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Joschka Fischer: „Ich bin Produkt der Dorfbibliothek“

Vom Anfang der Zeitenwende: „Der Abstieg des Westens“ heißt das jüngste Buch des ehemaligen Bundesaußenministers Joschka Fischer.

Vom Anfang der Zeitenwende: „Der Abstieg des Westens“ heißt das jüngste Buch des ehemaligen Bundesaußenministers Joschka Fischer.

Foto: Lars Heidrich

Essen.   Der frühere Außenminister Joschka Fischer hat mit 70 Jahren viel Zeit für eine Leidenschaft: Bücher. Ein Gespräch übers Lesen und Schreiben.

Man kennt Joschka Fischer als Politiker, als Redner, als Autor. Aber Joschka Fischer, der Buchhändler? Mit Britta Heidemann sprach der 70-Jährige über eine große Leidenschaft: Bücher.

Herr Fischer, welche Rolle spielen Bücher in Ihrem Leben?

Joschka Fischer. Eine große! Ich lese viel historische Bücher, dann und wann Romane. Durch Zufall habe ich jetzt den Franzosen Georges Simenon entdeckt. Da fand ich die Beschreibung eines Landes wieder, das ich als junger Mann in den späten 60er-Jahren noch kennengelernt habe. Als ich damals per Anhalter nach Frankreich reiste, war das noch eine andere Welt – so, als ob wir heute nach China fahren würden.

Einer Ihrer ersten Studentenjobs führte Sie in eine Buchhandlung.

Ich war sogar selbst mal Eigentümer einer Buchhandlung. Damals sammelte ich antiquarische Bücher. In der Karl-Marx-Buchhandlung an der Frankfurter Uni, das war so ein kollektiver Betrieb, da haben wir den Boden aufgehackt und eine Treppe hereingesetzt und im Untergeschoss das Antiquariat eröffnet, mit meiner Privatsammlung als Grundkapital.

Sie haben sich tatsächlich von Ihren Schätzen getrennt?

Das war die Voraussetzung. Schöne Sachen! Damals fand man sie noch leichter als heute. Ich habe mal eine Erstausgabe von Franz von Baader aus den 1820er- Jahren gefunden in einem Billigantiquariat in Frankfurt, das sonst Groschenhefte hatte.

Sie selbst haben schon einige Bücher geschrieben – wissen Sie auswendig, wie viele?

Zehn vielleicht, plus minus zwei?

Wikipedia sagt, es sind 16.

So viele! Ich habe das Schreiben immer als zweite Option betrachtet. Wenn es in der Politik nichts wird, wollte ich es mit dem Schreiben versuchen. Wenn ich ein Buch schreibe, sortiere ich zuerst und vor allem meinen eigenen Kopf. Und dann habe ich es!

Wann, wie schreiben Sie?

Als junger Mann habe ich nachts geschrieben und auf der Schreibmaschine, heute eher morgens und am Computer. Aber immer noch mit Zweifinger-System! Inzwischen geht das sehr fix. Der Computer ist schon eine feine Sache. Ich bin selbst begeisterter Wikipedia-Nutzer. Da kann man Dinge verifizieren, das macht das Arbeiten sehr viel einfacher.

Ihr jüngste Buch heißt „Der Abstieg des Westens“ und wirft einen sehr pessimistischen Blick auf Europa.

Ich finde nicht, dass das Buch pessimistisch ist. Ich habe den Anspruch, Realist zu sein. Wenn Sie sich nur anschauen, welchen Bruch Trump für Deutschland bedeutet. Amerika, dem wir so viel zu verdanken haben, distanziert sich plötzlich von Deutschland. Das ist eine dramatische Zäsur! Da bleibt uns nur Europa. Aber hier haben wir den Brexit, da gibt es Marine Le Pen – was ist, wenn Frankreich den Briten folgt? Natürlich können Sie sagen, Fischer, du bist 70, was regst du dich auf! Ich habe aber vier Enkelkinder. Das geht mich etwas an. Die Welt kann nicht funktionieren ohne offenen Handel, ohne Austausch.

Würde Lesen helfen? Wünschen Sie Trump eine große, den Horizont erweiternde Bibliothek?

Das würde nichts nützen. Zum Lesen gehört eine intellektuelle Neugier. Menschen müssen als Kinder herangeführt werden an das Lesen. Ich komme aus einer Familie, die arm war, aber glücklich. Ich bin Produkt der Dorfbibliothek. Ich habe sie von A bis Z gelesen. Ich konnte da eintauchen. In einer Frage war ich immer, ob in der Landes- oder Bundesregierung, dickschädelig: Wenn es dem Bibliothekswesen ans Geld gehen sollte.

Heute beginnt auch die Frankfurter Buchmesse. Dort präsentieren sich einmal mehr rechte Verlage, was erneut zu Debatten führt. Was denken Sie?

Toleranz ist nicht immer einfach und kann wehtun; dennoch sollte man sie nicht in Frage stellen. Für mich ist dennoch Meinungsfreiheit und die Freiheit des Geistes etwas, das wir unbedingt verteidigen müssen. Das heißt nicht, dass man naiv ist oder Gefahren nicht erkennt. Trotzdem gilt für mich der Satz von Rosa Luxemburg: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.

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