gefühl regiert, ist der Humor am Ende. Was bleibt, ist Kitsch."

Rehabilitation für den "Spießer"

Oder soll sein Buch als persönlich geprägtes Feuilleton durchgehen? Dann fehlte ein entscheidender Punkt: Die Wende im Leben des Schülers Jan, der einst im Gymnasium Plakate klebte mit der Aufschrift „Isolationshaft ist Folter" hin zu einem, der den Wohlfahrtsstaat anprangert und den „Spießer" als kleinbürgerliche Stütze der Gesellschaft rehabilitieren will. Was passierte dazwischen? Vielleicht der Besuch bei den Hausbesetzern der Hamburger Hafenstraße im Januar 1991: „abgezogener Dielenboden, pastellfarbene Raufaserwände, in der Küche ein großer Kieferntisch, daneben eine Küchenzeile mit Geschirrspüler von Miele" - „unbequeme Gegenkultur wie eine Seite aus dem Ikea-Katalog". Da kann man schon ins Grübeln geraten.

Doch, lustig ist das alles. Jedoch muss man einige seiner Vorwürfe an den Autoren zurückreichen: Dass er sich als Opfer einer Bewegung sieht, deren Opfertum er anprangert. Dass er persönliche Belange (Comics und Cola) zur öffentlichen Sache macht. Dass er kein eigenes Programm hat, in der Opposition verharrt.

Das hat er sich doch abgeschaut bei diesen… - diesen Linken! Auch noch mit Erfolg: Teile des Buches wurden im „Spiegel" abgedruckt, das Werk schon vor dem Erscheinen in dieser Woche in überregionalen Zeitungen - na gut, sagen wir, kritisch rezensiert. Was zumindest seine These von den humorfreien Linken zementiert.

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Rowohlt Verlag, 352 Seiten, 16,90 Euro

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