Literatur

Joachim Meyerhoff schreibt über seinen Schlaganfall

Joachim Meyerhoff im Jahr 2016.

Joachim Meyerhoff im Jahr 2016.

Foto: Leonardo Cendamo / Getty Images

Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff erzählt im neuen Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ von seinem Schlaganfall – und dem Danach.

Joachim Meyerhoff hat mit 51 Jahren erreicht, was ein Künstler nur erreichen kann, sogar doppelt: Als langjähriges Ensemblemitglied feiert er am Wiener Burgtheater Erfolge, darüber hinaus stürmten seine nunmehr vier autobiografischen Romane („Alle Toten fliegen hoch“) verlässlich die Bestsellerlisten. Schauspieler, Autor, auch noch dreifach Vater: Mit seiner ältesten, 18-jährigen Tochter sitzt er gerade bei Hausaufgaben am Küchentisch, als sein Leben aus den Fugen gerät: „Mein Kopf sirrte, schrill und ungut, und in die Gedanken hinein fiel ein gleißendes Licht, wodurch sie wie Luftspiegelungen zerflimmerten. Links verschwand in dieser Welle mein halbes Gesicht.“

Ein Schlaganfall reißt Meyerhoff im Jahr 2018 mitten aus dem Leben, und er – schreibt. Sein fünfter Roman ist zur Hälfte therapeutisch, sind die Finger der linken Hand doch bis heute zittrig: „Sie erinnern sich nur noch vage an die Positionen der Buchstaben auf der Tastatur und geben ihr Bestes, nicht vorbeizufliegen. Somit ist der Parcours gesteckt. Mit der Rechten wird gedichtet, mit der Linken trainiert.“ Insofern ist das Ende des Romans gleich am Anfang bekannt: Es geht gut aus. Meyerhoff arbeitet heute sogar schon wieder als Schauspieler, nun an der Berliner Schaubühne.

„Ich war am Ende von etwas angekommen. Mein Selbstbild bröckelte gewaltig.“

Ein durchaus beruhigendes Wissen, wenn wir nun lesen müssen, dass „die Rettung“ (wie die Wiener Notärzte heißen) sich erst ewig Zeit lässt und dann 40 Minuten warten muss, bis sie einen freien Platz in einem Krankenhaus zugewiesen bekommt. Ein Moment, in dem sich Meyerhoffs Verhältnis zur Tochter erstmals wendet – sie übernimmt die Führung, herrscht den Zivi an, ist plötzlich erwachsen. So schonungslos offen, wie wir den Autor aus früheren Büchern kennen, ist er auch im Angesicht der eigenen tragischen Hilflosigkeit: Vom nächtlichen Pinkelversuch in eine Glasflasche bis zur Rührung über die Macht eines Schicksalsschlages, der die neue Freundin (Sophie, mit der er einen Sohn hat) und die Mutter seiner beiden älteren Kinder kurz mal friedfertig werden lässt.

Mit fünf Menschen, nur durch Vorhänge getrennte, teilt Meyerhoff sein Krankenzimmer und die Demütigung: „Um mich herum wurde geweint, geschnarcht und gestottert. Ich war am Ende von etwas angekommen. Mein Selbstbild bröckelte gewaltig. So schnell also war ich hinübergerutscht aus der Unverwüstlichkeit in die Verwüstlichkeit.“ Es ist diese radikale Verletzlichkeit, die anrührt.

Joachim Meyerhoff über sein Vollgas-Leben: „Ich war die blonde Bombe!“

Der Schlag ist eine Zäsur, er teilt in ein Davor und Danach. Davor, da war der Schauspielerautorvater „nur durch Vehemenz in die Tiefe gelangt, nie durch Besinnung. Ich war die blonde Bombe!“ Danach, da steht die Erkenntnis, wie angstgesteuert noch das erfolgreichste Leben sein kann: „Wenn ich nicht brannte, war ich niemand. Mein Ich, war ich sicher, würde sich auflösen im Stillstand. Nur das Tempo hielt mich an der Oberfläche.“

Und die Hamster? Die entdeckt Meyerhoff bei nächtlichen Streifzügen auf dem Klinikgelände. Das „hintere Stromgebiet“ nennen Ärzte jenes Hirnareal, das der Schlag getroffen hat. Da ist er denn doch wieder, der Meyerhoff’sche Humor.

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet. Kiepenheuer & Witsch, 304 S., 24 €

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